Die Ermittlungen zu möglichen Mittätern beim Oktoberfest-Attentat 1980 wurden erneut eingestellt. Der Staat will keine Mittäter finden. Warum Gundolf Köhler trotzdem kein Einzeltäter war. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Am Abend des 7. Juli hat die Bundesanwaltschaft bekannt gegeben, die Ermittlungen zum Oktoberfestanschlag vor knapp 40 Jahren einzustellen – zum zweiten Mal. Der Anschlag, bei dem Gundolf Köhler zwölf Menschen tötete und über 200 verletzte, ist bis heute der Anschlag mit den meisten Todesopfern seit dem zweiten Weltkrieg. Trotz diverser starker Indizien ist man sich sicher: „Wir haben keine zureichenden, tatsächlichen Anhaltspunkte für die Beteiligung weiterer Personen als Mittäter, Anstifter oder Gehilfen an der Tat des Gundolf Köhler“.

Köhler war Faschist und Angehöriger der Wehrsportgruppe Hoffmann. Dass die Suche nach Mittätern nun wie schon 1980 ergebnislos eingestellt wurde, passt daher eigentlich ganz gut in eine Zeit, in der auch die meisten UnterstützerInnen des NSU ungeschoren davon gekommen sind. In der „Einzeltäter“ Waffen bei ihrer Arbeit – der Bundeswehr – abzweigen und Lager anlegen, in der „Einzeltäter“ ihre Angriffe so perfekt planen und durchführen, dass sie alleine Politiker wie Walter Lübcke umbringen können und um ein Haar davon gekommen wären oder eben „Einzeltäter“ wie in Hanau oder Halle aus rassistischen Motiven Amok laufen.

Bitter könnte man hinzufügen, dass bei zu vielen „Einzeltätern“, über deren Taten gleichzeitig vor deutschen Gerichten verhandelt wird, ernsthafte Zweifel an dieser Legende aufkommen könnten. Genug Beweise, dass Köhler kein Einzeltäter war, gab es schon damals. Mehrere Zeugen sahen den Täter unmittelbar vor der Tat im Streitgespräch mit zwei Personen in einem Auto.

Da wäre auch die Frage des Motivs: Alles spricht dafür, dass Köhler durch eine verfrühte Fehlzündung ebenfalls getötet wurde. Wenn eigentlich gar nicht bekannt sein sollte, dass der faschistische Köhler der Täter war, ergibt sich ein Bild, das vermuten lässt, die Oktoberfestbombe war eine fehlgeschlagene Aktion unter falscher Flagge (false flag).

Nach diesem Konzept verübten Faschisten – gesteuert von Geheimdiensten – zum Beispiel in Italien in den 70er Jahren Anschläge, die dann militant kämpfenden RevolutionärInnen angehängt wurden, um sie zu delegitimieren. Franz Josef Strauß schlug gleich am Tag nach dem Attentat in diese Kerbe, – bewusst oder nicht – behauptete er fälschlicherweise, die Täter kämen von Links und schuld sei die zu laxe Sicherheitspolitik der SPD/FDP-Regierung, gegen die er damals Wahlkampf führte.

Rechte Gewalt und Terror auf dem Vormarsch – was tun?

Vor allem aber gehört ein Bombenanschlag dieser Größe einfach nicht zu den Dingen, die ein Mensch alleine organisieren kann. Konkret ist klar, dass der Sprengstoff für den Anschlag von Heinz Lembke stammte, einem weiteren Faschisten, der in der Lüneburger Heide 33 Waffen- und Sprengstoffdepots unterhielt und nachweislich ebenfalls Kontakt zur Wehrsportgruppe Hoffmann hatte. Funksprüche des BND, die die ostdeutsche Staatssicherheit damals abgefangen hat, weisen darauf hin, dass Lembke Teil einer faschistisch-paramilitärischen Struktur war, die damals in vielen Ländern von Geheimdiensten aufgebaut worden war.

Klar ist jedenfalls heute: die Geheimdienste waren sehr nah an Köhler dran. Ungefähr so „nah“ dran wie am NSU, der von Verfassungsschutz-Spitzeln aufgebaut wurde. Bis heute werden bestimmte parlamentarische Anfragen daher auch nicht beantwortet. Der Staat behauptet, es bestünde die Gefahr, dass Informationen über die Arbeitsweise und die Quellen der Geheimdienste öffentlich werden könnten.

Die Einstellung der Ermittlungen ist somit ein weiterer Schlag ins Gesicht der Opfer, die teilweise seit Jahren für mehr Transparenz kämpfen und dafür, dass diversen Indizien in Richtung einer Mittäterschaft staatlicher Strukturen nachgegangen wird. Für die organisierten und für den Terror gerüsteten Faschisten, die bekanntlich mit bestimmten Teilen des Staates geradezu verschmolzen sind (KSK/Nordkreuz-Netzwerk, Polizei Hessen/NSU 2.0., usw.), kann es nur als Ermutigung verstanden werden, dass auch ihre Taten, die sie heute vorbereiten und planen, von der Einzeltäter-Theorie gedeckt werden.


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