Am 19. Juni organisierten sich die Arbeiter:innen von Dominos Pizza in Leipzig und gründeten die Betriebsgruppe „Dominoeffekt“. Seit dem stehen die Arbeiter:innen für bessere Arbeitsbedingungen ein und verteidigen ihre Rechte. Wir haben uns mit Karl getroffen und ein Interview geführt.

Hallo Karl! Was war der Auslöser dafür, dass ihr die Betriebsgruppe Dominoeffekt gegründet habt?

Seinen Anfang hat das alles gefunden, als Ende letzten Jahres eine Kollegin aufhörte zu arbeiten. Allerdings hatte sie noch Ansprüche auf Urlaubsgeld. Außerdem hat sie gewisse Stunden nicht ausgezahlt bekommen, als sie bei der täglichen Arbeit eher nach Hause geschickt wurde. Das haben wir anderen mitbekommen und haben quasi deswegen angefangen, uns zu organisieren. Relativ schnell sind wir dann auch auf die ‚Freie Arbeiter:innen Union‘ (FAU) gestoßen, die uns seitdem tatkräftig unterstützt. Im April gab es eine erste Kundgebung vor der Dominos-Filiale in Plagwitz. Am nächsten Werktag hat die Kollegin ihre Ansprüche ohne Wenn und Aber ausgezahlt bekommen – wir konnten also einen frühen Erfolg feiern.

Das ist allerdings nicht das einzige Problem: Teilweise war der Fuhrpark sehr kaputt. Mehreren Fahrer:innen sollen während der Fahrt Teile der Räder abgefallen sein – dabei kann es auch mal zu Stürzen kommen. Andere Kolleg:innen mussten in der Vergangenheit nach Unfällen weiterarbeiten, obwohl sie teils unter Schock standen – weil eben noch Touren offen und keine anderen Fahrer:innen verfügbar waren.

Ein anderes Problem ist das ‚Tourengeld‘. Das Tourengeld ist das Trinkgeld, was zwischen Außen- und Innendienst aufgeteilt werden soll. Da wir alle – außer der Schichtleitung und dem Store-Management – Mindestlohn erhalten, ist das eine faire Sache. Wir werden aber gezwungen 20 Cent pro Tour Trinkgeld abzugeben. Einige Fahrer:innen mussten darum bereits manchmal in die eigene Tasche greifen, weil es kein Trinkgeld gab. Außerdem wissen wir, dass das Tourengeld nicht immer fair verteilt wird. So wurde vor diesem Jahr mit dem Tourengeld teilweise die Kasse ausgeglichen, und teilweise haben Innendienste keinen Cent von diesen Geldern gesehen.

Unsere Arbeitskleidung besteht aus einem T-Shirt und einem Basecap. Die Jacken, die wir anziehen, werden nicht gereinigt und sind manchmal undicht. Das heißt, wir arbeiten immer im Schweiß der Anderen. Zu guter Letzt werden wir während der Arbeitszeit gerne mal eher nach Hause geschickt, wenn nicht so viel los ist. Die verlorenen Stunden werden natürlich nicht bezahlt. Auch darum haben wir uns in Leipzig mit Hilfe der FAU organisiert.

Erhaltet ihr Feedback von euren Kolleg:innen?

Ja, wir erhalten gutes Feedback von unseren Kolleg:innen. Sie sagen, dass wir das weitermachen sollen. Einige haben befristete Verträge oder sind in der unendlich langen Probezeit von sechs Monaten und können sich daher nicht bei uns beteiligen. Da ist natürlich die Gefahr groß, dass sie einfach entlassen werden. Das ist natürlich ein starkes Druckmittel der Geschäftsleitung und ist damit auch nicht so, wie es sein sollte. Uns geben auch die vielen Solidaritätsaktionen aus anderen Städten, Ländern oder der Arbeiter:innen von Gorillas viel Kraft. Das ist schön!

Was erhofft ihr euch mit eurer Betriebsgruppe zu erreichen?

Wir wollen, dass unsere Arbeitsbedingungen besser werden! Das Problem ist ja auch, dass wir aktuell nicht wirklich was fordern, was über den gesetzlichen Mindeststandard hinausgeht. Wir wollen einfach ganz normal arbeiten!

