Der auf wahren Begebenheiten und Personen beruhende Film „The end will be spectacular – Ji Bo Azadiyê“ erzählt die Geschichte von Zilan, einer jungen kurdischen Frau, die auf den Spuren ihres getöteten Bruders in ihre Heimat Diyarbakir zurückkehrt. Plötzlich findet sie sich in gewaltvollen Gefechten mit der türkischen Polizei und Armee wieder. Eine Geschichte von Idealen, Kampf, Freundschaft, Verlusten und Aufopferung in einem hoffnungslos erscheinenden Konflikt. – Ein Interview mit dem Regisseur Ersin Çelik

Was erwartet die Zuschauer in dem Film? Es ist sicher kein normaler Kriegsfilm, oder?

Der Film ist ein Drama und zeigt vor allem den Krieg. Ja, es ist also ein Kriegsfilm, aber wir haben die Übertreibungen vermieden, die wir sonst von den Kriegsdramen gewohnt sind. Sei es vom Geräusch der Waffen bis zur Art und Weise, wie eine Person verletzt wird, vom Schmutz auf dem Schauspieler bis zum Staub, der von der Wand fällt…

Während der Dreharbeiten blieben wir – bis zum kleinsten Klang – immer im alltäglichen Leben und in der Natur des Krieges. Weder mehr noch weniger. Der Film musste der Wahrheit entsprechen. Dieser Film basiert nicht wie andere klassische Filme auf einem einzelnen Charakter oder Held:innen.

Ist die Geschichte des Films völlig fiktiv oder beruht sie auf realen Ereignissen?

Der Film basiert sowohl auf realen Ereignissen als auch auf realen Menschen. Die Grundlage des Drehbuchs waren hauptsächlich echte Erzählungen und Tagebücher, die von Kämpfer:innen während des Sur-Widerstands geschrieben wurden.

Unser Drehort war ein Viertel in Rojava (Nordsyrien), das im Kobane-Widerstand weitgehend zerstört wurde. Genau wie Sur. Mit anderen Worten, wir haben sowohl die Geschichte als auch die Schauspieler:innen und die Realität des Ortes mit unserer Fantasie erschaffen. Was passiert, ist die filmische Reproduktion der Realität. Wir sind dabei weder allein in der Realität geblieben, noch haben wir uns von unserer Fantasie getrennt.

Im kurdischen Kino sind Fiktion und Dokumentation miteinander verflochten. Ein Film berührt Menschen, wenn er sich der Realität des Lebens annähert. Deshalb sind in der Hauptbesetzung des Films keine Schauspieler:innen mit Erfahrungen zu sehen. Aber sie hatten das, wonach wir laut Drehbuch gesucht hatten. Zum Beispiel spielten zwei Personen, Haki und Korsan Şervan, die selbst am ‚Sur-Widerstand‘ teilnahmen, im Film mit. Es gibt nicht wenige solcher Beispiele in dem Film.

Ja, dass was ich mache, ist ein Film. Aber als ich das für den Film erforderliche Drehbuch schrieb, wollte ich zwei Dinge von den Schauspieler:innen: Zum einen, dass sie keine Rolle spielen müssen, und zum anderen, dass sie nicht nachahmen sollten. Sie waren die Hauptpersonen und reproduzierten sich mit der Figur im Drehbuch. Deshalb haben sich 25 Prozent unseres Skripts am Set geändert. Obwohl wir die Dialoge immer fertig geschrieben haben, haben wir uns trotzdem aber immer gefragt: was wäre dein Reflex in dieser Situation? Was würdest du sagen? Wir haben die aktive Teilnahme des:r Schauspieler:in am Drehbuchschreiben ins Visier genommen. Das Drehbuch und die Geschichte, die wir aufgebaut haben, hatten natürlich erzählerische Probleme. Denn wenn man sich der eigenen Schwäche bewusst ist und versucht, sie mit einem kollektiven Verstand zu überwinden, tut dies auch die andere Person. Dies ist die Kunst der Filmregie, auf die ich mich ebenfalls stütze: Interaktives Erstellen eines Films in allen Szenarien, Aufnahme- und Bearbeitungsprozessen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass sowohl im wirklichen Leben als auch in der Kunst des Kinos der Ort einen Einfluss auf das Entstehen der Figuren hat und Menschen einen ähnlichen Effekt auf den Raum haben. Die Stadt Kobane, ihre Straßen, die Spuren der Zerstörung und des Widerstands haben uns mit der Geschichte der Sur, also mit dem Film den wir gedreht haben, verbunden. Kurz gesagt, unser Film basiert nicht nur auf realen Geschichten und Menschen, sondern auch auf realen Menschen vor und hinter der Kamera und der Realität vor Ort. Wenn all dies kombiniert wird, sind Realismus und Fiktion miteinander verflochten. Sie opfern weder die imaginäre Realität noch die wirkliche Realität. Während des Films sagte ein deutscher Filmregisseur zu mir: „Haben Sie den Film während des Krieges gedreht?“ Und hat dabei bei gewissen Szenen immer wieder zurückgespult und sie erneut angeschaut.

Was war euer Ziel mit dem Film? Was soll er dem Zuschauer vermitteln?

