Tarifabschluss der IG Metall in Baden-Württemberg weicht Arbeitszeit auf und bringt den ArbeiterInnen kaum mehr als eine weitere Nullrunde. Ein Kommentar von Kevin Hoffmann

Stark und kämpferischen gaben sich die Spitzen der IG Metall bis zuletzt. Die Stimmung unter den Belegschaften war kämpferisch, man war zu weiteren Streiks und Protestaktionen bereit, die Streikkassen sind bis zum bersten gefüllt. Doch was folgte dann?

In der Nacht kam es zu einer Einigung der Gewerkschaftsbosse mit den Vertretern der Konzerne. Das Ergebnis sei „vernünftig ausbalanciert“ und man habe auch „schwierige Themen vernünftig regeln können“ so Stefan Wolf, Vorsitzender der Arbeitgebervereinigung Südwestmetall und Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Doch seit wann geht es bei Tarifverhandlungen eigentlich um Vernunft? Es geht um die Durchsetzung von Interessen entweder der Interessen der ArbeiterInnen oder der Bosse.

Was wurde vereinbart?

4,3 Prozent mehr Lohn soll es ab April 2018 geben, bei einer Laufzeit des Tarifvertrags über 27 Monate bis zum 31. März 2020. Hinzu kommt eine Einmalzahlung von 100 € für die ersten drei Monate diesen Jahres. Zieht man die Inflation, also die allgemeine Teuerungsrate von Verbrauchsgütern, Mieten etc. davon ab, so wird kaum etwas mehr übrig bleiben von dieser „erkämpften“ Lohnerhöhung. Im vergangenen Jahr lag die Teuerungsrate bei 1,8 Prozent. Sollte die Inflationsrate in den nächsten zwei Jahren bei diesem Wert bleiben oder steigen, so hat die Gewerkschaft den Großkonzernen der Metall- und Elektroindustrie für fast vier Millionen ArbeiterInnen kaum mehr als eine Nullrunde abgerungen.

2019 erhalten die ArbeiterInnen zudem einen Festbetrag von 400 Euro sowie ein neues tarifliches Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens. Immerhin ein kleines Trostpflaster für die ArbeiterInnen bei Milliarden Gewinnen und bester Wirtschaftslage für die Metall- und Elektroindustrie.

Die in der Nacht getroffenen Vereinbarungen gelten zwar zunächst nur für die 900.000 ArbeiterInnen der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die anderen Tarifbezirke die ausgehandelten Bedingungen übernehmen werden.

Flexibilisierung der Arbeitszeit

Doch damit nicht genug. Zwar konnte die IG Metall einen individuellen Anspruch der ArbeiterInnen auf eine sogenannte „verkürzte Vollzeit“ von 28 Wochenstunden für maximal zwei Jahre durchsetzen, jedoch ohne den angestrebten vollen Lohnausgleich und nur bis maximal zehn Prozent der Belegschaft. Der Preis dafür war jedoch hoch. Parallel zur verkürzten Vollzeit dürfen die Arbeitgeber nun mit deutlich mehr Beschäftigten Verträge über 40 Stunden Wochenarbeitszeit schließen. Damit haben die Vertreter der Wirtschaft ihr wichtigstes Ziel erreicht: Den Beginn zur Abschaffung der 35 Stundenwoche!

So wundert es nicht, dass die Arbeitgeberseite diesen Abschluss feiert. „Wir haben heute den Grundstein für ein flexibles Arbeitszeitsystem für das 21. Jahrhundert gelegt“, so Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. Flexibilisierung meint hier vor allem die Etablierung deutlich längerer Arbeitszeiten und die unbezahlte Freistellung bei Auftragsflaute.

Alle (paar) Jahre wieder

Wie all zu oft schon, haben sich die Gewerkschaften (hier konkret die IG Metall), als zahnlose Papiertiger gezeigt. Dabei geht es nicht darum, dass sie keine Mittel zum Kampf haben, sondern, dass sie diese nicht einsetzen wollen.

Nach einer Woche durchgängigem Streik zum Beispiel, hätten die ArbeiterInnen ganz andere Verhandlungsmöglichkeiten, wenn die Gewerkschaften nicht schon nach einem einzigen 24 Stunden Warnstreik von ihren Forderungen massiv ab rücken würden. Und gefragt, ob sie mit diesem Ergebnis einverstanden oder gar zufrieden sind, werden die kampfbereiten ArbeiterInnen von der Gewerkschaft natürlich auch nicht.