Eine Rezension über Ursula K. Le Guins Werk „Freie Geister“ –  von Anton Dent

Zwei Zwillingsplaneten: Urras und Anarres. Auf Urras leben die Menschen fest in der Gewalt von staatlicher Herrschaft, Privateigentum und Patriarchat. Auf Anarres leben die Menschen als gleichberechtigte Brüder und Schwestern, als Gemeinschaft von Freien, in Einklang mit ihrer Umwelt. Sie kennen keine sozialen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, keine Hierarchie und kein Eigentum, außer das gemeinschaftliche. So hat es sie Odo gelehrt, dafür haben ihre Vorfahren vor mehreren Generationen auf ihrem Heimatplaneten Urras gekämpft, bis sie schließlich ihre neue Welt besiedelten.

Im erstmals 1974 veröffentlichten Sciencefiction-Roman „Freie Geister“ der vor wenigen Tagen verstorbenen US-amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin begleiten wir den Physiker Shevek vom Planeten Anarres. Von Kindesbeinen an wurde Shevek nach den Prinzipien Odos zu einem Anarchisten erzogen: Nicht von seiner biologischen Mutter oder seinem biologischen Vater, denn diese spielen auf Anarres nicht zwingend eine erzieherische Rolle, sondern von der ganzen Gemeinschaft. So wie alle Brüder und Schwestern sind, so sind auch alle, die für einen jungen Menschen eine Verantwortung übernehmen, Väter und Mütter.

Als Shevek sich eines Tages als Erwachsener und Pionier auf dem Weg zu dem Planeten macht, von dem einst seine Vorfahren kamen, um im Dialog mit urrasischen Physikern zu treten, machte er sich auf eine Reise in eine Gesellschaft, die von seiner Heimat verschiedener nicht sein könnte. Dementsprechend hoch sind die kulturellen Missverständnisse, mit denen Le Guin die fundamentalen Unterschiede beschreibt zwischen einer Gesellschaft, die unserer zur Verwechslung ähnlich ist, und einer Gesellschaft, die seit Generationen in Freiheit lebt.

Wenn Shevek etwa nicht versteht, was „Müll“ sein soll, oder auf die Frage, ob es auf Anarres „wirklich keinen Unterschied zwischen Männerarbeit und Frauenarbeit“ gebe, nüchtern erwidert, dass dies doch „eine sehr schematische Basis für die Aufteilung von Arbeit“ sei, oder er als Professor an einer urrasischen Universität schockiert vom System des Prüfens und Notenvergebens ist, da er sich keine schlimmere Methode vorstellen kann, um den natürlichen Wissensdurst des Menschen abzutöten, dann wird deutlich, wie sozial und historisch bedingt so viele Alltäglichkeiten doch sind.

Genau diese Situationen macht „Freie Geister“ zu einem unglaublich radikalen Werk, denn es stellt alles in Frage, worauf die bürgerlich-männliche Ordnung auch im Jahr 2018 noch immer gebaut ist. Die Zukunft kritisiert die Gegenwart durch ihre Möglichkeit. Eigentumsverhältnisse, Staaten, Nationen, Familie und sämtliche Lebensweisen, die uns prägen, landen auf dem Richterstuhl der Geschichte. Gleichzeitig wird die befreite Gesellschaft nicht lediglich als ein Land beschrieben, in dem Milch und Honig fließen. Im Gegenteil finden wir auch auf Anarres zahlreiche Widersprüche und Leidensarten des menschlichen Lebens wieder.

Dieser Roman ist klug, witzig, inspirierend, erschreckend, faszinierend, traurig und aufrüttelnd in einem. Es wäre zu wünschen, ihn in den Lehrplänen für Schulen zu sehen – doch das wäre wohl sehr utopisch.