Am Montag wollte die Bewegung „Leipzig/Querdenken341“ am Jahrestag der Reichspogromnacht erneut in der Innenstadt auflaufen. 600 Antifaschist:innen verhinderten den Spaziergang und sammelten sich im Anschluss auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Eine Passantin wurde dort Zeugin einer Ungeheuerlichkeit: Ein Nazi forderte die Polizei dazu auf, in die Menge zu schießen. Mehrere Beamte vereitelten die Strafverfolgung. – Ein Interview mit der Augenzeugin Jasmin H.*

Was war gestern in Leipzig los?

Am Montag wollten die Querdenker:innen wieder demonstrieren. Aber dieses Mal wurde der „Spaziergang der Freiheit“ von über 600 Antifaschist:innen verhindert. Nach 40 Minuten sind die Querdenker:innen dann nach Hause gegangen.

Ich war persönlich da und habe die Lage beobachtet. Nach der Auflösung der Querdenker-Demo haben sich die Teilnehmer:innen der Gegendemo auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz gesammelt und weiter protestiert.

Was geschah dann?

Auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz bekam ich Durst und wollte aus dem anliegenden REWE etwas zu trinken holen. Vor der Filiale standen einige Polizeiautos, daneben die Polizeibeamten. Direkt vor dem REWE-Eingang stand ein Polizist. Ich konnte beobachten, dass ein Mann – mit Glatze, aber ohne Maske – mit dem Polizisten sprach.

Was ich dann gehört habe, war so wenig überraschend wie vielmehr erschreckend. Der Nazi sagte mit Blick auf die Demonstrant:innen: „Gucken Sie mal, das sind alles Asoziale, Arbeitslose. Erschießen Sie sie! Erschießen Sie alle! Erschießen Sie sie, dann haben wir alle Ruhe!“ Dieser Verbrecher hat den bewaffneten Beamten drei Mal hintereinander zum Massenmord angestachelt.

Wie reagierte der Beamte?

Der Polizist reagierte nicht. Ich konnte es nicht mehr ertragen und bin zu den beiden rüber gegangen. Dem Beamten sagte ich, dass ich auf der Stelle den Glatzkopf aufgrund von Volksverhetzung und des Aufrufs zum Mord anzeigen wolle. Außerdem solle der Beamte die Personalien des Verbrechers kontrollieren.

Der Beamte ignorierte auch mich und ließ den Mann laufen. Ich habe mich sofort mit dem uniformierten Komplizen des Nazis gestritten. Ihm selbst drohte ich nun, dass ich auch ihn anzeigen wolle aufgrund von unterlassener Hilfeleistung und Vereitelung von Strafverfolgung. Immerhin hatten in den letzten Jahren Rechtsextreme mehrere Anschläge und Morde an unschuldigen Menschen verübt. Oft hatten sie diese öffentlich angekündigt.

Ich sagte dem Polizisten, dass sich die Polizei mitschuldig mache, wenn der Verbrecher jetzt eine Waffe holen und selbst in die Menschenmenge schießen würde. Seine Reaktion war: „Ich habe dazu keinerlei Kommentar abgegeben.“

Und was haben die umstehenden Polizisten gemacht?

Während der Konfrontation zwischen mir und dem Beamten ist noch ein Polizist dazugekommen und fragte, was los sei. Ich erzählte ihm alles, und dass ich sowohl den Hetzer als auch seinen Komplizen, den Polizisten, anzeigen wolle.

Der zweite Beamte sagte mir, ich habe kein Recht, eine Anzeige zu erstatten, weil ich nicht zu Schaden gekommen sei, und es wäre ohnehin nicht möglich, weil sie die Personalien des Mannes nicht hätten. Man könne nichts tun.

Ich schrie ihn an und erklärte ihm, dass sein Kollege die Aufnahme der Personalien verweigert habe. Beide zuckten mit den Schultern und blieben untätig.

Wie bewertest du die Situation?

Die beiden Beamten verhinderten eine Anzeige wegen Aufrufs zum Mord. Bisher hatte ich sowas immer nur von Antifas gehört. Aber seit gestern ist mir klar geworden, dass die Polizei wirklich die staatliche Schutzmacht, der grüne Schutzengel der Braunen ist.

*Name von der Redaktion geändert.


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