Die vergangenen zwei Wochen über standen die Stadt Magdeburg und UnterstützerInnen im Krisenmodus, nachdem Mitte Juni die Coronafälle in zwei Bezirken in die Höhe geschnellt waren. Heute endet die Quarantäne in mehreren Wohnblöcken von Magdeburg. – Ein Rückblick von Pauline Lendrich.

Am 4. Juli endet die zweiwöchige Quarantäne in zwei Magdeburger Bezirken, die die Stadt am 20. Juni über mehr als 500 MagdeburgerInnen an mehreren Hauseingängen verhängt hatte. Über 100 Menschen hatten sich Mitte Juni innerhalb kürzester Zeit neu infiziert.

Kommunikationsschwierigkeiten über die anfängliche Anweisung, in den Wohnungen zu verbleiben, hatten zu der Anordnung auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes geführt. Dabei spielte Sprache eine maßgebliche Rolle, denn viele der rumänischen BewohnerInnen verstanden nur wenig von dem, was passierte.

Berichten zufolge war die Situation in der Neuen Neustadt gerade deshalb problematisch: Bei vielen hatten sich nach den ersten Tagen ohne substantielle Informationen Unmut und Sorge über die Versorgung geregt. Auch um Arbeitsplätze wurde gebangt.

Eine Rückkehr in die Schulen am kommenden Montag ist ab jetzt allerdings nur mit einem verpflichtenden negativen Corona-Test möglich. Darüber wird unter anderem in mehrsprachigen Handzetteln informiert. Bei positivem Test sollen nunmehr nur noch Einzelquarantänen verhängt werden, so der Amtsarzt Dr. Eike Henning.

Verständigungsschwierigkeiten & nachbarschaftliche Hilfe

Die Lage nach den Ausbrüchen hatte sich bereits in den ersten Tagen als recht komplex herausgestellt. So erschwerten Verständigungsschwierigkeiten den Zugang zu Informationen. Auch die ersten Lebensmittellieferungen für mehrere hundert MieterInnen waren eingangs schleppend. Ohne sprachliche Unterstützung wussten die BewohnerInnen beispielsweise nicht, wie sie die Paletten voller Lebensmittel, die nun vor jeden Hauseingang gestellt worden waren, untereinander aufteilen sollten.

Daraufhin schlossen sich einige lokale Organisationen und Einrichtungen kurzerhand zusammen und stellten die Projektinitiative „Moritz Hilft!“ auf die Beine: MagdeburgerInnen waren aufgerufen, Nahrungsmittel, Baby- und Freizeitartikel zu spenden, die über die städtische Grundversorgung hinausgingen. Viele Familien mit Kleinkindern waren immerhin für zwei Wochen in engen und mitunter überhitzten Wohnräumen eingepfercht.

Mit dem überwältigenden Spendenresultat für die Initiative hatte niemand gerechnet. Kistenweise gelangten Spiel- und Malsachen in das Neustädter Kinder- und Jugendhaus „Knast“, wo sie sortiert und nach Straßen geordnet aufgeteilt wurden. Vereinzelt erreichten auch Pakete von ehemaligen MagdeburgerInnen aus Sachsen das Projekt.

Dolmetscherin engagiert

Abstimmungen zwischen den Auslieferungsaktionen von Moritz Hilft! und den Johannitern gab es wenig bis gar nicht, so Sandy Gärtner, Koordinatorin der Initiative und Mitorganisatorin des Bundesmodellprojekts „Utopolis Neue Neustadt“: Das Team, bestehend aus Ehrenamtlichen, Freiwilligen und Mitarbeitenden der InitiatorInnen, transportierten Kartons per Auto oder zu Fuß zu den Hausaufgängen.

Auch die Kommunikationslücke löste Moritz Hilft! schnell und engagierte eine Dolmetscherin über ein lokales Übersetzungsbüro. Sie begleitete das Team und leistete in wichtigen Momenten wertvolle Verständigungshilfe. Die Dankbarkeit war Vielen jedoch auch ohne sprachliche Hilfsmittel anzusehen.

Über eine kurzfristig eingerichtete städtische Hotline können BewohnerInnen nunmehr auch mit rumänisch-sprachigen Mitarbeitenden zur Sachlage kommunizieren.

Nicht in DIE und WIR unterteilen

Noch ist nicht vollständig geklärt, wie es zu dem Corona-Ausbruch kommen konnte. Naheliegend ist laut bisherigen Angaben der Stadt, dass sich einige während eines Gottesdienstes ansteckten. Die Infektionskette konnte jedoch nicht nachgewiesen werden, offenbar aufgrund unvollständig ausgefüllter Teilnehmendenlisten.

Für Sandy Gärtner spielte aber auch eine Rolle, dass es sich vielfach um Familien auf engstem Wohnraum handele, somit seien Ansteckungen vorprogrammiert. Zudem wurden mehrere Familien bereits negativ getestet. Problematisch bleibt für sie und den Beirat für Integration und Migration allerdings, dass von Anfang an überhaupt eine Betonung der Nationalität der Infizierten erfolgte – besonders vor dem Hintergrund des ohnehin oft kritischen Diskurses über RumänInnen in Magdeburg.

„Mit Worten fängt es an, dass in DIE und WIR unterteilt wird“, heißt es in der Pressemitteilung des Beirats vom 18. Juni: „Es ist unerträglich, wenn selbst in […] Medienmitteilungen im Kontext der Infizierung von deutschen und rumänischen Kindern gesprochen wird.“

„Die Neue Neustadt ist unglaublich vielfältig: Alt und Jung, Familien mit Kindern, Arbeitslose und Beschäftigte in allen Bereichen“, sagt Sandy Gärtner gegenüber perspektive-online. In das Kinder- und Jugendhaus kommen auch viele rumänisch-sprachige Jugendliche. „Schön wäre es, wenn man diese Vielfalt auch bei rumänischen MitbürgerInnen anerkennen würde.“


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