In Syrien stehen die Zeichen weiter auf Krieg. Dies gilt insbesondere für die unter demokratischer Selbstverwaltung stehenden Gebiete in Nord- und Ostsyrien. Die von verschiedenen Völkern bewohnten Gebiete, oft auch als Rojava bezeichnet, erhoben sich 2012 in einer demokratischen Revolution gegen das Assad-Regime, stellten sich bewaffnet dem faschistischen „Islamischen Staat“ entgegen und führten umfassende demokratische Rechte für alle in diesem Gebiet lebenden Völker ein. Den islamistischen Terrorgruppen und dem faschistischen türkischen Staat ist dieses demokratische Projekt ein Dorn im Auge, welches sie durch Massaker und Invasionen ersticken wollen.

Das folgende Interview zur aktuellen Situation in der Region führte die sozialistische Nachrichtenagentur ETHA mit Haydar Bahadir, einem Vertreter der Organisation für die Einheit und Solidarität der Völker (SYPG). Wir geben einige Ausschnitte hier gekürzt wieder.

Welche Rolle spielt die demokratische Revolution in den kurdischen Gebieten Nord- und Ostsyriens für die unterdrückten Völker Westasiens und der arabischen Welt?

Die Revolution in Rojava hat die kolonialistische Politik des Kapitalismus zugunsten der Unterdrückten, der Frauen, der kurdischen Nation und aller Völker der Region zerschlagen. Während des arabischen Frühlings wurden Diktaturen gestürzt. Aufgrund der fehlenden Organisation und Perspektive des Volkes konnten sie die Diktaturen, die sie stürzten, jedoch nicht ersetzen und verloren ihre Macht an die Imperialisten und ihre Kollaborateure.
Der kurdische Freiheitskampf spielt eine revolutionäre Rolle in der Region und in der Welt, was die von ihm ausgehende Dynamik betrifft. Die Revolution von Rojava ist in einer Zeit erfolgreich gewesen, in der die Behauptung angenommen wurde, dass „die Zeit der Revolutionen vorbei ist“ und hat somit den Völkern und Unterdrückten der Welt Hoffnung gegeben. In einem Prozess, in dem die Souveränität des kapitalistischen Sklavensystems für absolut und unveränderlich erklärt wurde, versetzte dies dem imperialistischen kapitalistischen System, seinen Interessen und seiner Souveränität in der Region und der Welt einen Schlag.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation im Hinblick auf den revolutionären Nahen Osten der Unterdrückten?

Die Völker des Nahen Ostens haben während des Arabischen Frühlings viele Diktaturen gestürzt. Der kurdische Freiheitskampf hat in Rojava eine Revolution verwirklicht, indem er das tat, was anderen Völkern nicht gelang. Sie beendete die Herrschaft der kolonialistischen Diktatur und befreite die Völker von Rojava. Die Tatsache, dass die Revolution von Rojava auch eine Frauenrevolution ist, hat den Unterdrückten einen unschätzbaren Vorteil gegenüber den reaktionären faschistischen und kolonialen Diktaturen in Kurdistan und im Nahen Osten verschafft.

Die Revolution schuf eine autonome Verwaltung in Rojava/Nord- und Ostsyrien und schuf eine strategische Einheit, insbesondere zwischen den kurdischen und arabischen Völkern. Zehn Jahre lang hat der faschistische türkische Staat zusammen mit islamistisch-faschistischen Banden wie Al Nusra und dem IS versucht, die Revolution in Rojava zu zerstören. Die Imperialisten versuchten alles, um die Revolution inhaltlich zu entleeren, sie aufzugeben und ihren Willen zu brechen, und verhängten alle möglichen Embargos. Aber sie konnten in keinem dieser Versuche erfolgreich sein.

Auch der revolutionäre Aufstand im Iran unter der Führung der Kurd:innen und Frauen, erschütterte das dortige faschistische Mullah-Regime. Trotz der Massaker des iranischen Regimes wich das Volk nicht zurück und breitete den Aufstand auf alle Regionen des Iran aus. Eine demokratische Revolution im Iran würde eine sehr wichtige Rolle bei der Befreiung des arabischen Raums spielen. Sie würde auch dem Kolonialismus des faschistischen türkischen Staates einen schweren Schlag versetzen. All diese Entwicklungen werden den Prozess der regionalen Revolutionen in Gang setzen. Die Hoffnung ist auf unserer Seite, denn ein neuer Prozess der Revolutionen hat begonnen und keine Macht kann ihn aufhalten.

Die Revolution von Rojava sieht sich dem Angriff des türkischen Staates gegenüber. Mit welcher Perspektive muss die Selbstverteidigung der Revolution organisiert werden?

Der faschistische türkische Staat ist historisch gesehen der Feind des kurdischen Volkes. Er sieht die Existenz, den Kampf und die Errungenschaften des kurdischen Volkes als eine existenzielle Bedrohung für sich selbst an. Aus diesem Grund besetzt er Rojava. Er bombardiert zivile Siedlungen, Krankenhäuser und wirtschaftliche Einrichtungen und verübt Massaker. Er setzt chemische Waffen gegen die Guerilla in den Bergen Kurdistans ein. Wir müssen wissen, dass wir es mit einem Feind zu tun haben, der nicht aufhören wird zu versuchen, unsere Revolution zu zerschlagen und uns zu vernichten. Die Revolution von Rojava muss ihre Verteidigung auf dieser Realität aufbauen.

Trotz aller militärischen und technischen Überlegenheit des Gegners ist der Schutz und die Verteidigung der Revolution die wichtigste Aufgabe. Der treibende und verbindende Faktor dabei ist der „Kobanê-Geist“. Der Widerstand in Kobanê hat Kurd:innen und ihre Genoss:innen in den Schützengräben zusammengeführt wie nie zuvor in der Geschichte.
Die Verteidigung der Revolution ist in erster Linie ein militärisches Problem, deshalb ist die Bewaffnung des Volkes und die Ausbildung und Mobilisierung des Volkes auf der Grundlage der Selbstverteidigung als Teil des Widerstandes notwendig. Die Revolution kann sich durch die Einheit des Handelns und des Willens eines Volkes verteidigen, das in einem gemeinsamen Ziel geeint. Ohne die Zersplitterung der vier Teile Kurdistans zu beenden und die nationale Einheit zu erreichen, ist es sehr schwierig, jeden Teil zu befreien, und selbst wenn er befreit ist, ist es sehr schwierig, ihn zu schützen.

Daneben werden die Solidarität und Unterstützung der Völker der Region, die Entwicklung regionaler Revolutionen und die internationale Solidarität die vordersten Positionen der Verteidigung der Rojava-Revolution sein. Die Tatsache, dass die Unterdrückten im Mittleren Osten und in der Welt ihre Feinde für ihre eigenen Interessen bekämpfen und dabei Siege erringen, wird es der Revolution von Rojava ermöglichen, sich zu größeren Erfolgen zu entwickeln.


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