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Donnerstag, Juli 25, 2024
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    Der Femizid an Diana G. – kämpferisches Gedenken im Fennpfuhl

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    Am 06. Januar 2023 wurde die 52-jährige Diana G. von ihrem Nachbarn mit einer Machete ermordet. Die Initiative “Femizide stoppen!”, die Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts in Deutschland zählt, verzeichnete dies als den ersten Femizid des Jahres. Perspektive berichtete damals als erstes über die Tat als Femizid. Was geschah seitdem?

    Am 30. Mai begann nun im Berliner Landesgericht der Prozess gegen den Täter Kristof M., der seine Nachbarin im Berliner Stadtteil Fennpfuhl (Lichtenberg) ermordete. Die Staatsanwaltschaft fordert seine dauerhafte Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. War der Mord an Diana also die Zufallstat eines psychisch Kranken und kein Femizid?

    Mann ermordet Nachbarin mit Kettensäge in Berlin-Lichtenberg – mutmaßlicher Femizid

    In der Nacht zum 06. Januar 2023 bewaffnete sich der Täter Kristof M. mit drei Messern, einer Machete und einer Kettensäge. Mit der Kettensäge schnitt er in die Wohnungstür von Dianas Wohnung. Anschließend verletzte der Täter Dianas Lebensgefährten Michael H. mit der Kettensäge schwer, “um ihn aus dem Weg zu räumen, damit er Frau G. planmäßig töten konnte”, so die Staatsanwaltschaft

    Diese Tatbeschreibung macht deutlich, dass es die Absicht des Täters war, eine Frau zu töten: Ihr Lebenspartner wurde wahrscheinlich verletzt, weil er sie zu schützen versuchte. Er ist Nebenkläger bei dem Prozess gegen Kristof M. Diana G. starb an den Verletzungen, die ihr der Täter planmäßig mit der Machete zufügte.

    Ist Frauenhass kein niederer Beweggrund?

    Auch wenn Kristof M. während einer Psychose handelte, ist der Mord an Diana G. ein Femizid. Es hätte nicht irgendjemanden treffen können, es traf eine Frau. Schon Monate zuvor soll der Täter seiner Nachbarin gedroht haben. Noch am Tatort selbst sprach er von “Hexen” und schrie, bevor er Diana tötete: Scheiß Weiber! Die müssen alle umgebracht werden!“. Hier wird die patriarchale Dimension des Mords mehr als deutlich. Dennoch wird Kristof M. mit der milderen Straftat “Totschlag” und nicht wegen Mords an Diana angeklagt.

    Nach deutschem Recht muss für die Anklage “Mord” ein “niederer Beweggrund” für die Tötung vorliegen. Niedere Beweggründe sind solche, die nach sittlicher Wertung auf niedrigster Stufe, also durch hemmungslose, triebhafte Eigensucht bestimmt und besonders verwerflich und verachtenswert sind (§BGHSt 3, 133). Der vom Täter deutliche Frauenhass wird von der Staatsanwaltschaft nicht als solch ein niederer Beweggrund eingestuft. Bei Femiziden in Deutschland werden Täter besonders häufig wegen Totschlags und nicht wegen Mordes angeklagt und somit mildere Verurteilungen verhängt.

    Femizide, aber keine Frauenhäuser: Der Bezirk Lichtenberg

    Seit dem Mord an Diana vor knapp einem halben Jahr wurden 53 Frauen in Deutschland auf Grund ihres Geschlechts ermordet. Eine weitere davon geschah in Berlin Lichtenberg, dem Berliner Bezirk, in dem auch Diana lebte. Im 300.000 Einwohner großen Lichtenberg gibt es kein einziges Frauenhaus.

    Schutzsuchende Frauen werden an Frauenhäuser in anderen Bezirken verwiesen. Sind diese weit entfernt vom Arbeitsplatz der Frau oder dem Schul- bzw. Kitaplatz des Kindes, erschwert das die Fluchtmöglichkeiten, die oft nur in einem kurzen Zeitfenster gegeben sind, und den Alltag der Schutzsuchenden massiv. Auch sind Frauenhäuser regelmäßig überfüllt und kaum freie Plätze vorhanden: In Berlin und Brandenburg fehlen fast 900 Frauenhausplätze. 

    Während also keine Schutzhäuser für Frauen in Not in Lichtenberg zugänglich sind, werden in anderen staatlichen Einrichtungen Lichtenbergs Frauen ermordet: 2014 wurde eine Bewohnerin des Heims für Obdachlose, Senioren und mittellose Menschen in Lichtenberg in der Einbecker Straße von ihrem Mitbewohner erstochen. 2021 wurde Maryam H., damals Bewohnerin der Flüchtlingsunterkunft in der Lichtenberger Wollenberger Straße, von ihren Brüdern ermordet. 2022 wurde in derselben Unterkunft, in der Maryam H. wohnte, eine Frau von ihrem Mann niedergestochen. Es wird deutlich: Der Bezirk Lichtenberg bietet keinen Schutz für Frauen.

    Nachbar:innen im Fennpfuhl werden aktiv

    Diana wurde in ihrer eigenen Wohnung im Fennpfuhl ermordet – 67% der von der Initiative Femizide stoppen! gezählten Morde 2023 in Deutschland fanden im eigenen Wohnraum der Frau statt.

    17 Femizide – Man(n) tötet nicht aus Liebe

    Eine Nachbarin Dianas berichtet Perspektive davon, dass sie alleine wohnt und sich seit der Ermordung ihrer Nachbarin nicht mehr sicher in ihrem Zuhause fühlt. Die gesamte Nachbarschaft bekam den Tod Dianas und den Angriff auf ihren Lebensgefährten mit: Der Täter zündete Molotowcocktails im Hausflur an, die Kettensäge war hörbar und im Flur waren Blutspuren zu sehen.

    Nun müssen die Nachbar:innen das Erlebte verarbeiten. Ein Anwohner berichtet davon, dass viele in dem zehnstöckigen Plattenbau einsam sind: “Ich habe Familie – ich komme klar. Aber es gibt viele hier, die haben niemanden zum Reden. Die sind traumatisiert von dem, was passiert ist.”

    Die Stadtteilorganisation “Soldaritätsnetzwerk”, die im Lichtenberger Fennpfuhl aktiv ist, in dem Diana G. lebte und sterben musste, plant ein kämpferisches Gedenken zum 06.07., dem Halbjahrestag des Femizids an Diana. Auf Anfrage von Perspektive erklärte das Solidaritätsnetzwerk:

    “In den Medien wird über den Mord an Diana sensationslustig berichtet, die patriarchale Dimension des Femizids an Diana findet jedoch kaum Beachtung. Wir als Solinetz wehren uns gegen jede Form von Gewalt an Frauen und aufmerksamkeitsheischenden Zwecke der Medien. Der Staat schützt uns nicht. Deswegen müssen wir uns gegenseitig schützen. Deshalb organisieren wir uns und gehen am 06.07. zum Gedenken und zum Kampf gemeinsam auf die Straße.“

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