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Sonntag, Juli 21, 2024
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    „Lasst uns gemeinsam kämpfen gegen das Patriarchat, gegen Nazis, gegen Männerbünde“

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    Im Hamburger Stadtteil Wandsbek haben am Samstag 200 Demonstrant:innen gegen die rechte Burschenschaft “Germania” demonstriert. Sie ist nur ein Beispiel für die enorm reaktionäre Rolle der deutschen Studentenverbindungen. – Ein Kommentar von Esther Zaim.

    Am Samstag, 17.06., versammelten sich gegen 14 Uhr auf dem Wandsbeker Marktplatz im gleichnamigen Hamburger Stadtteil etwa 200 Demonstrant:innen verschiedener linker Organisationen, um ein deutliches und kämpferisches Zeichen gegen die rechtsextreme Hamburger Burschenschaft “Germania” zu setzen. In den ersten Redebeiträgen thematisierten Vertreter:innen z.B. des Cafés “Exil” und des Frauencafés “Lüttje Lüüd” die rassistischen und antifeministischen Untiefen der Germania-Burschenschaft: „Rassismus ist kein individuelles Problem, Rassismus hat System… und deshalb heißt es heute: Rechte Verbindungen auflösen in Wandsbek, Hamburg und überall!“, so eine der Rednerinnen. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass es neben Kontakten zur AfD auch gut laufende Kontakte zu anderen bürgerlichen Parteien gäbe.

    Unter dem Motto “Rechten Eliten keine Plattform bieten. Burschenschaft Germania versenken” startete der Demozug – einem Platzregen trotzend – und zog vor das Verbindungshaus der Bruderschaft in der Jüthornstraße. Angekommen vor der mit Baugerüsten überfrachteten und Farbbeutelresten besprengten gelben Villa wurde eine Zwischenkundgebung mit weiteren Redebeiträgen abgehalten. Mit lautstarken Parolen gegen die Präsenz der Burschenschaft – die übrigens erst letztes Jahr das an einem Waldgebiet angrenzende Anwesen bezog – demonstrierten die Teilnehmer:innen ihre scharfe Ablehnung der Studentenverbindung und machten auf die zunehmende rassistische Gefahr in der Gesellschaft aufmerksam.

    Nicht nur der, durch die Burschenschaften angebrachte Stacheldraht um Teile des Grundstücks, fielen extrem unangenehm auf, sondern auch die hermetische Absicherung des Anwesens und erhöhte Sicherheitsvorkehrungen durch die Hamburger Polizei. Die Demonstration wurde dann durch Reiterstaffel und Hundertschaften aus einer gewissen Distanz begleitet. Der Polizeiapparat schien an diesem Tag in hoher Alarmbereitschaft und führte rund um das Grundstück des Verbindungshauses bereits im Vorfeld der Demonstration verdachtsunabhängige Personenkontrollen durch. Die Demo-Route verlief anschließend weiträumig durch die Nachbarschaft, um dann erneut vor dem Burschenschaftler-Haus eine Kundgebung abzuhalten, bei der diesmal neben lautstarken Parolen auch Rauchtöpfe gezündet und Papierrollen in den Vorgarten des Verbindungshauses geworfen wurden.

    Hintergrund: Was sind Burschenschaften?

    Eine erste Hochphase erlebten deutsche Burschenschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Begriff “Bursche”ist mit der heutigen Bedeutung “Student” gleichzusetzen und ist Namensgeber dieser Vereinigungen. Ursprünglich spielten diese in der Nationalbewegung für ein geeintes Deutschland eine wichtige Rolle.

    In dem Maße, in dem sich Deutschland damals zu einer Weltmacht aufschwang, nahm allerdings auch der politische Charakter der national gesinnten Burschenschaften extrem reaktionären Charakter an. So gewannen viele von ihnen konsequenterweise und getreu dem Wahlspruch der heutigen Germania-Burschenschaft aus Hamburg – “Ehre, Freiheit, Vaterland” – zur Zeit des Nationalsozialismus eine den deutschen Faschismus stützende Position.

