Das Statistische Bundesamt meldet erneut gesunkene Verbraucherpreise. Der Eindruck vieler Menschen beim Supermarkteinkauf ist jedoch ein anderer. – Wie entwickeln sich die Preise in Deutschland tatsächlich, und was bedeutet das für die Reallöhne der Arbeiter:innen?

„Die Preise in Deutschland sind erneut gesunken.“ – Bei vielen Arbeiter:innen, die regelmäßig im Supermarkt einkaufen gehen, dürfte diese Meldung aus der vergangenen Woche für eine gewisse Verwunderung gesorgt haben. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte, seien die Verbraucherpreise im Oktober 2020 im Vergleich zum Oktober 2019 um 0,2 Prozent gefallen. Diese sogenannte Inflationsrate sei damit zum dritten Mal in diesem Jahr leicht negativ ausgefallen.

Fleisch, Obst, Tabak, Alkohol und Mieten teurer

Den gegenteiligen Eindruck, dass die Wocheneinkäufe in diesem Jahr deutlich teurer geworden sind, hört man im Gespräch mit Kolleg:innen zur Zeit jedoch häufig. Und ein genauerer Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigt, dass dieser Eindruck gar nicht so falsch ist. So geht aus den veröffentlichten Daten hervor, dass zahlreiche Waren des täglichen Bedarfs im vergangenen Jahr sogar deutlich im Preis gestiegen sind. Zwar seien Heizöl (- 37,2%) und Kraftstoffe (-10,7 %) im Oktober viel billiger gewesen als im Vorjahr – was eine Folge der Krise auf dem Ölmarkt im Frühling sein dürfte.

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Die Preise für Nahrungs- und Genussmittel hingegen seien im Durchschnitt um 1,4 Prozent gestiegen. Dies gilt vor allem für Fleisch und Fleischwaren (+ 4,1 %), Obst (+3,8%) sowie Alkohol und Tabakwaren (+ 2,4 %). Auch Nettokaltmieten (+ 1,4 %) und Dienstleistungen (+ 1,0 %) kosteten mehr als letztes Jahr. Rechnet man die gesunkenen Energiepreise aus der Statistik heraus, hätte die Inflationsrate bei 0,6 Prozent gelegen, und damit eine Teuerung angezeigt.

Berechnung der Inflation

Es sind jedoch nicht nur die Heizöl- und Kraftstoffpreise die „Ausreißer“, die für die Diskrepanz zwischen gemessener und wahrgenommener Preisentwicklung sorgen. Denn auch unter Ökonomen ist die Berechnung der offiziellen Inflationsrate nicht unumstritten. Für diese wird ein fiktiver „Warenkorb“ herangezogen: Er besteht aus den Waren und Dienstleistungen, die gemäß regelmäßiger Stichproben von den Konsument:innen am häufigsten gekauft werden. Diese werden in Gütergruppen unterteilt, für die jeweils eine durchschnittliche Preisentwicklung berechnet wird. Hieraus wird wiederum die Inflationsrate berechnet, wobei einzelne Gütergruppen unterschiedlich gewichtet werden. Das Gewichtungsschema wird alle fünf Jahre angepasst. Hier ist also bereits ein gewisser Spielraum für Interpretationen vorhanden.

Doch auch die Berechnung der Preisentwicklung für einzelne Gütergruppen ist nicht ganz unkompliziert: „Die Preise, die in den Läden ausgewiesen werden, finden sich nicht zwingend in den offiziellen Inflationszahlen wieder, da sie von den statistischen Behörden noch verändert werden“, führte der Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl Anfang Oktober gegenüber dem Handelsblatt aus.

Es erfolge nämlich noch eine Qualitätsanpassung: Für Waren, bei denen die Qualität sich verbessert habe, würden die Preise heruntergerechnet. Dies passiere z.B. bei Smartphones, die eine neue Funktion aufweisen. Im Gegenzug werde die Erfassung von Qualitätsverschlechterungen bei der Preisentwicklung jedoch weniger berücksichtigt, weil diese schwieriger zu erfassen seien. Dies sei nur einer der Gründe für die zum Teil deutliche Abweichung zwischen amtlicher und „wahrgenommener“ Preisentwicklung, für die es unterschiedliche Modelle gibt.

Laut Handelsblatt lag die offizielle Inflation in der Eurozone im ersten Quartal 2020 bei 1,1 Prozent, die ‚gefühlte‘ jedoch bei 5,53 Prozent. Im zweiten Quartal war die Abweichung sogar noch größer. Hier stand eine gemessene Inflation von 0,22 Prozent einer gefühlten Inflation von 6,85 Prozent gegenüber.

Sinkende Reallöhne seit 20 Jahren?

Die Bewegung der Konsumgüterpreise ist eine entscheidende Größe, um die Entwicklung der Reallöhne der Arbeiter:innen richtig beurteilen zu können. Beim Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst hat die Gewerkschaft ver.di kürzlich etwa Lohnsteigerungen von 1,4 Prozent (April 2021) und 1,8 Prozent (April 2022) vereinbart.

Vergleicht man diese Zahlen mit den Daten zur Preisentwicklung, sieht man, dass die erste Lohnsteigerung gerade einmal der Teuerung bei den Nettokaltmieten und Nahrungsmitteln im vergangenen Jahr entspricht. Bei vielen einzelnen Gütern (Fleisch, Obst, Tabak, Alkohol) sind die Preise sogar deutlich mehr gestiegen, als es die Löhne demnächst tun werden. Ziehen die Energiepreise in den nächsten 12 Monaten z.B. wieder an – etwa wegen der geplanten „Klimapreise“ fürs Heizen und Autofahren – ist man schnell auch offiziell bei einer negativen Entwicklung der Reallöhne.

Geht man zusätzlich noch davon aus, dass die wahrgenommene Preisentwicklung die realen Lebensbedingungen der Arbeiter:innen besser abbildet als die offiziellen Zahlen, sinken die Reallöhne tatsächlich wohl schon seit geraumer Zeit. Das sieht auch Ökonom Schnabl so: „Die Wahrnehmung des Lebensstandards hängt sehr stark von der Preismessung ab. (…) Hätten wir eine höhere gemessene Inflationsrate – wie dies unsere alternativen Inflationsmaße andeuten – dann wäre die preisbereinigte Lohnentwicklung womöglich schon für einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren negativ.“


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