Die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien versucht eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Es wird eine Ausgangssperre verhängt, zusätzlich werden Strom und Wasser in der Region kostenlos. Trotzdem verschärft sich die Lage in der Region weiter, auch der Konflikt mit der Türkei spitzt sich erneut zu.

Auch in den Krisenzeiten lässt der Druck auf die selbstverwaltete Region in Nord- und Ostsyrien nicht nach. Das syrische Regime hat den Geltungsbereich der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) eingeschränkt. Außerdem greifen die türkischen Besatzungskräfte weiterhin das Umland von Girê Xurma (Til Temir), Bozanî (Ain Issa) und der Wüstenregion Sheba an. Sowohl der türkische als auch syrische Staat weigern sich, zu spenden oder mit humanitären Dienstleistungen auszuhelfen. Daher gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Möglichkeit, die BewohnerInnen auf Covid-19 zu testen.

Die Anfragen der Verwaltung von Nord- und Ostsyrien, ob eigenständig genommene Proben in Damaskus getestet werden können, wurden von den Zuständigen der syrischen Regierung ignoriert. So  gibt es keine offiziell bestätigten Corona-Fälle in der Region, jedoch viele Menschen mit entsprechenden Symptomen. Aufgrund der fehlenden Testmöglichkeiten kann über die Anzahl der Infizierten aber keine sichere Aussage gemacht werden.

Die Verwaltung von Rojava hat trotzdem eine Ausgangssperre verhängt. Diese gilt seit dem 23. März und wurde am 7. April um weitere zwei Wochen verlängert. Die Beschränkungen gelten also erst einmal bis zum 21.April, dabei ist eine weitere Verlängerung nicht ausgeschlossen. Im Zuge der Ausgangssperre wurde der Betrieb von Geschäften auf das Mindeste beschränkt.

In den letzten Tagen hat sich die Lage in Rojava noch einmal verschärft. Zuständige vor Ort berichten, dass die türkisch-islamistischen Milizen das wichtigste Wasserwerk der gesamten Region abgeschaltet und eine Pipeline beschädigt haben. Dies betraf vor allem die Stadt und das Umland von Hesîçe (al-Hasaka) mit etwa 1,2 Millionen Menschen. Nicht nur die normale Bevölkerung hatte dadurch über 16 Tage lang keinen gesicherten, regelmäßigen Zugang zu Wasser, sondern auch die Gefängnisse, Flüchtlingscamps und das Haupt-Quarantäne-Krankenhaus für Covid-19 in Nordost-Syrien.

In der Zwischenzeit hat die kurdische Regionalverwaltung versucht, die Wasserversorgung mit Hilfe von Tankschiffen aufrecht zu erhalten. Michael Wilk, ein Arzt aus Wiesbaden, der sich regelmäßig für die kurdische Region engagiert, sprach mit dem Leiter des kurdischen Roten Halbmonds der Region Rojava. Dieser habe „bis zur Erschöpfung gearbeitet und ist am Ende seiner Kräfte“. Wilk erinnert daran, dass die kurdischen Milizen erst vor einem Jahr den sogenannten islamischen Staates aus ihrer letzten Bastion Baghouz vertrieben haben.

In dieser Schlacht hätten die KurdInnen einen hohen Preis bezahlt, unter anderem seien dabei 11.000 der KämpferInnen gestorben. Der Arzt bedauert, dass dieses Opfer nun einfach vergessen wird und man die KurdInnen in ihrem Kampf gegen die Pandemie einfach allein lässt. „Alles, was die Situation in den kurdischen Regionen prekärer macht, spielt den Islamisten in die Hände“, sagte Wilk.

Erst, als auch nicht kurdische AkteuerInnen begannen, Druck auszuüben, wurde den Ingenieuren der kurdischen Selbstverwaltung nach 16 Tagen erlaubt, die zerstörte Pipeline zu besichtigen und sie zu reparieren. Kurz darauf gab die Verwaltung der Region Rojava bekannt, dass von nun an Strom und Wasser kostenlos für jeden Haushalt seien. Damit soll die Bevölkerung entlastet werden, die durch die Schließung der Geschäfte wegen der Corona-Pandemie extrem bedroht ist.


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