Vielleicht war es eine Selbstkritik oder eine umgekehrte Kritik. Einer der wichtigsten Gründe für die Wahl dieses Themas war das in Sur geschriebene Tagebuch. Zweitens wurden Menschen in den Kellern der Gebäude verbrannt, und diese Ereignisse wurden live im Fernsehen übertragen: Fast 300 Menschen wurden in den Kellern der Gebäude in Cizre lebendig verbrannt! Eine Geschichte wurde in Sur vernichtet. Und leider hat die Welt während all dem nur zugesehen. Es hatte zuvor Massaker in derselben Region gegeben. Viele Völker und Glaubensrichtungen wurden abgeschlachtet. Es gab Masseneinwanderungen. Es gibt also auch eine Kritik an diesem Schweigen bei der Veröffentlichung dieses Films.

Ich möchte immer wieder auf diesen Punkt aufmerksam machen. Es ist die Verpflichtung zu erzählen, Geschichten zu erzählen. Die Haupt-Anekdote in Märchen von ‚Tausend und einer Nacht‘ ist, dass der Geschichtenerzähler sterben wird, wenn er keine Geschichte erzählt, also wenn die Geschichte aufhört. Dies ist die Situation, in der wir uns als kurdisches Volk befinden. Genauso fühle ich mich. Wir werden sterben, wenn wir keine Geschichte erzählen! Auch im Widerstand von Sur sollte etwas anderes gesagt werden: Es gab dort eine Geschichte, und sie sollte vollständig zerstört werden. Sogar die Historie sollte dem Völkermord ausgesetzt werden. Aber die Rebellierenden von Sur sagten: Nein, diese Geschichte wird hinausgetragen!

Eine wichtige Dimension des Kampfes von Çiyager, dem Kommandeur des Sur-Widerstands, ist, dass er diese Geschichte herausbringen wollte. Der Krieg verwandelt sich also nach einer Etappe in einen anderen Krieg, in dem versucht wird, die Geschichte aus der Belagerung herauszuholen. Der Staat sagt, nein, da wird nichts herauskommen. Die Anderen hingegen raten jeder:m, dass alle raus gehen sollen und vom Widerstand von Sur erzählen sollen.

Sie sind auch Teil der „Rojava Film Commune“. Können Sie uns kurz sagen, was ist das und was ihr Ziel ist?

Die Rojava Film Commune ist der Schöpfer dieses Films. Die Commune wurde 2015 in Rojava gegründet. Bis jetzt haben sie viele Kurzfilme, Dokumentationen und Musikvideos gemacht. Außerdem veranstalteten sie ein Filmfestival. Wieder organisierten sie mit mobiler Kinoarbeit Filmvorführungen für Dörfer und Kinder. Abgesehen von diesem Film gibt es jetzt zwei weitere Dokumentarfilme und einen Spielfilm, der von verschiedenen Commune-Mitgliedern gedreht wurden.

In dem Film ‚Ji bo Azadiye‘ nahmen nicht nur die Kino-Commune, sondern auch Dutzende von Institutionen und Hunderte von Menschen in Rojava an dem Produktionsprozess teil. Fast hundert Helfer:innen arbeiteten freiwillig mit, sowohl bei der Vorbereitung als auch beim Filmen (ca. 6 Monate): Zum Beispiel war eine sehr große Gruppe, deren Hauptaufgabe nicht das Filmwerk an sich ist – z.B. die Nachbarschaftsräte, Frauen- und Jugendgemeinden, das Volk und die Zivilschutzabteilungen in Kobane – entscheidend für die Entstehung dieses Films.

Meine Rolle in der Commune ist nicht nur das Machen des Filmes. Alle unsere Freund:innen haben die Verantwortung, die kollektive Arbeit sowie die Entwicklung des kurdischen Kinos zu verbessern. Wir müssen sowohl Filme machen, als auch die Infrastruktureinrichtungen des Kinos in Kurdistan verbessern. Noch wichtiger ist, dass wir die Akademie verbessern wollen. Natürlich haben wir auch Probleme mit dem Kollektivismus. Aber wir glauben an kollektive Arbeit und das Gemeinschaftsleben. Und wir versuchen, das Gemeinschaftsleben in uns selbst zu verbessern.

Wo kann man den Film gucken? Und wie kann man Sie unterstützen?

Der Film wurde von den Filmkritiker:innen und vor allem vom Publikum auf internationalen Filmfestivals nach unserer Einschätzung positiv bewertet. Als der Film dann anfing gut zu laufen, begann leider die Epidemie.

Trotzdem versuchen wir, den Film dem Publikum zugänglich zu machen, indem wir Möglichkeiten erzwingen. Jetzt haben wir das Portal für Vorführungen über „Vimeo“ in den Ländern geöffnet, in denen wir Filmvorführungen machen wollten. Auf Vimeo kann der Film aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Luxemburg und Belgien mit der Option ‚deutscher Untertitel‘ angesehen werden. Wir arbeiten noch an weiteren Optionen.

Der FIlm wird auch im April auf einem Festival in den Niederlanden und Amerika gezeigt werden. Auch haben wir in Japan, Südkorea, Spanien und Südamerika Distributor:innen unter Vertrag genommen.


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