Die Beraterinnen der Hotlines „Gewalt gegen Frauen“ und „Schwangere in Not“ haben einen Tag lang gestreikt. Während der Pandemie haben die Kontakte um 20 Prozent zugenommen – trotzdem erhalten die Frauen das geringste Gehalt im ganzen Referat.

Die Arbeit beim Frauennotruftelefon, finanziert vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) im Bundesfamilienministerium (BMFSFJ), zehrt an den Beschäftigten. Im Schichtbetrieb sind die vielfältig hochqualifizierten Frauen Erste Hilfe oder scheinbar letzte Rettung für Frauen in absoluten Ausnahmesituationen. Die rund 100 Mitarbeiterinnen nehmen gleichzeitig Anrufe beim Frauennotruf entgegen, das sich vor allem an Betroffene von häuslicher Gewalt richtet, ebenso wie auch Anrufe von Schwangeren in Not.

44.700 dieser Beratungsgespräche haben die beschäftigten Frauen im Jahr 2019 geführt, während der Corona-Pandemie noch deutlich mehr. Die ohnehin schon hohe Arbeitsbelastung stieg merklich. Hoch ist sie durch vielfältige Faktoren: Die Beraterinnen übernehmen viel Verantwortung, arbeiten im Schichtbetrieb und erleben teilweise Retraumatisierung.

Dass viele Mitarbeiterinnen dort mehrere Sprachen auf muttersprachlichem Niveau sprechen, ist für die Beratung besonders wertvoll. Dolmetscherinnen übersetzen die Anrufe in 18 Sprachen. Doch gerade Frauen, die eine Sprache mit Akzent sprechen, sind immer wieder rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Mit Anrufen von wütenden Männern und sexualisierten Übergriffen müssen die Mitarbeiterinnen auch so schon umgehen.

„Das geringste Gehalt im gesamten Referat“

Dass die Arbeit der Frauen unverzichtbar und gerade in Zeiten der Pandemie umso wichtiger ist, weiß auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Das Notruftelefon wurde als systemrelevant eingestuft. Wie auch in anderen systemrelevante Sorgetätigkeiten schlägt sich das aber nicht in angemessener Bezahlung nieder.

Die Beraterinnen erhalten das geringste Gehalt im gesamten Referat 501. Sie werden nach Entgeltgruppe 9c des TVöD bezahlt, 2990 Euro brutto. Diese Stufe sei durch „besonders verantwortungsvolle Tätigkeiten“ gekennzeichnet. Eine Mitarbeiterin hatte bereits geklagt und dafür gestritten, dass ihre Arbeit sich auch „durch besondere Schwierigkeit und Bedeutung“ auszeichne – Entgeltstufe 11.

Sie verlor, die Richterin ließ verlauten, dass man auf ein politisches Signal warte.

Brief an Ministerin Giffey

Nun haben die Frauen am 8. Oktober einen Schichtzyklus lang mit Unterstützung von ver.di gestreikt. Bis 6 Uhr morgens waren die Telefone nicht besetzt: „Heute müssen wir streiken, um die Qualität unserer Arbeit und unsere Gesundheit zu retten.“.

In einem Brief an Giffeys Ministerium erklären die Beschäftigten ihren Ärger und ihre Forderungen. Dieses bestätigte bisher, dass der Brief eingegangen sei.


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