Phil arbeitet in einer Leipziger Altenhilfeeinrichtung. Seit der Situation mit dem Corona-Virus hat sich der Alltag der gesamten Abteilung verändert: ständige Einschränkungen für ihn, aber natürlich auch für seine zu betreuenden Menschen. Wir haben ein Interview mit ihm geführt, um einen besseren Einblick in die aktuelle stationäre Pflege zu erhalten.

Wie sehr betrifft der Virus deinen Arbeitsbereich?

Seitdem bekannt war, dass sich die Coronainfektionen ausgebreitet haben, hat das für erhebliche Einschränkungen in der Altenpflege gesorgt. Die Schutzmaßnahmen nehmen starken Einfluss auf das Leben der Menschen in stationären Altenhilfeeinrichtungen. Die dort lebenden Menschen haben in den meisten Fällen bisher regen Kontakt zu ihren Angehörigen gepflegt und stehen vor einer Situation, die ihnen bisher nicht bekannt war, nämlich, dass sie von der Außenwelt abgeschottet sind. Das wirkt sich stark auf den Pflegeprozess aus und gestaltet ihn intensiver denn je.

Was konkret heißt das für euch? Wie sieht euer Pflegealltag aus?

Die ArbeiterInnen in der Pflege müssen sich im Pflegealltag noch stärker in der sozialen Betreuung engagieren, was für viele Fachkräfte und PflegehelferInnen eine Herausforderung darstellt. Bisher fanden Beschäftigungsangebote in großen Gruppen statt, welche aber durch die Allgemeinverfügung verboten sind. Um den Menschen dennoch ein anderen Input zu geben, da der Pflegealltag meist eingetaktet ist, finden Einzeltherapien statt, welche die vorhandenen ErgotherapeutInnen aber kaum kompensieren können, um den Menschen soziale Betreuung zu gewährleisten und einzeln auf Jede/n einzugehen.

Das klingt nach starken Einschränkungen der sozialen Kontakte für die Hilfsbedürftigen. Das bringt doch sicherlich psychologische Folgen mit sich, oder?

Wir in der Altenpflegeeinrichtung sehen uns als große Familie, wo viele Menschen unter einem Dach leben, so wie in einer „normalen“ Familie mit mehreren Personen. Da sich die Menschen, die in einem Haushalt leben (lt. Allgemeinverfügung) max. zu fünft durch die Welt laufen können/dürfen und ihr Leben unbeschwert weiterleben können, haben wir uns das zu Nutze gemacht, um den Menschen bei uns im Haus eine Gemeinschaft zu gewährleisten und soziale Kontakte untereinander zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Denn sollte es zu einer Komplettisolation mit Versorgung in den jeweiligen Einzel-/Doppelzimmern kommen, dann werden die Menschen zunehmend innerlich „verkrüppeln“, was mit suizidalen Gedanken einhergehen könnte aufgrund depressiver Grunderkrankungen.

Was für Einschränkungen erleben denn die zu betreuenden Personen noch?

In vielen Gesichtern der zu Pflegenden zeigt sich mittlerweile die Unzufriedenheit: ständig die gleichen Leute um sich zu haben, nicht mehr nach draußen gehen zu dürfen bzw. nur eingeschränkt durch die umzäunte Parkanlage zu laufen, keine FreundInnen oder Angehörige, die einen besuchen kommen, das Einnehmen der Mahlzeiten am Tisch mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern – all das wird in kommender Zeit für größeren seelischen und physischen Distress der pflegebedürftigen Menschen sorgen. Hinzu kommen noch die Erkrankungen, z.B. COPD, Multiple Sklerose oder Immunschwäche, was den Menschen in der Einrichtung zusätzlich Ängste bereitet, sich zu infizieren und mit dem Tod kämpfen zu müssen.

Gibt es eine „Wesensveränderung“ in deinem Kollegium – schließlich arbeitet ihr auch unter lebensgefährlichen Umständen?

Die Arbeiterschaft macht sich starke Gedanken darüber, evtl. als asymptomatische/r ÜberträgerIn in Frage zu kommen, was durchaus berechtigt ist. Sonst merkt man kaum verändertes Verhalten bzgl. der Coronapandemie, obwohl es ja einschneidende Veränderungen im Leben wegen der Schutzmaßnahmen gibt. Mich selbst schränkt die Situation sehr ein. Ich muss meine Aktivitäten pausieren und „allein“ sein.

Jeden Tag findet in der Einrichtung eine Art Coronakrisensitzung statt, die von einem internen ‚Pandemieteam‘ gesteuert wird und uns mit den für uns wichtigen Informationen zur Coronainfektion versorgt, sowie zu den Schutzmaßnahmen. Von Seiten der Stadt Leipzig bekamen wir eine Lieferung mit Schutzmasken und Virucid, jedoch nicht in ausreichender Menge. Da diese Güter auf dem Markt gerade sehr teuer gehandelt werden und die Produktion nicht mehr hinterher kommt, sorgt das für Engpässe, zumal die Bevölkerung sich dermaßen stark damit eindeckt, dass es an den wichtigen Stellen in pflegerisch relevanten Bereichen dann fehlt.

Wichtig ist, dass wir uns in diesen Zeiten gegenseitig Solidarität zeigen und denjenigen Menschen, die erkrankt sind oder zur Risikogruppe gehören, helfen.


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