Während in Arztpraxen rund 3,2 Millionen Dosen Impfstoff vom Ablaufdatum bedroht sind, bevor sie noch verimpft werden können, kündigt das Bundesgesundheitsministerium an, den Vorrat erheblich vergrößern zu wollen. Expert:innen warnen vor dieser Entscheidung: Millionen Dosen drohen zu verfallen.

Zum ersten Mal ist es aktuell möglich, nachzuvollziehen, wie viele Arztpraxen aktuell über welchen Bestand an Impfdosen verfügen. Für die Praxen bestand – anders als bei Impfzentren – nicht die Möglichkeit, unverbrauchte Dosen wieder zurück zu geben. So war auch eine Schätzung, welche Mengen noch ungenutzt vorrätig sind, bisher kaum möglich.

Nun ergab eine Umfrage für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland, dass in Praxen rund 3,2 Millionen Dosen gelagert sind, die diesen Herbst verfallen könnten. Für etwa 1,5 Millionen Dosen AstraZeneca und Johnson&Johnson sowie 1,7 Millionen Dosen BioNTech ist nicht klar, ob sie vor dem Verfall verimpft werden können.

Auch die Hausärzt:innen selbst kommen dabei unter Druck. Bürokratische Hürden verhindern oft, dass die Dosen andernorts angenommen und verabreicht werden.

Spahn plant riesigen Impfvorrat

Ungeachtet dessen, dass Millionen Dosen zu verfallen drohen und die Praxen die Untätigkeit und Unverantwortlichkeit der politischen Entscheidungsträger:innen beklagen, plant Bundesgesundheitsminister Spahn, einen riesigen Impfvorrat anzulegen.

Etwa 80 Millionen Impfstoffdosen will Jens Spahn vorsorglich einlagern – eine Dosis für jeden Bürger und jede Bürgerin, wie das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Kontraste-Anfrage zunächst bestätigt. Im Nachhinein kritisierte das Ministerium diese Darstellung als „falsch“ – das Ministerium werde lediglich „genug“ Impfstoff vorhalten. Eine genaue Menge nennt das Bundesgesundheitsministerium nicht. Kontraste verweist hingegen auf den Wortlaut einer Publikation des Ministeriums, die „für jede Bürgerin und jeden Bürger eine Impfdosis“ bekannt gibt. Die 80 Millionen Dosen würden den aktuellen Bestand von 13 Millionen Dosen ergänzen.

Diese Entscheidung, den Impfvorrat zu vergrößern, wird vielfach kritisiert: Nicht nur aus Solidaritätsgründen verbiete es sich, Impfstoffe nun zu horten. So lange die weltweite Impfquote niedrig sei, erhöhe sich die Gefahr der Mutationen. Diese könnten auch in Ländern mit einer hohen Impfquote zu einer Gefahr werden.


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