In der Corona-Pandemie wurden die Grenzen dicht gemacht – auch für ErntehelferInnen. Durch den Druck der Großgrundbesitzer auf die Bundesregierung wurden die erlassenen Einschränkungen teilweise wieder gelockert, sodass 40.000 SaisonarbeiterInnen nun doch eingeflogen wurden. Jetzt ist der Erste von ihnen verstorben – an Covid-19. – Ein Kommentar von Bruno Winter

Keine 4 Wochen hat es gedauert, dass der oder die Erste von ihnen stirbt. Es ist traurig und macht wütend. Es ist keine persönliche Tragödie, sondern ein absehbares Produkt der Ausbeutung ausländischer Saisonkräfte.

Die Arbeitsbedingungen, unter denen unsere SaisonarbeiterInnen arbeiten, waren schon vor dem Ausbruch von Corona sehr schlecht: 12 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche, körperliche Schwerstarbeit unter ständig wechselnden Witterungsbedingungen – und das alles für einen Mindestlohn.

Dazu verschärfen sich die Bedingungen durch das Virus drastisch: Schon an den Abflughäfen konnten wir dicht an dicht gedrängte Menschen sehen, die Bilder gingen durch die Medien.

Der Tod wird in Kauf genommen

Und auch hier werden sie weiter unter – für sie absolut gefährlichen – Umständen untergebracht: Sie schlafen in Sammelunterkünften, werden morgens in großen Sammelbussen auf die Felder und abends zurück in die Unterkunft transportiert, von Mindestabstand keine Spur.

Ansonsten sind sie alle unter Quarantäne gestellt, sie dürfen ihre Unterkünfte nicht verlassen, abgesehen natürlich von ihrer „Verwendung“ für die deutsche Landwirtschaft – als billige Arbeitskräfte.

Was ist hieran so besonders skandalös? Anstatt aufgrund der aktuellen Lage die Bedingungen auch nur minimal zu verbessern – zumindest was die Unterbringung und vielleicht den Lohn in Form einer Gefahrenzulage angeht – wurden nicht die geringsten Zugeständnisse seitens der Landwirte gemacht.

Ganz im Gegenteil nehmen sie seit Wochen billigend den Tod der ArbeiterInnen in Kauf. Hauptsache sie können ihre Erntekosten so gering wie möglich halten, damit sie im Preiskampf ihre Konkurrenz unterbieten können.

Und die Politik?

Nachdem das Einreisen von SaisonarbeiterInnen ursprünglich verboten war, wurde es unter Auflagen für die nun eingereisten 40.000 ArbeiterInnen dann doch erlaubt. Doch gehörten zu diesen „Auflagen“ keine Corona-Massentests, es wurde lediglich auf Anzeichen geprüft.

Wir alle wissen, wie wenig sinnvoll dieses Vorgehen ist, da Menschen erst nach mehreren Tagen oder sogar überhaupt keine Symptome zeigen, obwohl sie infiziert sind. Das scheint allerdings auch der Regierung klar gewesen zu sein, weshalb sie weiterhin verfügte, die ErntehelferInnen von den hier lebenden und arbeitenden Menschen nach ihrer Ankunft zu isolieren. Dass sie sich in den Gruppenunterkünften gegenseitig infizieren und im schlimmsten Fall sterben können, scheint unwichtig – Hauptsache, der Spargel wird geerntet und er bleibt billig!

Für Geflüchtete bleiben die Grenzen geschlossen

Nur, um das alles nochmal in eine andere Relation zu setzen: Seit Monaten warten 20.000 Geflüchtete in völlig überfüllten Lagern in Griechenland darauf, dass ihnen endlich geholfen wird. Die medizinische Versorgung und die hygienischen Zustände sind dramatisch, es sind fast 10 Mal so viele Menschen, wie es eigentlich Plätze gibt.

Und niemand hilft: in der gesamten EU scheint es nicht möglich zu sein, diese Menschen zu unterstützen. In Deutschland haben sich viele Städte und Gemeinden gemeldet, dass sie genug Platz für eine Aufnahme hätten. Was ist passiert? Es wurden 50 (!) Kinder aufgenommen, und im Bundestag feiern sie sich für ihre Menschlichkeit.

Durch den Ausbruch von Corona hat sich die Situation vor Ort nun nochmals verschärft, geholfen wird  trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil wird hier mittlerweile argumentiert, man könne keine Geflüchteten aus den Lagern holen, die Ansteckungsgefahr sei zu groß.

Das Kapital entscheidet, wer gebraucht wird

Wir sehen hier besonders deutlich die Prioritäten, die auch in anderen Bereichen der Wirtschaft vorherrschend sind: der Profit der Unternehmer steht über der Gesundheit der ArbeiterInnen. Menschen, die hier bei uns ausgebeutet werden können, stehen über denen, die in Not sind und einfach Hilfe brauchen.

Wir sitzen in der Corona-Krise alle in einem Boot? Ich denke, dieses Beispiel zeigt das genaue Gegenteil: Es gibt zwei Boote. Wir als ArbeiterInnen, egal ob in Rumänien oder hier, sitzen in dem einen Boot, die AusbeuterInnen sitzen in einem anderen.


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