Solidarische Lebensmittelbanken als Ort der Klassensolidarität und ein kleiner Einblick in spanische Klassenkämpfe. –  Ein Interview von Emilia Zucker

Die ArbeiterInnenklasse in Spanien leidet noch immer unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise 2008/2009. Zwangsräumungen oder zu wenig Einkommen, um die eigene Familie ernähren zu können, sind weit verbreitete Probleme. Aus diesem Grund haben sich die „solidarischen ArbeiterInnen-Lebensmittelbanken“ (Banco Obrero Solidario de Alimentos, kurz „B.O.S.A.“) gegründet. Wir haben Arsenio und Fernando interviewt, zwei Arbeiter, die in verschiedenen Stadtteilen von Barcelona an der Arbeit von B.O.S.A. teilnehmen.

Wie arbeitet ihr in den B.O.S.A.?

Fernando: Wir arbeiten im Stadtteil Sant Andreu. Wir sammeln Spenden vor Supermärkten, meistens gestatten die Betreiber der Supermärkte das. Allen Menschen, die reingehen, geben wir ein kleines Flugblatt mit, auf dem unsere Arbeit erklärt wird und auch einige Vorschläge für Lebensmittel sind, die viel gebraucht werden. Dazu gehören Nudeln, Reis, Öl, aber auch Hygieneartikel. Wichtig ist, das die Dinge lange haltbar sind.

Arsenio: Ich lebe im Stadtteil Octa. Wir sammeln mindestens einmal die Woche Lebensmittel. Samstags stellen wir unseren Stand beim Markt auf. Wir beginnen mit einer Lautsprecheransage und erklären allen Anwesenden, worum es geht. Bis 14 Uhr sammeln wir Spenden. Nicht nur die Menschen, die dort einkaufen, sondern auch die Marktstand-Besitzer geben uns am Ende Lebensmittel, die sie nicht verkaufen konnten. An die Familien, die von uns unterstützt werden, geben wir die Lebensmittel gleich im Anschluss ab.

Steht es nicht im Widerspruch zu den Interessen der StandbetreiberInnen, wenn sie euch ihre Ware umsonst geben?

Arsenio: Bei Gemüse, Früchten und auch Fisch oder Fleisch stellt sich ihnen eine ganz einfache Wahl: Wegschmeißen oder Spenden. Es gibt viele, die menschlich genug sind, um uns zu unterstützen. Eine Bäckerei beispielsweise sammelt jeden Samstag ihre Ware für uns.

Wie habt ihr die B.O.S.A. kennengelernt?

Fernando:  Meine Frau hat eines Tages in der Stadt eine der Sammelaktionen gesehen. Wir fanden die Initiative großartig und eine gute Möglichkeit, wieder eine gesellschaftliche Bewegung der ArbeiterInnen aufzubauen. Tatsächlich hat die Lebensmittelbank die Beziehungen in unserer Nachbarschaft verändert. Viele Menschen haben angefangen, sich einzubringen und aktiv zu werden.

Denkt ihr denn, dass die B.O.S.A. ausreichen, um wieder eine gesellschaftliche ArbeiterInnenbewegung aufzubauen?

Fernando: Ich denke, wir müssen auf vielen Gebieten wieder aktiv werden, die Lebensmittelbanken reichen nicht. Sei es gewerkschaftliche Organisierung oder Organisierung in den Nachbarschaften. Diese Kämpfe müssen zusammengeführt und koordiniert werden. In den letzten dreißig sogenannten „demokratischen Jahren“ hat sich die ArbeiterInnenklasse an viele Zugeständnisse des Staates gewöhnt. Wir haben es ein Stück weit verlernt, zu kämpfen und uns zu organisieren. Dieses Bewusstsein erwacht erst langsam wieder.

Arsenio: Es gibt zum Beispiel sehr große Probleme mit Zwangsräumungen. Jeden einzelnen Tag verlieren Familien hier ihre Wohnung. Es gibt große Kommitees gegen diese Zwangsräumungen, und wir arbeiten mit ihnen zusammen. Wenn eine Zwangsräumung ansteht, dann werden wir informiert und gehen gemeinsam dorthin, um die Familien zu unterstützen. Wir können vielleicht nicht immer die Zwangsräumung verhindern, aber immerhin können wir eine erste Unterstützung in diesen schwierigen Momenten bieten. Wir haben zum Beispiel schon Familien in den ersten Wochen nach einer Räumung bei unseren eigenen MitstreiterInnen untergebracht.

Es gibt doch auch zahlreiche andere Lebensmittelbanken in Spanien. Wie hebt sich euer Projekt davon ab?

Arsenio: Ja, es gibt andere. Zum Beispiel die Caritas, die von der Kirche abhängig ist. Alle anderen sind in einer oder anderen Weise vom Staat oder großen Institutionen abhängig. Wir sind die einzige Lebensmittelbank, die vollkommen auf eigenen Füßen steht. Unsere Arbeit basiert auf Freiwilligkeit, nicht darauf, dass wir dafür bezahlt werden. Die Familien, die durch B.O.S.A. unterstützt werden, machen auch selber die ganze Arbeit. So funktionieren wir.

Wir haben gehört, dass auch KommunistInnen in den Lebensmittelbanken mitwirken und diese aufgebaut haben. Wie steht ihr dazu?

Fernando: Kommunist oder nicht, was macht das denn für einen Unterschied? Das wichtige ist, dass alle unter ähnlichen Situationen leiden, und dass alle durch unsere gemeinsame Arbeit, die Solidarität mit den ärmsten unserer Klasse ein Stück weit organisieren können.

Wir unterhalten uns hier bei einer Veranstaltung zum – zwei Jahre zurück liegenden – Verbot der PML (RC). Was denkst du zu dem Verfahren, das gegen diese Partei läuft?

Fernando: Ich finde, dass das eine große Ungerechtigkeit ist. Ich meine: da sind Jugendliche freiwillig nach Syrien gegangen und haben am Kampf gegen den Islamischen Staat teilgenommen. Jetzt stellt man sie als Terroristen da. So etwas ist nicht gerecht!