Nirgendwo wütet Corona so verheerend wie in Altenheimen. Wie schon in der ersten Welle sind Einrichtungen mit dutzenden Infizierten und Verstorbenen keine Seltenheit mehr. Schnell wird die Kompetenz des Personals in Frage gestellt; die wahren Gründe dafür, dass Heime zu Todesfallen werden, liegen aber woanders. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Während die Zahl der Corona-Infizierten in den letzten Wochen nach oben geklettert ist, konnten wir immer wieder den Begriff „Triage“ in den Medien lesen und hören. Er kommt aus dem Französichen (dt.: Auswahl, Sortieren, Sichten) und bezeichnet die Abwägungsentscheidung, die Mediziner:innen treffen müssen, wenn bei begrenzten Kapazitäten nicht alle Patient:innen gleichzeitig behandelt werden können: Wer wird behandelt? Wer als erstes? Wer hat die höchsten Überlebenschancen? Bei wem bietet auch die Behandlung nur noch wenig Aussicht auf Erfolg?

Eigentlich stammt der Begriff aus dem Krieg oder findet bei schweren Verkehrsunfällen Verwendung. Aber auch im Kampf gegen das Virus kommen einzelne Krankenhäuser an Punkte, an denen triagiert werden muss. Zum Glück sind bisher nur die Ärzt:innen in den am schwersten betroffenen Regionen mit diesem moralischen Dilemma konfrontiert.

Auf gesellschaftlicher Ebene jedoch wird schon längst triagiert. Wie auch in der ersten Welle ist die größte vorstellbare Corona-Katastrophe, dass sich das Virus in einem Pflegeheim ausbreitet: Dutzende Angehörige der Hochrisiko-Gruppe, die außerdem darauf angewiesen sind, von wenigen überlasteten Pfleger:innen versorgt zu werden.

In der ersten Welle hatte ein Rechtsanwalt Klage gegen das Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim erhoben und ihm fahrlässige Hygienemängel unterstellt. Dort waren 47 Patient:innen mit Corona verstorben und mehr als 40 Pfleger:innen infiziert.

In einer 45-minütigen ARDDoku über das Heim werden einige der schier unlösbaren Herausforderungen, die der Pflegealltag im Angesicht von Corona mit sich bringt, deutlich gemacht. Auch das gerichtliche Verfahren will nun die zuständige Staatsanwaltschaft einstellen.

Unter anderem habe das Gesundheitsamt bei Kontrollen „keine ungewöhnlichen Hygienemängel“ festgestellt. Das Urteil des Gesundheitsamts ist vielsagend. Hygienemängel sind eben gewöhnlich, eine vollständige Umsetzung von hygienischen Idealen im Angesicht von gravierendem Personalmangel ist schlicht unmöglich. Das gilt für Krankenhäuser – aber für Pflegeheime oft umso mehr.

Natürlich ist es falsch, dem Personal die Schuld für diese Zustände zuzuweisen. Es ist eine weitere Variante davon, wie die aktuelle Krise und Pandemie auf den Rücken der Arbeiter:innen abgeladen wird – auch moralisch. Die Beschäftigten im Wolfsburger Heim wurden in der ersten Welle in ihren rar gesäten Pausen beim Rauchen fotografiert, um über mutwillige Vernachlässigungen der Hygienevorschriften zu spekulieren. Ähnliches spielt sich heute zum Beispiel in Bayern ab.

In einem Pflegeheim in Zeil am Main, das von der Arbeiterwohlfart (AWO) betrieben wird, sind seit Mitte November 22 Bewohner:innen mit Corona gestorben. Das bayrische Gesundheitsamt habe daraufhin zusätzliche Kontrollen eingeführt. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung zeigt sich die zuständige AWO-Bereichsleiterin Ulrike Hahn empört.

Während die Heime selbst mit der Quarantäne eines Großteils ihres Personals fertig werden müssen, stellt die Staatsregierung eine Task-Force mit 200 Beschäftigten auf, die verstärkt die Einhaltung von Hygiene-Vorschriften kontrollieren sollen.

Ihren Mitarbeiter:innen müsse sie nun wohl sagen, so Frau Hahn weiter: „Es kommen nun welche, die eure Arbeit kontrollieren, aber ihr müsst weiter Zwölf-Stunden-Schichten leisten.“ Sie trifft den Nagel auf den Kopf: Hygienevorschriften sind keine Willensfrage, sondern zu weiten Teilen eine Personal- und Ressourcenfrage.

Ebenso ist es verkürzt, dem einzigen Arzt, der im Frühjahr im Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim weiter tätig war, die Schuld für die vielen Toten zuzuschieben, wie es in der ARD-Doku passiert. Dort sagt er, er habe selbst entschieden, bei vielen Patient:innen nicht auf eine Einweisung ins Krankenhaus zu drängen. Ethisch fragwürdig? Vielleicht. Aber was wäre die Alternative gewesen?

47 Tote in einem Heim während weniger Wochen. Sie alle in Wolfsburger Krankenhäuser einzuweisen, hätte die intensivmedizinischen Kapazitäten wohl weit gesprengt. Diese Situation herrscht momentan in vielen Heimen und Städten in schärferer oder weniger scharfer Form.

Die Konsequenzen eines herunter gesparten Gesundheitssystems werden schon seit Wochen nur notdürftig damit bemäntelt, dass Pflegeheime zu „medizinischen Einrichtungen“ ‚umgelogen‘ werden, die ebenso gut wie Krankenhäuser zur Behandlung von Covid-19-Infektionen geeignet seien. Die Triage hat längst begonnen.


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