In den beengten Räumlichkeiten der Außenstelle in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Neustadt (Marburg-Biedenkopf) ist es zu einem heftigen Corona-Ausbruch gekommen: Fast die Hälfte der rund 600 Bewohner:innen hat sich mittlerweile mit Covid 19 infiziert. Doch raus darf nur, wer die Erkrankung bereits überstanden hat. Wer noch Corona-frei ist, bleibt eingesperrt – trotz negativem Test.

Wenn Geflüchtete in Deutschland ihr Asylverfahren durchlaufen, müssen sie aktuell in einer Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) unterkommen. Im Fall der hessischen Kleinstadt Neustadt ist das eine alte Kaserne. Hier sind fast 600 Menschen in Mehrbettzimmern untergebracht. Es gibt vor allem Gemeinschaftsbäder. Insgesamt eine optimale Umgebung zur Verbreitung des Corona-Virus.

Das ist mittlerweile auch geschehen: Laut Regierungspräsidium Gießen gab es am gestrigen Mittwoch 41 positiv getestete Bewohner:innen in der Einrichtung, 283 seien wieder genesen. Doch nur, wer nachweislich nach einer Infektion wieder symptomfrei sei, dürfe die Einrichtung verlassen. Alle anderen müssten nach einer Verfügung des Gesundheitsamts auf dem Gelände verbleiben – auch wenn sie einen negativen Test vorlegen können.

„Wir sind schon fünfmal negativ getestet worden, aber wir dürfen seit einem Monat nicht raus – noch nicht mal zum Spazierengehen“, berichtet eine Bewohnerin gegenüber der Hessenschau. „Ich fühle mich hier wie im Gefängnis.“

Im Gespräch mit der Hessenschau berichtet sie mit anderen von noch weiteren Problemen:

  • Die Küchen seien wegen Corona geschlossen, und das gelieferte Essen sei so ungenießbar, dass Bewohner:innen Magen-Darm-Probleme entwickelten.
  • Viele Kinder seien seit Monaten nicht beschult worden, obwohl sie schulpflichtig seien.
  • Menschen mit chronischen Krankheiten erhielten nicht die notwendige Behandlung.
  • Die Asyl-Interviews durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seien bis auf Weiteres ausgesetzt, sodass die Geflüchteten noch länger in der Unterkunft verbleiben müssten.

Die Solidaritätsorganisation „Medinetz Marburg“ hat aus diesem Grund auf ihrer Facebook-Seite mehrere Forderungen formuliert. Dazu gehören neben einer ausreichenden medizinischen Versorgung der Asylsuchenden sowie einem transparenteren Umgang mit dem Infektionsgeschehen vor allem eine unverzügliche Unterbringung der Menschen in kleineren Einheiten. Zudem solle allen schulpflichtigen Kindern Schulbildung ermöglicht werden und die BAMF-Interviews sollten wieder aufgenommen werden.

Zuletzt fordert das Medinetz Möglichkeiten der Selbstvertretung, damit die Geflüchteten gegenüber der Erstaufnahmeeinrichtung und der Öffentlichkeit selbst Position beziehen könnten.


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