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Sonntag, Juli 21, 2024
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    „Durch Organisierung eine Perspektive jenseits des faschistischen Staats entwickeln“

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    Nach den Erdbeben in der Türkei, in Kurdistan und in Syrien, bei denen bislang mehr als 45.000 Menschen gestorben sind, laufen die Hilfsarbeiten schleppend. Der türkische Staat versucht gezielt, Hilfe von sozialistischen und fortschrittlichen Kräften zu unterbinden. “Young Struggle”, eine revolutionäre, sozialistische Jugendorganisation, hat eine Delegation in das Erdbebengebiet geschickt, um dort zu helfen und die sozialistischen Kräfte zu unterstützen. – Im Interview berichtet Sophie aus der Delegation, was vor Ort zu tun war und wie sich die Situation vor Ort entwickelt.

    Kannst du vielleicht zu Beginn kurz erzählen, wann ihr in die Erdbebenregion gereist seid und wohin?

    Wir sind am fünften Tag nach dem Erdbeben in Hatay angekommen, das liegt im Süden der Türkei, nicht weit von der syrischen Grenze entfernt. Wir sind ungefähr eine Woche dort gewesen und haben in einer Anlaufstelle mitgeholfen, die in den ersten Tagen nach dem Erdbeben von Genoss:innen der ESP (Sozialistische Partei der Unterdrückten) aufgebaut wurde. Es ist ein alevitisches Kulturzentrum, das als Schlafplatz und erster Ort für Hilfe umfunktioniert wurde. Aber nicht nur das: Das Zentrum ist auch ein Ort, an dem alle eingeladen sind, unabhängig von Hilfsgütern, die ausgeteilt werden, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Mit insgesamt neun Jugendlichen aus Deutschland und Österreich waren wir also eine Woche dort und haben angepackt und politische Verbindungen aufgebaut. Auch Genoss:innen der SGDF (Föderation der sozialistischen Jugendverbände in der Türkei) waren mit einer Delegation vor Ort und wir konnten mit ihnen ins Gespräch kommen und sie näher kennenlernen.

    Was waren eure Aufgaben in dieser Zeit?

    Wir sind ja schon mit dem Ziel dorthin geflogen, vor Ort anzupacken und den Menschen zu helfen. Genau das war auch ein Teil unserer Aufgaben dort: Wir haben Kleidung sortiert, Lebensmittel abgepackt, den Ort sauber gehalten und Hilfsgüter aus LKWs geräumt. Ein Genosse aus der Delegation ist Rettungssanitäter. Seine Aufgabe war es vor allem, den Menschen erste Hilfe anzubieten und kleinere Wunden zu versorgen. Gemeinsam haben wir eine Art Behandlungszimmer aufgebaut, in dem Medikamente gelagert werden und Verletzte behandelt werden können. Eine andere Genossin aus der Delegation hat eine pädagogische Ausbildung, sie hat sich vor allem um die Kinder gekümmert und mit ihnen zusammen ein Programm für die Tage dort überlegt. Da wurde dann zusammen gemalt, an einem Tag wurde aus alten Paletten ein kleines Häuschen für eine der Katzen, die dort herumgelaufen sind, gebaut.

    Ein anderer, sehr wichtiger Teil der Arbeiten waren Gespräche mit den Leuten vor Ort. Was wir vom ersten Tag an mitbekommen haben, ist vor allem, dass es vom Staat aus keinerlei Hilfe gibt. Das führt bei den Menschen vor Ort natürlich zu einer Perspektivlosigkeit, es gibt bei den meisten Menschen wenig Hoffnung und keine Aussicht auf eine Verbesserung ihrer Situation in den nächsten Wochen. Als Revolutionär:innen und Internationalist:innen sehen wir es da als unsere Pflicht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und ihnen in politischen Gesprächen eine Perspektive zu geben. Das haben nicht nur wir als Delegation getan, sondern das tun die Genoss:innen von der ESP seit Tag 1, seit es diese Anlaufstelle dort gibt. Gegen das Gefühl der Hilflosigkeit und der Hoffnungslosigkeit können Revolutionär:innen eine Antwort liefern: gemeinsam Hilfe organisieren, solidarisch miteinander sein und durch Organisierung eine Perspektive jenseits des faschistischen Staats entwickeln.

    Du hast es schon angesprochen, vom türkischen Staat aus gibt es keinerlei Hilfe. Wie ist die Situation konkret?

    Genau, in den meisten Teilen der Türkei ist die einzige Hilfe, die ankommt, selbst organisiert. In einigen Gebieten gibt es staatliche Hilfe, aber auch nur sehr gering und nicht so, dass es den Menschen hilft. Nicht nur, dass vom Staat selbst nur wenig Hilfe ausgeht – die Hilfe, die organisiert wird, zum Beispiel in Form von Zelten oder Hilfslieferungen, wird fast komplett an der türkischen Grenze abgefangen und beschlagnahmt, Anlaufstellen und eingerichtete Camps werden stark überwacht. In einigen Fällen wurden dort auch Zwangsverwaltungen eingerichtet, sodass die Orte keine selbstbestimmte Hilfen mehr anbieten können.

