Immer wieder ist das Argument zu hören, dass die aktuellen Preisexplosionen durchaus auch etwas Gutes hätten: Der Umstieg auf die günstigeren erneuerbaren Energien werde so deutlich vorangetrieben. Heißt das gleichzeitig, dass wir die hohen Preise, Inflation und Krise in Kauf nehmen müssen, wenn wir den Planeten retten wollen? – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

“Du hast noch einen Gas-Herd? Wieso steigst du nicht endlich um?” – Diese beiden Fragen stellte mir vor kurzem eine gute Freundin, als wir im Laufe eines längeren Gesprächs auch auf die enorm gestiegenen Gaspreise, die ins Haus geflatterten Vorauszahlungsanpassungen und die Aussicht auf einen kalten Winter kamen.

Ihr Vorschlag klang recht einfach: “Wenn du dir jetzt noch einen Induktionsherd kaufst und die Anschlüsse ändern lässt, wirst du wahrscheinlich sparen – und wenn du auf Ökostrom umsteigst, tust du sogar etwas für die Umwelt!”. Auf meine Nachfrage, was ich denn tun solle, wenn ich mir einen neuen Induktionsherd ab 400 Euro aufwärts nicht leisten könne, erntete ich nur nachdenkliches Stirnrunzeln und einen anteilnehmenden Blick.

Solche Argumente sind bei weitem keine Ausnahme: Immer wieder wird derzeit behauptet, dass Inflation und Krise auch Vorteile hätten. Selbst Greenpeace sieht aus “grünen Gründen” nicht die Notwendigkeit, sich gegen die Teuerungen zu stellen. Besonders oft wird vermerkt, dass tatsächlich weniger Auto gefahren wird, weil Benzin und Diesel teuer geworden sind. Auch die Beobachtung, dass in der Industrie derzeit auf erneuerbare Energien umgestellt wird, weil Gas knapper und teurer wird, gilt oft als Pluspunkt der Krisenzeit. Das Credo scheint dann zu sein: Die höheren Preise momentan sind – im wahrsten Sinne des Wortes – “der Preis”, den wir halt für saubere Industrie und einen Umstieg auf erneuerbare Energien bezahlen müssen. Daran schließt sich dann häufig die Aufforderung an: “Lass deinen Kampf gegen die Teuerungen doch sein und akzeptier’ einfach, dass wir das jetzt aushalten müssen – dem Planeten zuliebe.”

Die Logik des freien Marktes

Auch Aussagen von bürgerlichen Ökonom:innen werden dann zur Unterfütterung dieser Argumentation ins Feld geführt. So erklärte beispielsweise Martin Eichler von der “BAK Economics AG”  – einem nach Selbstauskunft unabhängigen Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut – zu Beginn der Krise, dass die steigenden Preise fossiler Energieträger zu Verhaltensänderungen führen und so die “Entwicklung der Dekarbonisierung der Wirtschaft” vorantreiben würden.

Nicht selten wird in diesem Zusammenhang auch die alte bürgerliche Weisheit ausgepackt, nach der der Markt schon alles regele. Der unfreiwillige Verzicht von uns auf Heizen mit Gas, Kohle und Öl soll also dazu führen, dass die Produktion “grün” wird.
Wenn jetzt zum Beispiel von den Konzernen ausreichend in die Umstellung auf erneuerbare Energien investiert werde, dann würde es zwar zu Teuerungen kommen, aber eben auch zu den lange hinausgezögerten Entlastungen für die Umwelt.

Diese Logik, dass unser Konsum – ob wir ihn nun freiwillig ändern oder eben ändern müssen – automatisch zu großen Veränderungen führt, ist die Logik des “freien Marktes”. Sie lässt aber die Macht der großen Energiekonzerne komplett außen vor. Gerade die Unternehmen, die jetzt Rekordgewinne mit den fossilen Brennstoffen einfahren, werden sicherlich nicht ihre Produktion umstellen.

Wer soll für den “grünen” Umstieg bezahlen?

Sollen wir also schweigend hinnehmen, dass der von der Politik und den Konzernen lange hinausgezögerte Umbruch nun von uns allein gezahlt werden soll? Die Unternehmen geben momentan ihre Kosten beinahe 1 : 1 an uns weiter. De facto heißt das: Wir werden weiter ausgebeutet, unsere Arbeitskraft erwirtschaftet weiterhin die riesigen Profite für die Konzerne, und nun sollen wir noch mehr zahlen, damit die Konzerne und Chef:innen in Ruhe und ohne Verluste auf erneuerbare Energien umstellen können?

Wir müssen also vorsichtig sein, wenn in Gesprächen, vermittelt durch die bürgerliche Presse oder durch Politiker:innen, an uns herangetragen wird, dass wir nun “alle” für die Rettung des Planeten mehr bezahlen müssten. Diese Argumentation kommt zwar oft sogar “links” oder “umweltbewusst” daher – doch eigentlich höhlt sie nur unseren Kampf gegen die Ausbeutung und den Kapitalismus aus und führt uns in die Irre: Denn wir sind es, die momentan den Preis für Krise, Wirtschaftskrieg und Rohstoffknappheit zahlen.

Spare ich nun also auf einen Induktionsherd für 400 Euro? Nein, ich kämpfe stattdessen weiter gegen  das kapitalistische System und dafür, dass die ewige Jagd der Konzerne nach Profiten ein Ende findet. Denn nur das wird uns und den Planeten wirklich entlasten!


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