Ein Kommentar zu den Ereignissen in Chemnitz – von Lukas Beimler

Daniel Hillig, ein 35-jähriger Chemnitzer, ist am Sonntag mit zahlreichen Messerstichen ermordet worden. Die Polizei verdächtigt bisher einen Syrer und einen Iraker, die bereits in Untersuchungshaft sitzen. Ein Verbrechen? Natürlich, sogar ein ganz abscheuliches. Ist es gerechtfertigt, diese Gewalt nicht hinnehmen zu wollen, sich dagegen verteidigen zu wollen? Natürlich. Nur: Wie kann das aussehen?

Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, die von Gewalt durchdrungen ist. Der Staat übt gegen uns alle Gewalt aus, wenn wir uns nicht in die herrschende Gesellschaftsordnung einfügen können oder wollen. Das Leben der Frauen in Deutschland ist von ständiger Gewalt – sei es physisch oder psychisch durchzogen. Schon als Kinder lernen wir allzu oft, unseren Willen mit Gewalt durchzusetzen.

Das Ergebnis sehen wir: Obwohl wir als ArbeiterInnen objektiv in der gleichen Situation stecken und die gleichen Interessen, ja die gleichen Feinde haben – endet unser Hass und unser Frust nur allzu oft als gewaltsamer Angriff auf unsere Klassengeschwister.

Wer an unserer Lage etwas ändern will, vor dem steht die Riesenaufgabe, diese Gewalt innerhalb der Klasse zu bekämpfen und sie in organisierte Gewalt gegen Ausbeutung und Unterdrückung jeglicher Form zu verwandeln. Ohne Zweifel ist der Tod von Daniel H. ein krasser Auswuchs der rückschrittlichen Gewalt innerhalb unserer Klasse. Mehr kann man dazu bei den bisher öffentlich bekannten Informationen noch nicht sagen.

Nur wie damit umgehen?

Die Faschisten in Chemnitz geben eine einfache Antwort: Auf die Gewalt, die von einem bestimmten Teil der Ausgebeuteten und Unterdrückten – nämlich den Migranten – ausgeht, folgt für sie Gewalt gegen eben diesen Teil der Ausgebeuteten und Unterdrücken. Die Gewalt des Staates gegen uns ArbeiterInnen, die Ausbeutung der ArbeiterInnen durch die Kapitalisten, die tägliche Gewalt von Männern gegen Frauen – all das prangern sie nicht an.

Sie nennen das Rassenkrieg. Was es in der Praxis an Orten heißt, wo Faschisten eine starke Verankerung in der Bevölkerung haben, sieht man in Chemnitz: Hetzjagden gegen MigrantInnen und Linke. Wird das helfen, die nächsten Messerstechereien zu verhindern? Wohl kaum.

Die logische Konsequenz von allgemeinem Terror gegen alle MigrantInnen ist, dass sich am Ende niemand mehr ohne Messer vor die Tür traut. Dazu, dass Millionen Menschen in ihre durch Krieg und Umweltkatastrophen vollkommen unbewohnbare Heimat zurückkehren, wird es jedenfalls ganz sicher nicht führen. Die Antwort der Nazis ist eine Illusion von vorne bis hinten. Sie ist keine Lösung, sondern ein Teil des Problems.

Was können wir als SozialistInnen dagegen stellen?

Wir haben kein Konzept, mit dem die Gewalt innerhalb unserer Klasse von heute auf morgen beseitigt wird. Es wäre verlogen, so etwas zu behaupten. Es wäre auch genauso heuchlerisch zu behaupten, gegen die tägliche Gewalt, die uns widerfährt, könnten wir uns auf einem rein friedlichen Weg verteidigen: Nein! Die Selbstverteidigung der ArbeiterInnen ist legitim. Aber sie muss sich gegen jegliche Gewalt richten, die uns gegeneinander aufbringt, die unsere Kräfte und unser Blut kostet: Gegen rassistische und frauenfeindliche Gewalt ebenso, wie gegen die unausgesprochene Vorherrschaft von Mafiabanden in vielen Arbeiterstadtteilen. Vor allem aber muss sie sich gegen die täglichen Angriffe von Unternehmern und Staat richten, die uns überhaupt erst in unsere elende Lage bringen.

Diese verschiedenen Ebenen der täglichen Gewalt, die wir erleben, und somit auch des Widerstands dagegen dürfen nicht gegeneinander gestellt werden, sondern müssen zu einer Einheit zusammengefügt werden.

Wie wird innerhalb eines Systems der Gewalt eine Gesellschaft der Solidarität geboren? Nur im gemeinsamen Kampf!