Die ultrarechte Propaganda der russischen Netflix-Serie „Trotzki“ – Eine kritische Rezension von Pa Shan

Die neue Netflix-Serie „Trotzki“ ist ein propagandistisches Machwerk, das antisemitische Ressentiments bedient, dem russischen Konservatismus frönt und die Geschichte der russischen Revolution verfälscht. Die Handlung erstreckt sich über acht Folgen und ist einfach: In jeder Folge werden zwei Handlungsstränge dargestellt, die Hauptfigur Leo Trotzki im mexikanischen Exil kurz vor seinem Tod 1940 und Trotzkis Handlungen in der russischen Revolution. Im ersten Handlungsstrang rechtfertigt sich Trotzki in Gesprächen mit dem Journalisten Frank Jacson für seine Biografie. Im zweiten Handlungsstrang werden die vermeintlichen Heldentaten aus der Revolutionszeit (1902-1928) als die Untaten eines gewissenlosen Psychopathen und Fanatikers nacherzählt. Am Ende wird Trotzki von seinem Gewissen eingeholt und zugleich von Jacson erschlagen.

Die Zuschauer sollen sich über Trotzkis Ableben freuen

In dem Moment, in dem Leo Trotzkis Schädel unter der Wucht des Eispickels aufbricht, soll den Zuschauer die größte Genugtuung überkommen. Endlich hat es den blutrünstigen Despoten selbst erwischt! Ramon Mercader (F. Jacson), der Mörder Trotzkis erscheint zwar selbst nicht als Held. Dafür ist er zu zögerlich. Außerdem ist er selbst ein „böser Kommunist“ und Agent des sowjetischen Geheimdienstes. Aber mit seiner Tat im mutmaßlichen Auftrag Josef Stalins hat er zumindest einen der zynischen Zerstörer Russlands aus der Welt geschafft. Der Zuschauer hat seit der ersten Folge mit Spannung auf diese Szene gewartet. Aber wie kommt dieser Effekt beim Schauen der neuen Netflix-Serie zustande?

Wie der russische Konservatismus die Revolution dämonisiert

Die bekannten Anführer der russischen Revolution – Lenin, Stalin und hier vorallem Trotzki – sind hier die Bösewichte der Serie. Sie sind zwar die Hauptfiguren der Handlung, aber die Anführer der kommunistischen Bewegung Russlands erscheinen als die bösartigen Gegenspieler, die Antagonisten. Wessen Gegenspieler? Die des russischen Volkes und der ganzen Menschheit.

In der ersten Folge wird das klar ausgesprochen. Ausgerechnet der Namensvetter unseres Protagonisten fungiert als Sprachrohr, um die Botschaft der Serie mitzuteilen. Die Rede ist von Nikolai Trotzki, dem zaristischen Aufseher, der nicht nur Antisemit, sondern auch Anhänger des russischen Konservatismus ist. Dieser erscheint nicht nur als nüchterner Realist, sondern geradezu als weiser Prophet, der den radikalisierten Leo Bronstein vor dem Umsturz warnt: „Ihr Juden und Revolutionäre kennt das russische Volk nicht. Immer versucht ihr, es vor irgendwem zu retten und zu befreien. Aber das russische Volk darf man nicht befreien. Sonst kriecht aus seiner Seele solch eine Finsternis hinauf, die die ganze Welt auffrisst und zu allererst seine Befreier. Das russische Volk kann man nur regieren – zu seinen eigenen Gunsten.“ Die Ideologie der russischen Gegenrevolutionäre wird hier eins zu eins nacherzählt. Damit ist im Grunde schon alles gesagt, was in der Serie passiert.

Anstatt die Warnung des Aufsehers ernst zu nehmen, übernimmt Bronstein nicht nur dessen Namen. Er folgt ganz fatalistisch der Vorsehung. Gemeinsam mit den anderen Protagonisten opfert er alles, was heilig ist, der „bolschewistischen Verschwörung“.

Nicht nur Trotzki erscheint als Monster. Auch Lenin und Stalin wirken wie die reinsten Schurken. Lenin will eine Art russischer Napoleon werden, koste es, was es wolle. Das Volk betrachtet er nur als Mittel zum Zweck. Stalin wirkt wie ein unzivilisierter Ganove aus dem tiefsten Georgien, der einzig dadurch ins Amt des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei aufsteigt, weil Trotzkis Arroganz und Menschenfeindlichkeit noch mehr verachtet werden.

Denn Trotzki übertrifft sie alle an Unmenschlichkeit. Als Revolutionär, Diplomat und Anführer der Roten Armee schikaniert und demütigt er alles und jeden in seinem Umfeld, schändet christliche Friedhöfe, schickt treue Mitstreiter in den sicheren Tod, betrügt seine Ehefrauen mit etlichen anderen Frauen, lässt unschuldige Greise, Frauen und Kinder erschießen und benutzt sogar den eigenen Sohn als lebendes Schutzschild.

Die Helden des russischen Konservatismus

Völlig gewissenlos erscheint Trotzki nicht. Viele Jahre nach seinen Untaten wird er von seinem schlechten Gewissen heimgesucht. Dieses erscheint ihm in Form von alten Weggefährten: den Opfern Trotzkis, die zugleich viel mehr sind als das.

