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Samstag, Februar 24, 2024
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    Tausende Betroffene: Studie zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche

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    Eine kürzlich veröffentlichte Studie hat über 2.200 Betroffene von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche festgestellt. Die Dunkelziffer sei aller Wahrscheinlichkeit nach aber um ein Vielfaches höher.

    Im Zeitraum von 2021 bis 2023 hat ein unabhängiges Team aus Forscher:innen 8 verschiedener Universitäten und Institute eine Forum-Studie zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland erstellt. Auf den Weg gebracht wurde sie im Jahr 2020 – nach einem einstimmigen Votum aller evangelischen Landeskirchen.

    Der Erhebung zufolge wurden seit 1946 mindestens 2.225 Menschen sexuell missbraucht. Hochgerechnet auf die gesamte evangelische Kirche in Deutschland sprechen die Forscher:innen gar von knapp 9.300 Menschen. Von den bislang empirisch erfassten Betroffenen sind zwei Drittel männlich, zum Tatzeitpunkt waren sie im Durchschnitt elf Jahre jung.

    Die Anzahl der festgestellten Beschuldigten beläuft sich bisher auf knapp 1.300, wobei 99,6% männlich sind und 3/4 von ihnen zum Zeitpunkt der ersten Tat verheiratet waren. Insgesamt wurden alle der 20 Landeskirchen und 17 diakonischen Verbände auf dokumentierte Fälle sexualisierter Gewalt – von verbaler Belästigung bis hin zur Vergewaltigung – untersucht.

    Ein massives Dunkelfeld

    Zuvor war die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) noch von knapp 900 Opfern sexualisierter Gewalt seit 1946 ausgegangen. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch um ein Vielfaches höher liegen. So beschreibt Studienleiter Martin Wazlawik die Ergebnisse der neuen Studie lediglich als „die Spitze des Eisbergs“. Der Datenlage zufolge habe nur eine der Landeskirchen die Studienvorgaben eingehalten und tatsächlich alle Personalakten gesichtet und zur Verfügung gestellt.

    Selbst abgesehen davon finden sich weitere Hinweise, die auf eine weitaus größere Zahl an öffentlich nicht bekannten Vorfällen schließen lassen. So finden sich in den Akten der Landeskirchen, die ohnehin nicht vollständig gesichtet wurden, nur die Disziplinarvorgänge und die von staatlichen Stellen ermittelten Fälle sexualisierter Gewalt.

    Außerdem konnte die Studie nur einen kleinen Teil der Fälle potentiell Beschuldigter untersuchen, in erster Linie Pfarrer und Vikare im Kirchendienst mit Ordinariat. Andere Kirchenmitarbeiter:innen mussten unberücksichtigt bleiben, da ihre Akten nicht in der Hand der Landeskirchen liegen.

    Kaum Aufarbeitung in kirchlichen Institutionen

    Doch es gibt durchaus kirchliche Dunkelfeldstudien zu sexualisierter Gewalt, beispielsweise aus Frankreich: Hier ging eine 2021 veröffentlichte Studie von etwa 330.000 Betroffenen sexualisierter Gewalt aus – allein in der Katholischen Kirche. Der Ulmer Kinderpsychiater Jörg Fegert rechnet deshalb auch für Deutschland mit einer Betroffenenzahl im sechsstelligen Bereich seit 1946 in beiden Kirchen.

    Das Haus Gottes wackelt

    Es ist somit davon auszugehen, dass auch in Deutschland weiterhin Tausende von Betroffenen bis heute mit ihren Traumata und psychischen (Folge-)Erkrankungen leben müssen und dabei selten bis nie eine Entschädigung erhalten. Eine bundesweite, unabhängige Anlaufstelle für Betroffene existiert weiterhin nicht.

    Das sogenannte Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der EKD wird hingegen von kritischen Stimmen als „zu kirchennah“ bezeichnet. Unter anderem aus diesem Grund hatte sich Ende 2020 ein Betroffenenbeirat gegründet. Dieser beklagte immer wieder die kaum vorhandene Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in den kirchlichen Institutionen – und wurde 2021 von der evangelischen Kirche aufgelöst.

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