Fatimeh Ibrahimi ist eine linke Aktivistin für Frauenrechte im Iran. Seit 7 Jahren lebt die Kurdin mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern in der Türkei. Ende Dezember wurde ihr Antrag auf ein Bleiberecht dort abgelehnt. Sie soll das Land binnen 30 Tagen verlassen, andernfalls droht ihr die Abschiebung in den Iran – wo sie in Lebensgefahr schweben würde. In unserem Interview berichtet sie von ihrer Geschichte – in der Hoffnung auf solidarische Unterstützung.

Hallo Fatimeh, kannst du dich unseren Leser:innen vorstellen und ein bisschen von dir erzählen?

Hallo, mein Name ist Fatimeh Ibrahimi. Geboren bin ich in Kamiaran, einer kleinen Stadt in den kurdischen Gebieten im Iran. Ja, im Iran, der Hölle für Frauen. In bin in einer äußerst patriarchalen Familie und Gesellschaft aufgewachsen. Als kleines Mädchen habe ich die Unterdrückung der Frau in meiner Umgebung gemerkt und selbst erlitten.

Als junge Frau habe ich mich in meinen jetzigen Partner und Vater meiner zwei Kinder verliebt. Aber als Frau in einer islamischen Gesellschaft wurde ich als dummes Lebewesen betrachtet, das die richtige Entscheidungen für das eigene Leben nicht treffen könne.

Hätten sie uns erwischt, dann hätten sie uns beide töten können.

Meine Familie war gegen unsere Hochzeit. Meine Verwandten hatten einen ganz anderen Bräutigam für mich ausgewählt. Ich konnte die Entscheidung meiner Familie nicht tolerieren. Ich und mein geliebter Mann hatten keine andere Wahl, als zusammen in den Nordirak zu fliehen. Hätten sie uns erwischt, dann hätten sie uns beide töten können.

Wann seid ihr vom Iran nach Nordirak geflohen, und wie habt ihr dort gelebt?

Es war der 13. Juni 2009, als wir in den Nordirak geflohen sind. Wir kamen in der Stadt Sulaymaniah an. Mein Mann hat angefangen als Bauarbeiter zu arbeiten, und ich habe als gastronomische Kraft in einer Kindertagesstätte gearbeitet.

Die Flucht in den Irak hat leider unsere Situation, besonders meine, nicht unbedingt verbessert. Auch im nordirakischen Kurdistan ist die patriarchale Kultur tief in der sozialen Struktur verankert. Ein nicht verheiratetes Paar hat keine Chance, eine Wohnung zu mieten. Man wird wie ein Stück Dreck behandelt, nur weil man nicht nach den religiösen Regeln leben möchte.

2011 habe ich mein erstes Kind Rohan in Sulaymaniah bekommen. Ich habe für meinen Sohn eine irakische Geburtsurkunde beantragt, weil er im Irak geboren wurde. Aber der Antrag wurde abgelehnt. Mein Sohn hat weder einen Ausweis noch eine Geburtsurkunde. Wir beide – mein Freund und ich – hatten sowieso keine Rechte, aber unser Sohn sollte nicht das gleiche Schicksal wie wir erleiden. Deswegen haben wir uns 2014 entschieden, in die Türkei zu fliehen und dort über die Vereinten Nationen Asyl zu beantragen.

Wie lange lebt ihr in der Türkei, und wurde euer Asylantrag anerkannt?

Wir sind seit sieben Jahren in der Türkei. 2014 sind wir zuerst in die türkischen Stadt Kahramanmaras angekommen. Dort haben wir Asyl beantragt und nach einer Weile wurde unser Antrag angenommen. Es ist so, dass man warten muss, bis ein europäisches Land dich aufnimmt. Deshalb warten wir bereits seit sieben Jahren.

Mein zweiter Sohn Rejwan ist in Kahramanmaras geboren. Außerdem haben wir drei Mal versucht, auf eigene Faust nach Griechenland zu fliehen, damit wir überhaupt eine Chance haben, in ein sicheres Land zu kommen. Aber unsere Versuche sind immer gescheitert.

Es war die Hölle, die meine Kinder und ich erlebt haben.

Der letzte Versuch war im Dezember, als die türkische Behörden Bescheid gegeben haben, dass die Grenzen zu Griechenland offen seien. Hoffnungsvoll sind wir mit unseren zwei Kindern zur Grenze gefahren. 30 Tage blieben wir dort. Zusammen mit tausenden anderen Flüchtlingen, unter denen sich Babys, kleine Kinder, alte Frauen und Männer und schwangere Frauen befanden, warteten wir in der Kälte und hungrig auf die Weiterreise.

Es war die Hölle, die meine Kinder und ich erlebt haben. Die Kinder, ich und viele andere Flüchtlinge wurden von der griechischen Polizei mit Tränengas attackiert. Weil ich Asthma habe, hat mich das Tränengas fast getötet.

Wie ist eure Situation als Geflüchtete in der Türkei?

Ehrlich gesagt, das Leben für uns Geflüchtete in der Türkei ist unerträglich. Wir sind hier Geiseln. Geiseln, die für verschiedene politische und ökonomische Interessen zwischen EU und Türkei ausgenutzt werden und ständig hin und her geschoben werden.

Wir haben Menschenwürde, aber keine Rechte. Kein Recht auf Arbeit, keine sozialen und politischen Rechte. Ich habe ständig Angst. Ich habe Angst, meine Meinung über politische Fragen zu äußern.