Denn die eigentlichen Helden der Serie sind ganz andere Figuren als die kommunistischen Anführer: Einfache Arbeiter und Matrosen, zaristische Aufseher, wahre Patrioten, warmherzige Poeten und konservative Philosophen, die aufgrund ihres „Russentums“ mit der kommunistischen Bewegung in Konflikt geraten.

Da ist z.B. Nikolai Markin, ein einfacher Matrose und ehrlicher Bolschewik. Obwohl er Trotzkis Familie in der Not zu Hilfe kommt und die Kinder gegen Antisemiten und Oberschichtskinder verteidigt, verrät Trotzki seinen Schutzengel schamlos. Denn in einem lichten Moment erkennt Markin in Trotzki den gebrechlichen Intellektuellen mit seinen menschlichen Schwächen. Trotzki kann sich diese Wahrheit nicht leisten und befördert seinen Freund in den sicheren Tod.

Ein weiterer Held ist Maxim Gorki, der russische Poet, der Trotzki in der Serie persönlich darum anfleht, die russische Bevölkerung vor dem Hunger zu retten. Trotzki gibt sein Ehrenwort, bricht es aber ganz offensichtlich und hintergeht den aufrichtigen Dichter.

Schließlich tauchen auch Figuren wie Iwan Iljin auf, der als russischer Nationalist und renommierter Philosoph mit vielen weiteren DissidentInnen die Gnade Trotzkis nur deswegen genießen kann, weil dieser sein Image im Kampf gegen seine Rivalen aufpolieren muss.

Putin, die Oktoberrevolution und die russische Bevölkerung

Diese Nebenfiguren sind deswegen die Helden der Serie, weil sie „die russische Idee“ bzw. „das Russentum“ verkörpern, ein Konzept der russischen Rechten, das bis zum Schriftsteller Fjodor Dostojewskij zurückgeht. „Von Dostojewskij stammt die messianische Idee, wonach Russland als „Trägervolk Gottes“ und kollektiver Heiland die Menschheit brüderlich zur Einheit führen, sich also an deren Spitze setzen und sie mit einer neuen exklusiven „Wahrheit“ ausrüsten werde, einer Wahrheit, die gleichermaßen verpflichtend und befreiend sei.”

Die “Trotzki”-Serie dient der Verbreitung dieser reaktionären Vorstellung, die heute von russischen Faschisten und besonders von der Staatsmacht unter Wladimir Putin aufgegriffen wird. Zugleich sollte mit ihrer Erstausstrahlung im russischen Fernsehen, genau einhundert Jahre nach der sozialistischen Oktoberrevolution von 1917, die Erinnerung an diese demoliert werden. Die Oktoberrevolution soll im sich im kollektiven Gedächtnis der RussInnen als großes Unheil einschweißen, dass von “Juden und Kommunisten” verschuldet wurde.

Das Mittel einer pompösen Mini-Serie dient diesem Zweck besser als jede Horrorerzählung und jede noch so gut belegte wissenschaftliche Abhandlung. Mit einem überaus großen Budget, ausgestrahlt auf dem ersten Kanal im russischen Fernsehen, kostenlos auf der Homepage anschaubar und dann auch noch über Netflix für nicht-russischsprachige ZuschauerInnen bereitgestellt, ist die “Trotzki”-Serie mit Sicherheit eines der wichtigsten antikommunistischen Propagandawerke unserer Zeit.

Dass dafür viele historische Tatsachen verschleiert oder verdreht wurden, gerät bei der dramatischen Erzählweise und den pompösen Bildern der Serie in den Hintergrund. Die Serie strotzt nur so von Falschdarstellungen, irrtümlichen Zeitangaben und einseitig übernommenen Narrativen. Die Figuren werden aus ihren nachweisbaren Zusammenhängen gerissen und genau so dargestellt, dass die konservative Propaganda maximale Wirkung erzielt. Das Publikum soll darauf hoffen, dass dem „Dämon, den alle fürchteten“ – eine Selbstbezeichnung Trotzkis in der Serie – das gleiche Schicksal widerfährt wie seinen unzähligen Opfern. Der Zuschauer soll sich über die Ermordung Trotzkis freuen. Nicht der jüdisch-stämmige Leo Trotzki und seine MitstreiterInnen sollen in all ihrer Tragik, mit all ihren Leistungen und Fehlern begriffen werden. Sie sollen verachtet, verdrängt und in ihrer Aktualität ignoriert werden. Die Revolution soll als scheußliches Verbrechen ad acta gelegt werden. Im Gegensatz dazu soll Trotzkis Namensvetter, der antisemitische und zarentreue Gefängniswärter, als weiser Prophet in Erinnerung bleiben. Die einfache Botschaft lautet: Besser als die Revolution ist die russisch-orthodoxe Autoritätshörigkeit, der Burgfriede, der Rückzug ins Private.

In auffälligem Gegensatz zu diesem Bestreben der russischen Rechten und ihrer schauspielerischen Handlanger steht die bemerkenswerte Tatsache, dass seit Jahren knapp 60 Prozent der RussInnen den Zerfall der Sowjetunion nicht nur bedauern, sondern eine Rückkehr zum Sozialismus sogar befürworten würden.