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Freitag, Juli 19, 2024
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    Klassenkampf an der Uni – Ein Interview mit dem “Studierendenkollektiv”

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    Mitte September hat sich das “Studierendenkollektiv” gegründet. Die Organisation möchte „den Klassenkampf an die Hochschulen tragen“. Wir haben mit Juri Brandt aus der bundesweiten Koordination der Organisation darüber gesprochen. – Ein Interview

    Vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast. Möchtest du dich vielleicht kurz vorstellen und erklären, warum du und andere sich entschieden haben, das Studierendenkollektiv zu gründen?

    Hallo, erst einmal vielen Dank, dass ihr uns für dieses Interview eingeladen habt. Ich bin Student an einer Hochschule in Berlin. Dort bin ich bereits seit einigen Jahren in der “Internationalen Jugend ” (IJ) aktiv gewesen, so wie die meisten anderen, die das Studierendenkollektiv mitgegründet haben.

    In der IJ haben wir vor allem politische Arbeit an Schulen gemacht. Da aber viele von uns inzwischen begonnen haben, zu studieren, gab es auch immer wieder Diskussionen darüber, vielleicht an Unis aktiv zu werden. Mitte September haben wir dann in Berlin das Studierendenkollektiv gegründet, um genau das zu tun – eine klassenkämpferische Organisation an Hochschulen aufzubauen.

    Darüber schreibt ihr ja auch immer wieder in eurem Selbstverständnis oder anderen ersten Texten, die ihr veröffentlicht habt. Aber was bedeutet das für euch?

    Dazu würde ich etwas weiter ausholen und erst einmal sagen, warum wir überhaupt noch von Klassenkampf sprechen. Gerade in der Uni hört man ja oft, dass es Klassen ja eigentlich gar nicht mehr gibt. Das sehen wir ein bisschen anders. Wir denken nämlich, dass wir immer noch in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, die sich eben vor allem in Arbeiter:innen auf der einen Seite und Kapitalist:innen auf der anderen Seite teilt. Arbeiter:innen verstehen wir dabei nicht einfach nur als Industrieproletarier im Blaumann, sondern wir meinen damit alle, die von einem Lohn abhängig sind und für den Reichtum anderer schuften müssen.

    Was haben die Unis jetzt damit zu tun? Wir denken, dass es da viele Aspekte gibt: Einer ist, dass immer mehr Arbeiter:innen studiert haben. Das heißt, dass immer mehr Studierende Teil der Arbeiter:innenklasse sind oder werden. Schon als Studis müssen ja viele von uns einer Lohnarbeit nachgehen.

    Ein anderer Aspekt ist, dass Unis nicht selten auch als Forschungszentren für die kapitalistische Armee, die Bundeswehr, und die deutsche Kriegsführung oder für große Konzerne herhalten müssen.

    Ihr habt bereits direkt nach eurer Gründung mit einer Kampagne unter dem Motto „Werde aktiv! Studierende im Kampf gegen Kapitalismus und Patriarchat“ begonnen. Was sind eure Ziele mit dieser Kampagne?

    Ein erstes Ziel ist, dass wir uns überhaupt erst mal an den Unis bekannt machen, wo wir arbeiten. Aktuell ist das in Berlin und Leipzig. Dafür wollen wir verschiedene offene Angebote in den nächsten Wochen und Monaten schaffen, bei denen man uns kennenlernen kann. Da wird es dann auch einen Vortrag geben, in dem wir unsere grundlegenden politischen Positionen darlegen. Beispielsweise zum Kapitalismus, aber eben auch zum Patriarchat, der Unterdrückung aufgrund des Geschlechts. Und wir wollen eben auch unsere Perspektive verbreiten: Den Aufbau einer klassenkämpferischen Arbeiter:innen- und Studierendenbewegung, die Erkämpfung einer sozialistischen Gesellschaft und der Befreiung der Frau.

    Aber wir wollen natürlich auch während der Kampagne an den täglichen Kämpfen an der Hochschule teilnehmen. Ein erstes Beispiel wäre unsere Beteiligung am Protest gegen die feierliche Immatrikulation in Leipzig. Dort haben Antifaschist:innen gegen dieses Event demonstriert, weil die Uni Faschisten aus dem Höcke-Flügel eingeladen hatte. Wir haben dazu auch unseren Teil beigetragen, indem wir mit einem Bannerdrop und einer Megaphon-Aktion zur Kundgebung mobilisiert haben. Wir konnten auch eine Rede halten und neue Kontakte knüpfen.

    Was sind die nächsten Schritte für euch, neben und nach der Kampagne?

    Wie ich schon vorhin erzählt hatte, komme ich aus der Internationalen Jugend. Die meisten anderen Genoss:innen kommen auch von dort oder aus dem “Frauenkollektiv”. Beide Organisationen sind Teil der “Föderation Klassenkämpferischer Organisationen” (FKO), der wir uns auch in den nächsten Wochen anschließen wollen. Wir denken, dass das ein sinnvoller Schritt ist, weil man eine neue Gesellschaft eben nicht nur an den Unis erkämpft, sondern sich dafür auch in Betrieben, Schulen oder Stadtteilen zusammenschließen muss. Und natürlich vertreten wir weiterhin die Positionen, die die FKO ausmachen: den Einsatz für eine klassenkämpferische Arbeiter:innenbewegung, Sozialismus und Geschlechterbefreiung, den konsequenten Kampf gegen Krieg oder auch gegen die Angriffe auf unsere Rechte und unseren Lebensstandard.

    Ansonsten verfolgen wir natürlich die Auseinandersetzungen um einen Tarifvertrag für studentische Beschäftige, auch als “TV-Stud” bekannt. Dort wollen wir eine unabhängige klassenkämpferische Position in die Auseinandersetzungen tragen.

    Daneben gibt es noch vieles anderes. Beispielsweise wollen wir auch den Blick weiten und versuchen, von Erfahrungen internationaler Studierendenbewegungen zu lernen, etwa in Griechenland, wo die Studierendenbewegung eine wichtige Rolle für viele soziale Kämpfe spielt.

    Vielen Dank für diese Einblicke. Zu guter Letzt: Was muss man tun, um bei euch mitmachen zu können?

    Eigentlich gar nichts. Unsere Ortsgruppen haben jede Woche offene Treffen, da kann man einfach vorbei schauen. Oder man besucht einen Vortrag oder ein anderes offenes Angebot, wenn etwas ansteht. Grundsätzlich braucht man aber kein Vorwissen, um bei uns mitzumachen, und wir versuchen, die Einstiegsschwelle für alle Studierenden, die offen für sozialistische Politik sind, möglichst niedrig zu halten.

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