Der Fall des Todes des Syrers Amad Ahmad In einer Gefängniszelle in Kleve wirft immer neue Fragen auf: Laut Medienberichten ist die Polizei Kleve schon früh darüber informiert, dass der Syrer verwechselt wurde und kein Haftgrund besteht. Trotzdem bleibt er noch fünf Wochen im Gefängnis, bis er anschließend durch ein Feuer in seiner Zelle verbrennt.

Die Liste von Widersprüchen in der polizeilichen Version zum Todesfall des 26-jährigen Syrers Amad Ahmad wird immer länger. Die offizielle Geschichte geht so: Der junge Mann war am 6. Juli 2019 in der Nähe eines Baggersees bei Geldern am Niederrhein kontrolliert worden, da er zuvor Frauen belästigt haben soll. Weil der Syrer sich nicht ausweisen konnte, wurde er anschließend zur Überprüfung der Personalien mit auf die Wache genommen.

Durch den Abgleich seiner Fingerabdrücke konnte die Polizei ihn als „Amad A.“ identifizieren. Anschließend sei der Name mit den polizeilichen Datenbanken abgeglichen worden. Hier sei man auf den Malier Amedy G. gestoßen, gegen den ein Haftbefehl vorlag. Der Malier habe laut Polizei den Alias-Namen „Amad Amad“ verwendet. Damit hielt sie Amad Ahmad für den Malier. Die in den Datenbanken hinterlegten Fotos seien jedoch nicht miteinander verglichen worden – hier wäre offensichtlich zu sehen gewesen, dass es sich um zwei unterschiedliche Menschen handelt.

Offizielle Version unglaubwürdig

Schon hier beginnt die offizielle Geschichte Risse zu bekommen: So hatte laut Monitor-Recherchen Amedy G. aus Mali zum Zeitpunkt des Abgleichs noch gar nicht diesen Alias-Namen. Dieser sei erst drei Tage später hinzugefügt worden. IT-Expertin für Polizeiinfomationssysteme, Annette Brückner, geht von einer „vorsätzlichen Manipulation von Daten“ aus. Dennoch wurde Amad A. in Untersuchungshaft genommen und war bis zu dem Brand, an dessen Folgen er starb, unschuldig in der JVA Kleve inhaftiert – obwohl schon früh eine Verwechslung klar war.

Manipulierte Datensätze im Fall Amad A.

Nach neuen Informationen des WDR-Magazins Westpol soll die Polizei Kleve sogar von Seiten der Staatsanwaltschaft Braunschweig darauf hingewiesen worden sein. So hatte die zuständige Staatsanwältin extra mit einem Beamten der Polizei Kleve dazu telefoniert. Sie habe dort erklärt, dass beide Personen anhand der Fotos „nicht identisch“ seien. Dies hatte die Staatsanwältin sogar besonders unterstrichen.

Außerdem soll der Syrer zwei Wochen vor dem Brand in seiner Zelle auch einer Psychologin gesagt haben, dass er verwechselt worden sei. Dem wurde jedoch ebenfalls nicht ernsthaft nachgegangen.

Die Staatsanwaltschaft Kleve hat im Fall Amad Ahmad bisher gegen mehrere Polizisten wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung ermittelt. Dabei wurde eine Kette von Fehlern gefunden, aber keine vorsätzliches Fehlverhalten festgestellt. Deshalb wurden diese Ermittlungen im November eingestellt.

Die neuen Informationen hinterfragen diese voreilige Einstellung des Verfahrens.

Selbstmord?

Am 17. September 2018 verbrannte Amad Ahmad dann in seiner Gefängniszelle der JVA Kleve. Der Brand wurde offiziell auf einen Suizidversuch von Amad A. zurückgeführt. Anhand von Protokollen aus der JVA ließ sich allerdings nachweisen, dass entgegen ersten Behauptungen am Abend des Brands die Gegensprechanlage im Haftraum sehr wohl betätigt wurde.

Aus einem Bericht des NRW-Innenministeriums geht außerdem hervor, dass A. den Alarmknopf in seiner Behausung gedrückt und auch das Fenster zu seiner Zelle geöffnet hatte. Der Ruf aus Amed A.s Zelle konnte nur mit Hilfe der IT-Firma rekonstruiert werden. Nachdem es bereits 15 Minuten in der Zelle gebrannt hatte, rief der Häftling mittels der Sprechanlage bei einem JVA-Angestellten an. Dieser überwachte zu dieser Zeit das Telefonat eines anderen Häftlings und drückte den Kontakt nach 9 Sekunden weg, ohne Weiteres zu unternehmen.


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