    Seit dem Erdbeben 1999, bei dem fast 20.000 Menschen gestorben sind, gibt es in der Türkei eine Erdbebensteuer, die für Aufbauhilfen und sichere Gebäude dienen soll. Von diesem Geld, das sind fast 40 Milliarden Euro, kommt nichts bei den Menschen an, das Geld ist alles in Korruption oder den Krieg geflossen, genau weiß man es nicht. Deshalb sagen wir auch, dass nicht das Erdbeben tötet, sondern die Profite. Natürlich ist das eine Naturkatastrophe, vor allem ein Erdbeben von so einer Stärke sollte man nicht unterschätzen. Aber die so unsicher gebauten Häuser und die ganze Korruption in der Baubranche führen dazu, dass es die Menschen viel schlimmer trifft. Sehr viele Tote hätten verhindert werden können, wenn Bauunternehmen nicht nach Profit sondern den Bedürfnissen der Menschen agieren würden.

    Wie wirkt sich das, was du beschrieben hast, auf die gesamte Türkei aus?

    Der türkische Staat instrumentalisiert das Erdbeben komplett für seine eigenen Zwecke: Menschen werden aus den Städten vertrieben, werden gezielt umgesiedelt. Gerade in den Gebieten, wo viele Kurd:innen, Alevit:innen und andere Völker solidarisch zusammenleben, will Erdogan durch diese Umsiedlung verhindern, dass genau diese Menschen sich zusammenschließen. Diejenigen, die umgesiedelt werden, müssen in Zeltcamps schlafen, die dauerhaft von der Militärpolizei bewacht werden, bekommen dort nur wenig Hilfe und vom Staat geht eine große Welle der Propaganda und Hetze gegen geflüchtete Menschen aus. In einigen Fällen hat das auch schon zum Mord geführt, weil so viel Hass gegen Geflüchtete geschürt wird.

    Man hört viel über die Situation in der Türkei, aber wenig darüber, wie die Situation in Syrien nach dem Erdbeben ist. Kannst du dazu etwas sagen?

    Leider wissen wir selbst wenig über die Lage dort. Wir wissen, dass gerade die dicht besiedelten Regionen dort sehr stark getroffen sind, dass die Situation in Afrîn beispielsweise sehr schlecht sein muss. Was auch bekannt ist, dass die Regionen gezielt abgeschirmt werden und dort noch weniger Hilfe ankommt, weil nur wenige Grenzübergange offen sind und diese sehr streng kontrolliert werden. Gerade durch die türkische Besatzung war die Situation für die Menschen auch vor dem Erdbeben nicht leicht, jetzt ist sie umso schlimmer, weil keine Hilfe durchgelassen wird. Zusätzlich dazu wurden einige Städte ja auch nur wenige Tage nach dem Erdbeben gezielt bombardiert. Gerade das Nachbeben, das am 20.2. nochmal besonders in Hatay und der Grenzregion zu spüren war, hat die Lage in Syrien verschärft.

    Was denkst du, wie es jetzt weiter geht?

    Das Wichtigste ist jetzt, dass wir uns von der Repression und den Einschränkungen durch den türkischen Staat nicht einschüchtern lassen und weiterhin versuchen, den Menschen zu helfen. Über 1,5 Millionen Menschen sind gerade obdachlos, weil ihre Häuser eingestürzt sind oder nicht mehr bewohnbar. Natürlich kann Erdogan nicht, wie er versprochen hat, in einem Jahr alle Häuser wieder aufbauen lassen. Deswegen ist gerade viel Hilfe vor Ort notwendig.

    Aber auch aus Deutschland und ganz Europa ist unsere Unterstützung jetzt gefragt: Lasst uns Spenden sammeln, Vorträge veranstalten, Kundgebungen und Demos organisieren und eine revolutionäre Perspektive aufzeigen. Die Revolution ist gerade in den betroffenen Gebieten nicht bloß ein großes Ziel, sondern eine konkrete Notwendigkeit, es kann unter diesem Regime keine Verbesserung der Situation geben. Wir müssen dafür sorgen, dass wir etwas Langfristiges schaffen, denn die Situation wird sich nicht in einem Monat oder einem Jahr verbessern, sondern vermutlich noch mehrere Jahre so bleiben. Es liegt an uns, praktische Solidarität aufzubauen!

    Ein Beispiel dafür ist das „Geschwisterkind-Programm“, bei dem eine Familie in Deutschland eine Art Patenschaft für ein Kind in den Erdbebengebieten übernimmt und jeden Monat Geld spendet, so wirkt die Hilfe langfristiger als durch eine einmalige Spende. Langfristige Spenden und Unterstützung sind für die Menschen in den betroffenen Gebieten super wichtig, denn so können sie langsam ihre Lebensgrundlage wieder aufbauen, die in vielen Teilen komplett zerstört ist.

    Es gibt viele Möglichkeiten, jetzt aktiv zu werden. Wichtig ist, dass wir etwas tun und die Menschen nicht im Stich lassen!

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