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Sonntag, Juli 21, 2024
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    “Siesta” – eine Fiesta fürs Kapital?

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    Immer mehr Amtsärzte:innen fordern eine Sommer-“Siesta” in Deutschland nach dem Vorbild südlicher Länder wie Italien oder Spanien. Das würde bedeuten: etwas früher aufstehen, mittags längere Pause und dann bis in den Abend hinein arbeiten. Ist die Siesta die Erfüllung lang ersehnter Wünsche nach mehr Arbeitsschutz? Oder gibt es bessere Alternativen? – Ein Kommentar von Tabea Karlo.

    Im Angesicht der hohen Temperaturen fordern einige Amtsärzte:innen in Deutschland die Einführung einer “Siesta” – einer längeren Mittagspause – nach südeuropäischem Vorbild. Das würde bedeuten, dass früher mit der Arbeit begonnen wird und dann Teile der Arbeiter:innen nach der Siesta bis abends weiter arbeiten.

    “Bei starker Hitze sind Menschen nicht so leistungsfähig wie sonst. Schlechter Schlaf bei fehlender Abkühlung in der Nacht führt zusätzlich zu Konzentrationsproblemen., argumentierte vor Kurzem der Vorsitzende des “Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes”, Johannes Nießen, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

    Dabei scheint der Fokus für ihn – und einige Kapitalist:innen, die sich der Forderung anschließen – weniger auf dem Gesundheitsschutz der Arbeiter:innen vor der Hitze zu liegen. Sondern eben vielmehr darauf, dass viele Menschen während der Hitzephasen nicht so “leistungsfähig” sind wie sonst.

    Hitzeschutzgesetze in Deutschland – nicht mehr als ein schlechter Scherz

    Erst vor kurzem stellte Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied, fest, dass es in vielen Unternehmen noch nicht einmal zum Standard geworden sei, sogenannte “Gefährdungsbeurteilungen” zu machen. Also überhaupt eine Einschätzung darüber zu erheben, wie sehr die Arbeiter:innen gefährdet sind.

    Darüber hinaus ist das Arbeitsschutzgesetz in Deutschland in Bezug auf Hitze immer noch eher ein schlechter Scherz. So gibt es zum Beispiel keine feste Temperatur, ab der Unternehmen ihren Arbeiter:innen in jedem Fall “hitzefrei” geben müssen. Stattdessen gibt es vage Leitlinien, als “Soll-Emfehlungen” formuliert.

    Sobald die Lufttemperatur in Arbeits- und Sozialräumen 26 °C überschreitet, sollen diese mit Sonnenschutzsystemen ausgerüstet werden. Tatsächlich tätig werden müssen Unternehmen aber erst ab einer Lufttemperatur von 30 °C. Erst ab 35 °C gilt ein Raum als Arbeitsraum nicht mehr geeignet, aber auch in diesen Fällen bleiben die Räume nutzbar, wenn “Luftduschen” oder “Entwärmungsphasen” eingerichtet seien.

    Drei gute Gründe gegen die Siesta

    Welche Vorteile hätte denn nun die Einführung einer Siesta fürs Kapital, und warum würde eine Einführung eher gegen die Interessen der Arbeiter:innen sprechen?

    1. Vor Arbeitsbeginn und nach Arbeitsende entstehen undokumentierte Überstunden. Viele von uns kennen das: wir kommen vor der Arbeit, um uns schon mal einzurichten, uns umzuziehen etc. und wir bleiben länger, um noch schnell etwas wegzuräumen. Mit der Siesta passiert das nicht nur ein Mal am Tag, sondern zweimal. Die Folge daraus kann schnell ein massiver Anstieg unbezahlter Überstunden sein.
    2. Die Pause in der Mitte kann gegebenenfalls längere Arbeitszeiten rechtfertigen. Bereits seit geraumer Zeit argumentieren Teile der Kapitalist:innen wieder für flexiblere, längere Arbeitszeiten und haben diese in bestimmten Bereichen auch bereits durchgesetzt. Eine Siesta bietet die perfekte Vorlage, um den Arbeitstag um 1-2 Stunden zu verlängern und die vorgeschriebenen Pausenzeiten zwischen den Arbeitstagen zu verkürzen.
    3. Das ständige Ansteigen der Mietpreise in den Städten sorgt dafür, dass viele von uns nicht in der Nähe unseres Arbeitsplatzes wohnen. Eine Siesta würde bedeuten, dass wir vielleicht 3-4 Stunden “frei” haben, diese Zeit uns jedoch nicht wirklich zur freien Verfügung steht, da der Weg nach Hause z.B. eine Strecke im heißen Auto bedeuten würde, weil für uns außerhalb des Arbeitsplatzes kein kostenfreier kühler Aufenthaltsraum zur Verfügung steht.

    Siesta ist nicht alternativlos – Einsatz für echten Hitzeschutz

    Die Siesta klingt also auf den ersten Blick nett, birgt aber für viele von uns eher Nachteile. Wenn wir uns tatsächlich für den Arbeitsschutz von uns und der anderen Kolleg:innen einsetzen möchten, müssen wir also eigene Forderungen entwickeln. Denn eine Siesta ist nicht alternativlos.

    Beispielsweise ist bereits seit geraumer Zeit bekannt, dass der Acht-Stunden-Arbeitstag vor allem vom Kapital benötigt wird. Für uns Arbeiter:innen und die Gesamtgesellschaft birgt er keine Vorteile, sondern ist eher das Ergebnis einer profitorientierten Arbeitsweise – eines Systems, in dem Unternehmen als Konkurrenten gegeneinander wirtschaften und in der Folge massiv überproduzieren.

    Mit der Verkürzung des Arbeitstags auf sechs oder in einigen Arbeitsbereichen sogar auf fünf Stunden (bei erwiesenermaßen oft gleicher Produktivität), sowie einem früheren Start des Arbeitstags könnte die Arbeit vor Beginn der hitzeintensivsten Stunden beendet sein.

    • Perspektive-Autorin seit 2017. Berichtet schwerpunktmäßig über den Frauenkampf und soziale Fragen. Politisiert über antifaschistische Proteste, heute vor allem in der klassenkämperischen Stadtteilarbeit aktiv. Studiert im Ruhrpott.

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