Es wäre auch einfach schön, wenn beispielsweise die Stempelzeiten nicht mehr manipuliert werden würden. Derzeit stempeln wir uns ein, wenn wir auf Arbeit kommen. Hier benötigen wir allerdings noch circa drei bis fünf Minuten bis wir unser Outfit angezogen haben und unser Fahrrad vorbereitet haben. Dominos wertet diese Zeit als Freizeit. Wir sagen aber, dass das unsere Arbeitszeit ist. Ich mach das doch aber nicht in meiner Freizeit, sondern für meinen Job! Im Grunde genommen ist dieses Vorgehen von Dominos illegal und definitiv nicht so, wie Arbeitszeit funktionieren sollte!

In der Öffentlichkeit seid ihr seit knapp einem Monat wahrnehmbar. Habt ihr schon Erfolge zu verzeichnen?

Wir haben es geschafft, dass wir in unserer Filiale neue Jacken bekommen haben. Die werden zwar immer noch nicht gewaschen, sind allerdings endlich wasserfest. Zudem konnten wir erreichen, dass wenigstens Corona-Tests angeboten werden. Das ist zwar noch halbgar, aber wir haben jetzt wenigstens irgendeinen Schutz. Wir haben ja auch täglich mit circa 20 Menschen Kontakt – Kontakt, den wir sonst nicht hätten. Die Sächsische Coronaschutzverordnung hatte noch vor der Bundesverordnung auferlegt, dass Arbeiter:innen das Recht haben, sich zweimal in der Woche testen zu lassen. Das ist ein Angebot, was die Unternehmen machen müssen. Da reicht es nicht aus, dass mit einem Aushang auf die Testzentren verwiesen wird, wie das in den Filialen der Fall war. Nach mehreren Anfragen organisierten wir eine Unterschriftenliste. Daraufhin fühlte sich der Chef hintergangen, aber wir konnten einen Minimalschutz erwirken: wir bekommen für den Test nun fünfzehn Minuten Arbeitszeit gutgeschrieben. Das ist immer noch lächerlich, denn der Test an sich dauert schon fünfzehn Minuten. Auch die Masken wurden uns erst auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Kurz nach Abgabe der Liste wurde unser Kollege Aaron gekündigt, weswegen sich die Firma auch bald vor Gericht verantworten muss.

Standet ihr noch auf andere Weise mit euren Chefs in Kontakt?

Ja, wir wollten letzten Samstag mit unserem Store-Manager über das Tourengeld und die Arbeitszeitreglung reden. Das hat aus diversen Gründen nicht stattgefunden. Darum haben wir den Termin auf gestern Morgen verlegt. Auf einmal wollten sich noch andere hohe Positionen an dem Gespräch beteiligen. Am Montagabend, 21:30 Uhr, kam dann allerdings die Absage, weil auch die Geschäftsleitung dabei sein möchte. Jetzt wird wieder ein neuer Termin für Ende des Monates vorgeschlagen. Wir wollen das Problem aber jetzt geklärt haben! In zwei Wochen ist beispielsweise Urlaubszeit. Dadurch haben wir nicht alle Zeit. Es kann ja nicht so schwer sein, einen Termin auszumachen, wo wir als Team, alle anwesend sind.

Magst du noch etwas ergänzen?

Ihr könnt uns gerne bei Twitter oder Instagram folgen. Ihr könnt uns auch gerne eine Mail an dominoeffekt.leipzig@fau.org schreiben. Wir würden uns riesig freuen, wenn Angestellte oder ehemalig Angestellte uns anschreiben und von ihren Problemen berichten würden. Es bleibt zu erwähnen, dass auch Minijobber:innen ein Recht auf Urlaubsgeld haben. Jede:r hat ein Recht auf Urlaub!

Sonst wollen wir immer noch, dass Aaron wiedereingestellt wird – und die Chancen stehen nicht schlecht! Wir wollen Aaron zurückhaben! Organisiert euch! Organisiert euch auch in Gewerkschaften – egal, ob FAU, IWW oder sogar DGB! Es ist enorm wichtig! So geht es nicht weiter!


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