Es gibt keine unabhängigen Organisationen, die uns helfen. Es gibt ein sogenanntes Sozialamt, aber diese Leute helfen nur Flüchtlingen, die politisch und religiös zu ihrer Weltanschauung passen. Es gibt auch in der Stadt, in der ich wohne, das Rote Kreuz. Sie haben mir gesagt, sie helfen nur Familien, die drei und mehr Kinder haben.

Mein Sohn ist neun Jahre alt. Bis jetzt hat er kein bisschen Hilfe für die Schulsachen von diesen so genannten NGOs oder vom Roten Kreuz erhalten. Viele der Flüchtlinge haben nicht die finanziellen Mittel, um ihre Kinder zur Schule zu schicken. Viele dieser Kinder werden stattdessen zum Arbeiten geschickt.

Die große Schuld, die ich und meine Kinder haben, ist einzig und allein unsere Flucht.

Ich und meine Kinder erleben alltäglich rassistisches Verhalten und Kommentare. Das ist nicht das Leben, das ich mir erhofft habe. Ich bin kein Verbrecher. Die große Schuld, die ich und meine Kinder haben, ist einzig und allein unsere Flucht. Aber wer verlässt seine Heimat ohne guten Grund? Warum werden wir Flüchtlinge nicht als Menschen mit Würde gesehen? Warum müssen wir ständig Diskriminierungen, Beleidigungen, Erniedrigungen erleben? Nur, weil wir Flüchtlinge sind?

Du hast gesagt, dass ihr alltäglichen Rassismus in der Türkei erlebt. Kannst du uns genauer sagen, wie der Rassismus und die Diskriminierung gegen Geflüchtete aussehen?

Naja, ich bin Kurdin. Ich spreche mit meinen zwei Kindern und mit meinem Mann kurdisch. Wir sprechen unsere Muttersprache. Die Nachbarn gucken uns sehr böse an. Die türkischen Kinder aus der Nachbarschaft spielen mit Flüchtlingskindern nicht. Mein Sohn wurde in der Schule mehrmals durch Kinder und Lehrer verprügelt – nur, weil er Ausländer ist.

Die beiden Kinder haben keinen Ausweis. Wie auch? Wir haben nur ein Papier, auf dem unsere Namen und Nachnamen stehen. Auf den Papieren meiner beiden Söhne steht „staatenlos“, obwohl mein zweiter Sohn in der Türkei geboren ist. Ich und meine Kinder wurden mehrmals von einem Arzt beschimpft und erniedrigt.

Im Iran habe ich als Frau keine Rechte. Ich konnte nicht einmal über meinen eigenen Körper selbst bestimmen. Ich hatte in der islamischen, patriarchalen Gesellschaft keine Meinung, keine Freiheit. Ich wurde von diesem System gezwungen zu fliehen und woanders nach Sicherheit zu suchen. Ich weiß aber gar nicht, wo es für mich und meine Kinder Sicherheit geben soll.

Wer kann bei diesen ständigen Diskriminierungen frei von Depressionen bleiben?

Ich habe mich durch die patriarchale Unterdrückung der Frauen im Iran, die mich persönlich hart getroffen hat, politisiert. Seit 2009 bin ich linke Aktivistin gegen jede Unterdrückung von Frauen und anderen unterdrückten Menschen.

Aber 12 Jahre auf der Frucht ist nicht wenig Zeit. Ich bin körperlich und psychisch stark angeschlagen, sehe selbst für meine Kinder kaum Zukunft. 90 Prozent der Flüchtlinge in der Türkei leiden unter schweren Depressionen. Wer kann bei diesen ständigen Diskriminierungen frei von Depressionen bleiben?

Fatimeh, Du hast kürzlich die linke Organisation „Solidaritätsnetzwerk“ kontaktiert. Du sagtest, du und deine Familie, ihr braucht dringend Hilfe und seid in Gefahr. Was für eine Gefahr?

Am 30. Dezember 2020 wurde ich von der türkischen Ausländerbehörde angerufen. Dann wurde uns das Papier weggenommen, welches ein Dokument für das Recht auf ein Leben in der Türkei ist. In einem Brief teilte man uns mit, unser Antrag auf ein Bleiberecht in der Türkei sei abgelehnt und wir sollen innerhalb von 30 Tagen das Land verlassen. Sonst werden wir in den Iran abgeschoben.

Ich komme aus einem islamischen Land, in dem Geschlechtsverkehr und romantische Beziehungen außerhalb der Ehe verboten sind und hart strafbar werden. Nun habe ich zwei Kinder mit einem Mann, mit dem ich nicht verheiratet bin. Wenn wir nach Iran abgeschoben werden, werden wir beide entweder von unserer Familie oder von der Regierung getötet.

Aus diesem Grund müssen wir sofort einen Anwalt oder eine Anwältin einschalten, damit wir eine Klage gegen die Entscheidung einreichen können. Für die juristische Unterstützung benötigen wir aber finanzielle Hilfe in Höhe von 600€.

Ich rufe alle Aktivist:innen, Menschenrechtsorganisationen und Frauenorganisationen dazu auf, sich mit mir und meiner Familie zu solidarisieren. Ich und meine Kinder brauchen eure Hilfe und eure Solidarität. Ich drücke eure warmen solidarischen Hände.

Fatimeh und ihre Familie können über diese Kontodaten unterstützt werden:

alveni e.V. (Spenden sind absetzbar!)
Überweisungsbetreff (bitte mit angeben!): Spende 04/2020
DE85 8306 5408 0004 054377
GENO DEF1 SLR
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