Der katholische Klerus in Deutschland hegt bekanntlich stets einen Drall nach rechts. Sexismus, Traditionssucht, Homophobie und Totalitarismus sind nicht nur fester Bestandteil rechter Politik, sondern vernebeln auch den Geist der „Geistlichen“. Die Brüder und Schwestern der evangelischen Kirche, so esoterisch und hipp sie auch auftreten mögen, sind jedoch ebenfalls nicht immun gegenüber Ideologien der Ungleichwertigkeit, wie der Fall Rentzing vom Beginn diesen Monats leider bestätigt. – Ein Kommentar von „Kein Paradies“ aus Leipzig

Dr. Carsten Rentzing, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen, hat nach Enthüllung seiner rechtsradikalen Vergangenheit sein Amt niedergelegt. Ein Bischof oder eine Bischöfin ist die mächtigste Person in einer Assoziation von christlichen Gemeinden, die zudem keinerlei Rechenschaft gegenüber der Basis leisten muss.

Nationalistische Texte aus der Studienzeit

Zwischen 1989 und 1992 schrieb der damals 22-jährige Theologie- und Philosophiestudent Rentzing „elitäre, in Teilen nationalistische und demokratiefeindliche“ Texte für die Zeitschrift „Fragmente“, die er selbst mit herausgab.

1992 trat er der Landsmannschaft „Hercynia“ in Frankfurt bei. Rentzing beharrt auch heute noch auf seiner Mitgliedschaft in dieser Studentenverbindung. Ihre „gemeinsame(n) Werte Ehre, Freiheit, Freundschaft und Vaterland“ bezeugen die rechtskonservative, nationalistische Gesinnung der Mitglieder. Nicht zu vergessen ist der reaktionäre und frauenverachtende Konsens jeder Studentenverbindung.

Ab Mitte der Neunziger Jahre habe er sich auf die Arbeit im kirchlichen Dienst vorbereitet und das politische Schreiben aufgegeben. Obwohl er nur wenige Jahre zuvor in die „Hercynia“ eintrat, wodurch seine angebliche Inaktivität zweifelhaft erscheint.

Rentzing charakterisiert sich selbst als konservativ und lehnt die gleichgeschlechtliche Ehe ab, da diese nur einen Verschnitt der „wahrhaftigen“ Ehe darstellen würde. Passend dazu unterstützt Rentzing jährlich den antifeministischen und fundamentalistischen „Marsch des Lebens“ mit einem Grußwort. Eine Distanzierung von der AfD blieb selbstverständlich noch aus, er wolle zunächst Anliegen, Mittel und VertreterInnen der Partei überprüfen. Eine kritische Reflexion jeglicher politischer Entwicklungen ist essentiell für eine aufgeklärte und verantwortungsbewusste Gesellschaft, jedoch ab dem Punkt überflüssig, an dem eine Partei den Schießbefehl gegen Geflüchtete an deutschen Grenzen fordert.

Der „Ich-habe-mit-früher-nichts-mehr-zu-tun-Bischof“

Seit 1999 befindet sich Rentzing im kirchlichen Dienst und übt priesterliche Tätigkeiten aus. Seine Vergangenheit habe er verdrängt und fühle mittlerweile nur noch Scham und Unverständnis gegenüber seinen damaligen Ansichten. 2013 hielt der „Ich-habe-mit-früher-nichts-mehr-zu-tun-Bischof“ Rentzing  jedoch einen Vortrag in der „Bibliothek des Konservatismus“, die von Casper Schrenck-Notzing gegründet wurde. Schrenck-Notzing ist u.a. Autor für die Junge Freiheit und die National-Zeitung – in beiden Fällen also für rechtskonservative bis rechtsextreme Medien.

Vor seiner Wahl zum Bischof im Jahr 2015 wurde auf eine Aufarbeitung  von Rentzings politischer Vergangenheit verzichtet. Er genoss durch das Studium der Theologie und seinen „guten Dienst“ als Priester über viele Jahre blindes Vertrauen der evangelisch-lutherischen Obrigkeiten.

Austrittsforderungen in der evangelischen Kirche

Nach Publikation seines Werdeganges durch die Sächsische Zeitung startete eine Petition von liberalen Kräften unter dem Motto „Nächstenliebe verlangt Klarheit“. Diese forderte den Austritt Rentzings aus der „Hercynia“. Er lehnte dies ab und verwies auf den möglichen Verlust von jahrelangen Freundschaften und Kontakten – Freundschaften und Kontakte in das rechtsradikale bis extreme Umfeld. Auch die sächsische Landeskirche positionierte sich zum Fall Rentzing und bezeichnete die Texte zwar als „unvertretbar“, fügte jedoch sofort hinzu, dass diese Texte Ergebnis einer Findungsphase des damals jungen Rentzing seien.

Sogar die evangelische Kirche sucht also lieber die scheinheilige Versöhnung, anstatt ein klares Zeichen gegen antidemokratische und nationalistische Ideologien zu setzen. Zwar unterstützt die evangelische Kirche die private Seenotrettung mit einem Verein und finanzieller Hilfe beim Kauf eines neuen Rettungsboots, trotzdem beherbergt sie Hauptamtliche mit nationalistischen Weltanschauungen.

Antifaschismus, egal ob atheistisch oder religiös

Religiöse Gemeinschaften jeglicher Konfessionen müssen spätestens jetzt wieder zu einem Zeichen des Internationalismus werden – in einer Zeit, in der faschistisches Gedankengut wieder salonfähig gemacht wird und die Gesellschaft im Kampf aller gegen alle zerbricht. Besonders christliche Gemeinschaften müssen zurück zu ihrem Ursprung finden, der im Aufstand gegen das Patriarchat und den Kampf für alle (!) Ausgebeuteten und Unterdrückten dieses Planeten liegt. Der Kampf gegen ein erneutes Erstarken des Faschismus bedarf der Gemeinschaft aller AntifaschistInnen, egal ob atheistisch oder religiös.