Der dritte und letzte Teil der kleinen Reihe zum Gedenktag des Völkermordes an den Armenier:innen soll sich mit der aktuellen Lage der „Armenierfrage“ in der Türkei sowie dem „Bruderstaat“ Aserbaidschan beschäftigen. Der diesjährige Gedenktag steht nämlich vor allem auch im Zeichen der jüngsten Kriegsniederlage im Konflikt um das armenische Bergkarabach (Artsakh) und die Gräueltaten der Sieger. – Von Emanuel Checkerdemian

Schon vor Beginn der Kämpfe im vergangenen September wartete das türkisch-aserbaidschanische Bündnis mit martialischen Parolen auf: „Die Mission der Großväter“ wolle man zu Ende bringen, wie der türkische Präsident Erdogan seine Pläne zu einem Vernichtungskrieg ganz offen artikulierte.

Die Parole „Eine Nation, zwei Staaten!“ hat sich dabei als die zu Realität gewordene panturkistische Ideologie erwiesen, die beide Staaten propagieren. Der Krieg von 2020 war dabei nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern Produkt der vergangenen 100 Jahre.

Heute stehen Kurd:innen und Armenier:innen im Kampf gegen den türkischen Faschismus Seite an Seite. Zwei Völker, ein gemeinsamer Kampf!

Ein Jahrhundert der Leugnung

Heute ist die weitgehend bekannte offizielle Bewertung des türkischen Staates – und all seiner Regierungen –, dass der Völkermord an den Armenier:innen nicht stattgefunden hätte. Dies wurde jedoch bereits unmittelbar nach Kriegsniederlage von höchster Stelle negiert.

Am 11. Juni 1919 gestand der damalige Großwesir des Osmanischen Reichs, Damat Ferid Pascha, öffentlich ein, dass die Verbrechen gegen die Armenier:innen stattgefunden haben.

Eine nahezu einmalige Ausnahme, die in den folgenden 102 Jahren so nicht wieder vorkam. Im Gegenteil: jegliche Versuche der Aufarbeitung des Genozids wurde in der Türkischen Republik offensiv bekämpft – und das von allen Regierungen egal welcher politischen Ausrichtung.

Auch in großen Teilen der Bevölkerung hat sich ein aggressiver Hass auf die Wahrheit etabliert. Dies ist vor allen Dingen auch auf das türkische Bildungssystem zurückzuführen.

So werden in Schulbüchern, teils schon in Grundschulen, geschichtsrevisionistische Darstellungen eines „Krieges zwischen Armenier:innen und dem Osmanischen Reich“ aufgeführt oder von „Ermeni Kırımi” (Armenischen Massakern) gesprochen.

Dabei geht es dann natürlich um Massaker, die Armenier:innen an Türk:innen verübt haben sollen. Mit teils wirklich schaurigen Illustrationen werden so schon Kinder zu Hass und Leugnung erzogen.

“Beleidigung des Türkentums”

Diese Internalisierung des Unrechts und der Verleugnung hat sich im Laufe der Zeit nur noch weiter verstärkt und wurde, gerade auch unter dem Regime Erdogan, “neu” kanalisiert.

So wurde, noch in seiner Zeit als Ministerpräsident der Türkei, 2005 ein Gesetz verabschiedet, dass die “Beleidigung des Türkentums” unter Strafe stellt. Darunter fällt auch die Benennung des Völkermordes.

Das Gesetz gegen die “Beleidigung der türkischen Nation, des Staates der türkischen Republik und der Institutionen und Organe des Staates” ermächtigte Nationalist:innen und “Graue Wölfe”, noch aggressiver und offensiver gegen Armenier:innen und Türk:innen, die den Genozid anerkennen, vorzugehen.

So wurde der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink am 19. Januar 2007 in Istanbul von einem 16-jährigen Faschisten erschossen. Polizisten, die den Jungen festnahmen, posierten später für gemeinsame Heldenfotos mit ihm. Eine Aufklärung zu den Hinterleuten der Tat ist nie vollzogen worden. Das Gesetz ist heute noch in abgeänderter Form in Kraft.

Gerade mit dem Ende der Sowjetunion, dem ersten Krieg um Artsakh in den frühen 1990er Jahren, dem Wechsel zum Millenium und der “Ära Erdogan” ist eine neue Phase des Hasses auf Armenier:innen etabliert worden, der sich im Krieg 2020 und der darauf folgenden Zeit auf einem vorläufigen Höhepunkt befindet.

ASALA – Der Kampf gegen die türkische Besatzung

Doch schon bereits in den 1970er und 1980er Jahren kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Mit der „ASALA“, der “Armenischen Geheimarmee zur Befreiung Armeniens”, erhob sich eine revolutionäre Organisation im Sinne des Marxismus-Leninismus.

Sie kämpfte einerseits für ein Ende der Verleugnung der Aghet und andererseits für die Befreiung Westarmeniens, das heute noch türkisches Staatsgebiet ist. Mit einer ähnlichen Strategie, mit der auch die verbündete PKK operierte, wollte man die Gebiete nach dem Vertrag von Sèvres (siehe Teil I) zurückerobern.

Der türkische Staat schlug damals bereits mit voller Härte – schon unter „sozialdemokratischer“ Führung, später nach dem Militärputsch natürlich noch unverhohlener – zurück.

