Vom Aufstand in Petrograd über den jahrelangen Bürgerkrieg bis zum vereinten Rätestaat: Am 30.12.1922 wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, die Sowjetunion gegründet. 100 Jahre später bleiben uns die Erfahrungen dieser ersten Macht der Arbeiter:innenklasse. Neben Errungenschaften und Fehlern – die Zuversicht auf eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung. – Ein Kommentar von Ivan Barker

Proletarier aller Länder, vereinigt euch! – Mit diesem Satz endet das Kommunistische Manifest, und darin sahen die Gründer:innen der Sowjetunion ihr Ziel: die Sozialistische Weltrepublik als Bedingung für den Übergang zum Kommunismus.

Am 30. Dezember 1922 gingen sie dafür einen ersten Schritt. Zwar noch nicht die Vereinigung der Arbeiter:innen aller Länder, aber eines beachtlichen Teils. Die russischen, ukrainischen, bjelorussischen und transkaukasischen Sowjetrepubliken schlossen sich zu einer Union zusammen. Aus den zuvor unabhängigen nationalen Republiken wurde ein gemeinsamer Bundesstaat, der von nun an den Aufbau des Sozialismus in die Hand nehmen sollte.

Nach Jahren des militärischen und wirtschaftlichen Krieges gegen die entmachteten Kapitalist:innen und ihre Verbündeten der imperialistischen Länder hatten die Arbeiter:innen ihre Macht vorerst erfolgreich verteidigt.

Eine zentrale Grundlage des Zusammenschlusses war, dass es sich um eine freiwillige Vereinigung gleichberechtigter Völker handelte. Jeder Republik war das Recht auf Austritt gesichert und jeder weiteren sozialistischen Sowjetrepublik, die entstehen würde, stand der Beitritt offen. Zusätzlich behielten die einzelnen Republiken unter anderem in Bereichen der Kultur und Sprache umfassende Autonomie, um die Freiheit ihrer Entwicklung zu sichern. Auch die Abschaffung nationaler oder national-religiöser Privilegien war ein wichtiger Bestandteil dieser Politik. Aus dem „Völkergefängnis“ des russischen Zarenreichs sollte ein Vorbild für das geschwisterliche Zusammenleben von über 30 Nationalitäten werden.

Diese Solidarität über nationale Unterschiede hinweg sollte auch nicht an der eigenen Grenze stehen bleiben: Die Sowjetunion wurde international zum Symbol für den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung und gab Arbeiter:innen auf der ganzen Welt Hoffnung auf ihre Befreiung. Hier hatte ihre Klasse tatsächlich die Macht im Staat durch das Rätesystem, die Wirtschaft wurde geplant und eine neue Gesellschaft dadurch aufgebaut. Das, was selbst fortschrittliche Arbeiter:innen sich bisher doch nur als Traum vorstellen konnten, wurde Realität.

Dabei ging es selbstverständlich auch nicht immer bergauf. Eine Kombination aus Mangel an Erfahrung, Nachlässigkeit, und Fehlern der Revolutionär:innen führten schlussendlich auch zur Wiederherstellung des Kapitalismus ab den 1950er Jahren. Ebenso hat die heutige Russische Föderation überhaupt nichts mehr mit dem zu tun, wofür die Arbeiter:innenklasse unter der Führung der Kommunist:innen vor über 100 Jahren ihren Kampf führte. Heute sollen ukrainische und russische Arbeiter:innen sich dort gegenseitig im Dienst des Kapitals erschiessen, wo sie früher Seite an Seite den Sozialismus aufbauten.
Trotz des Endes der Sowjetunion ist die Geschichte des Sozialismus keine des Scheiterns. Bisher hat in der menschlichen Geschichte zu keinem Zeitpunkt eine einzige Revolution ausgereicht, um die Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Es werden mehrere Versuche notwendig sein, und als erster Versuch des Aufbaus einer klassenlosen Gesellschaft bietet die Sowjetunion uns zahlreiche Lehren für unsere eigenen Anläufe. Die Erkenntnis, dass es nach 100 Jahren heute kein sozialistisches Land mehr gibt, ist kein Grund zu zweifeln, sondern ein Grund zu kämpfen.

  • Auszubildender in der Metallindustrie und Perspektive Print-Redakteur aus Ostdeutschland.


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