USA, afghanische Regierung und Taliban treffen sich in Doha zu Friedensverhandlungen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass der NATO-Krieg in Afghanistan ein Misserfolg auf ganzer Linie war. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Morgen beginnen in Doha die Verhandlungen um einen Frieden in Afghanistan. Neben einer Delegation der afghanischen Regierung und der Taliban wird auch der US-amerikanische Außenminister anwesend sein. In seinem unverwechselbaren persönlichen Stil ließ Präsident Trump hierzu verlauten: „Wir verstehen uns gut mit den Taliban und auch mit den Vertretern Afghanistans. Mal sehen wie es läuft bei der Verhandlung.“

In den letzten Jahren hatten die Regierung und die NATO Stück für Stück die Kontrolle über große Teile des Landes eingebüßt, lediglich Kabul konnten sie kontinuierlich halten. In vielen Regionen entstand eine Situation der Doppelmacht, in der tagsüber der afghanische Staat und nachts die Taliban herrschen.

In erster Linie litt die Zivilbevölkerung unter diesem Krieg und wurde zwischen den Fronten zerrieben. Mindestens 200.000 Menschen sind dem Krieg seit 2001 zum Opfer gefallen.

Er hat ein Land geformt, indem die zersplitterte Macht im Land noch stärker als zuvor mit Waffengewalt durchgesetzt wird.

Es sind diese Tatsachen, an denen man die „Erfolge“ der NATO-Intervention mit deutscher Beteiligung messen muss: Vor 19 Jahren besetzte man Afghanistan, verdrängte die Taliban von der staatlichen Macht – mit den großen Worten „Menschenrechte und Demokratie“ auf den Lippen. Heute sitzt man mit eben diesen Taliban am Verhandlungstisch und verhandelt darüber, wie viele Elemente der Scharia in das afghanische Rechtssystem übernommen werden.

Nach 19 Jahren Intervention der NATO in Afghanistan sind die Taliban – der ursprüngliche islamistische Feind des Westens – zum Verhandlungspartner avanciert. Ihre Position ist so stark wie seit Beginn des Krieges nicht mehr. Zumindest was alle öffentlich verkündeten Ziele angeht, sind Deutschland und seine Verbündeten gescheitert.

In gerade dieses Land schiebt Deutschland in den letzten Jahren wieder verstärkt ab, während sich die Kampfhandlungen sogar intensivieren und die Taliban schrittweise ihren Einfluss im Land ausdehnen konnten. Es ist wohl nicht zu weit hergeholt, unserer Regierung zu unterstellen, dass ein einfacher zynischer Gedanke diesem Vorgehen zu Grunde liegt: Schieben wir die Menschen jetzt nicht ab, dann müssten wir vielleicht in einem Jahr erklären, warum wir sie in ein Land abschieben wollen, dem wir vor 20 Jahren den Krieg im Namen der Menschenrechte erklärt haben.


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