Ein bekanntes Beispiel stellt dabei sicherlich der Bombenanschlag auf das Völkermordmahnmal in Alfortville (Frankreich) dar, der vom türkischen Geheimdienst MIT organisiert wurde. Darüber hinaus kam es zu Bombenanschlägen auf armenische Kirchen (Istanbul) und Verhaftungen von armenischen Geistlichen.

Trotz der Niederlage der ASALA stellte dieser Kampf einen wichtigen Schritt in der internationalen Anerkennung des Völkermordes dar, brachte er diesen doch überhaupt erst wieder auf das Tableau. Viele der Sozialist:innen der ASALA kämpften später im ersten Bergkarabach-Krieg; angeführt von Monte Melkonian.

Der Kampf um Artsakh

Die Sowjetunion gewährleistete trotz Gebietsstreitigkeiten mit der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) für rund 70 Jahre eine – im historischen Vergleich – fast nie dagewesene Sicherheit für die Armenier:innen. Mit ihrem Untergang begannen die nationalistischen und auf Vernichtung ausgerichteten Aggressionen der Turkstaaten gegen Armenien.

Vor allem Aserbaidschan wollte die – auf der Grundlage sowjetischen Rechts unternommene – Unabhängigkeit der Republik Artsakh nicht hinnehmen und sich die Bergkarabach-Region durch Krieg wieder aneignen.

Ohne ein wirkliches Militär zu haben – und nur mit Mudschaheddin und anderen (islamistischen) Söldnern an veralteten Waffen – konnte dieser Vorstoß zurückgeschlagen werden. Seit 1994 herrschte ab dann ein brüchiger Waffenstillstand.

Mit dem Krieg von 2020 hat sich die Situation allerdings völlig gedreht: Unterstützt von der Türkei und mit großen Ölvorkommen ausgestattet konnte das mittlerweile hochgerüstete Aserbaidschan große Gebietsgewinne in Artsakh verzeichnen. Verbunden waren diese mit Gräueltaten und Kriegsverbrechen gegen Armenier:innen, sowie der Zerstörung kultureller Stätten.

Und wieder waren Islamisten, welche schon in Syrien an der Seite des IS gegen Kurd:innen kämpften, im Dienste der aserbaidschanischen Streitkräfte.

Dass der neue Waffenstillstand, der für Armenien eine Niederlage darstellt, noch lange nicht das Ende der türkisch-aserbaidschanischen Aggressionen ist, stellten die Präsidenten beider Staaten sehr deutlich klar.

Während Erdogan den Kriegsverbrecher des Völkermordes an den Armenier:innen, Enver Pascha, „preisen“ ließ, erhob aserbaidschanische Präsident Alijew gleich Anspruch auf armenisches Kernland, dass ja „historisch auch aserbaidschanisch“ sei.

Ein „Kriegsmuseum“, das kürzlich eröffnet wurde, stellt u.a. die Helme gefallener armenischer Soldat:innen aus und belegt die ganze Menschenverachtung der panturkistischen Seite dieses Konfliktes.

Die Gefahr für Armenien ist also mitnichten geringer geworden. Die internationale Staatengemeinde bewegt das jedoch nicht dazu, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Auch die Rolle Russlands als „Schutzmacht“ Armeniens ist mehr als zweifelhaft.

Kurdistan yev Hayastan

Ähnlich wie das Schicksal der Armenier:innen, stellt sich auch das der Kurd:innen dar. Immer wieder kommt es zu militärischen Schlägen seitens der Türkei gegen die kurdischen Autonomieregionen. Allein schon der gemeinsame Feind verpflichtet die beiden Völker zur Kooperation. Und viel mehr noch als das.

Die Verbrechen der Aghet, an denen auch Kurdenstämme beteiligt waren, sind von den revolutionären und politischen Organisationen Kurdistans schon seit Jahrzehnten anerkannt und werden immer noch aufgearbeitet.

Die Geschichte der beiden Nationen, die durchaus eine sehr schwierige Vergangenheit zeigt, ist mit der türkischen Vernichtungsideologie untrennbar verknüpft.

Die politischen Turbulenzen in Armenien nach dem verlorenen Krieg, wie auch die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft sind dabei selbstverständlich nicht mit denen der kurdischen Gebiete zu vergleichen. Hier sind fortschrittliche räte-demokratische Ansätze viel stärker ausgearbeitet, während im postsowjetischen Armenien der Antikommunismus allgegenwärtig ist.

Und dennoch deuten die Entwicklungen der letzten Jahre darauf hin, dass ein kurdisch-armenisches Bündnis überhaupt nur das einzige sein kann, das in tatsächlicher Solidarität dem Vormarsch des türkischen Faschismus Einhalt gebieten könnte.

So ist es sehr erfreulich, dass das armenische Bataillon „Şehid Nubar Ozanyan“ als Teil der YPG/YPJ gegen die türkischen und islamistischen Barbaren kämpft.  Sicherlich sind russische Militärs oder auch westliche Unterstützung an Waffengewalt stärker, jedoch lassen diese brüchigen Bündnisse die Armenier:innen schon seit Jahrzehnten immer wieder im Stich. – Zeit, neue Allianzen für einen Kampf gegen den türkischen Faschismus zu schmieden!


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