In Deutschland leben fast die Hälfte der Menschen zur Miete – doch noch immer haben Viele das Ziel, ein eigenes Haus oder eine Wohnung zu kaufen. Dafür nehmen sie oftmals hohe Kredite auf. Der Eigentümerverband „Haus & Grund“ warnt nun, dass viele dieser Menschen ihre Schulden nicht mehr würden abbezahlen können und es zu einem Anstieg von Zwangsversteigerungen kommen werde.

„Viele Immobilienfinanzierungen sind auf Kante genäht und auf Dauer mit größeren Einkommensverlusten nicht zu stemmen“, erklärte der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes von Haus & Grund, Christian Streim.

Zwar hätten anhaltende Niedrigzinsen, gestundete Bankenkredite und Kurzarbeitergeld zahlreiche Zwangsversteigerungen in der Pandemie verhindert. Unter anderem wegen auslaufender staatlicher Hilfen und der Arbeitslosenzahlen sei zeitverzögert aber mit deutlich mehr Zwangsversteigerungen zu rechnen.

Anstieg ab Mitte 2021

„Die coronabedingten Kündigungen von Krediten erwarten wir erst ab der zweiten Jahreshälfte 2021 und besonders 2022, da die Bearbeitungszeiten bei Banken und Gerichten sehr lange sind“, berichtete der Verbandschef. Auch seien viele Termine für Zwangsversteigerungen wegen Versammlungsverboten während der Pandemie abgesagt worden.

Zahlen des hessischen Justizministeriums zufolge gingen im vergangenen Jahr 1.901 Verfahren zur Zwangsvollstreckung ein, 2019 waren es 2.026. Mit Stand Jahresende 2020 waren 4.046 Verfahren anhängig (2019: 4.334).

Widerstand möglich

Streim appellierte an die Politik, weitere Maßnahmen zu ergreifen, damit durch die Pandemie in Not geratenen Kreditnehmer:innen ihre Immobilien nicht verlieren müssten. Banken könnten bei Zahlungsschwierigkeiten wegen der Corona-Krise helfen, indem sie weiterhin Stundungshilfen gewährten.

Doch kleine Eigenheimbesitzer:innen sind Politik und Banken nicht völlig ausgeliefert. In Spanien hatte es beispielsweise im Zuge der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 eine Massenbewegung von Menschen gegeben, die von Zwangsversteigerungen betroffenen waren. Sie hatten sich in der „Plataforma de Afectados por la Hipoteca“ (dt.: Plattform der Opfer von Hypotheken) zusammengeschlossen und mit Besetzungen und Protesten immer wieder Zwangsräumungen verhindert und Banken zu Verhandlungen gezwungen. Die Organisation – eine der stärksten sozialen Bewegungen im gegenwärtigen Spanien – ist bis heute aktiv.


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