    Zahlreiche Burschenschafter wurden direkt zu Beginn des NS-Regimes NSDAP-Mitglieder und propagierten die Ziele eines großdeutschen Reichs wie auch den Genozid an der jüdischen Bevölkerung. Heinrich Himmler ist eines der vielen prominenten Beispiele von Burschenschaftsangehörigen, die im weiteren Verlauf auch führende Ämter im nationalsozialistischen Regime besetzen sollten. In den Nachkriegsjahren wurden die Studentenverbindungen von den alliierten Besatzungsmächten verboten, konnten sich aber bereits nach einigen Jahren schon in den 1950ern rekonstruieren und wieder etablieren.

    Burschenschaften heute

    In der gegenwärtigen Situation sind viele Burschenschaften nach wie vor ihrem reaktionären und rassistischen Kern treu geblieben und bilden geschlossene und misogyne Männerbünde, die sich als akademische Elite durch nationalistisches Gedankengut profilieren. Burschenschaften betreiben öffentlich Geschichtsrevisionismus und verherrlichen nationalsozialistische Kriegsverbrechen.

    Ehemalige Burschenschafter sind nach ihrer Studienzeit selbsternannte “Alte Herren” und definieren sich als Mentoren und Vorbilder für die junge Generation der Verbindungsstudenten. Sie bekleiden hohe Ämter in staatlichen und akademischen Institutionen. Da sie zur herrschenden und ausbeutenden Klasse gehören, gelingt es ihnen, durch Vetternwirtschaft den nachfolgenden Generationen ihrer Verbindungen privilegierte und repräsentative Machtposten in politischen wie auch wirtschaftlichen Bereichen zu sichern.

    Zu erwähnen ist natürlich, dass auch gänzlich politikferne oder christlich geprägte Studentenverbindungen existieren, die sich keinerlei faschistischer oder rassistischer Anschauungen bedienen und lediglich gemeinsam Sport treiben, Gesangs- oder Turnzusammenschlüsse sind und sogar als gemischtgeschlechtliche Verbindungen auftreten, wie sie beispielsweise gehäuft in US-amerikanischer universitärer Tradition zu finden sind.

    Bei dem Großteil der Studentenverbindungen in der BRD ergibt sich jedoch ein anderes Bild: die Übergänge zu anderen rechtsextremen Gruppierungen und militanten Neonazis sind hier fließend; die Ideologie dient als verbindendes Element.

    Einzelne Verbände sind gegenwärtig unter anderem in dem Kooperationsverband “Allgemeine Deutsche Burschenschaft” (ADB) organisiert. So auch die 1919 gegründete Hamburger Burschenschaft “Germania”. Diese Verbindung kann auf eine ununterbrochene Kontinuität rechter Aktivitäten zurückblicken. In den 1990er Jahren nahmen Mitglieder an Wehrsportübungen teil, und auch personelle Überschneidungen zu den Republikanern oder zu der 1995 verbotenen “Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei” verdeutlichen ihre starke Verwurzelung in neu-rechte und klassische, auf den Nationalsozialismus hin orientierte Strukturen.

    Der für die AfD seit 2017 in den Bundestag gewählte AfD-Abgeordnete Jörg Schneider, wie auch Mario Brockmann – Berater von Alice Weidel – sind solche sogenannten „Alten Herren“ der Hamburger Germania-Burschenschaft.

    Der heutige Rechtsruck in der Gesellschaft durch den breiten gesellschaftlichen Zuspruch für die AfD und die Neuen Rechten ist höchst alarmierend, und viele Burschenschaftler begleiten und gestalten den Aufschwung der AfD mit. Große Teile der AfD-Führungsriege und Kreise der Identitären Bewegung sind mit unzähligen Verbindungsangehörigen besetzt – die Strukturen der Neuen Rechten zu den deutschen Burschenschaften sind vollends durchlässig.

    Aber es gibt auch aktive Staatsdiener, die zu dieser Burschenschaft gehören, wie u.a. die taz berichtete: Bis ins Jahr 2020 sei z.B. Herr Jan G. Regierungsdirektor im Referat SE III 5 im Bundesverteidigungsministerium und Mitarbeiter im Einsatzführungskommando der Bundeswehr gewesen. Er hätte somit umfangreichen Zugang zu sicherheitsrelevanten Informationen gehabt.

    Auch sein Kollege im Verteidigungsministerium, Marko B., der ein höherer Beamter im Ministerium der Abteilung SE II war und betraut mit der Zuständigkeit über den Einsatz des Militärs im Inneren, habe Zugang zu sensiblen Daten gehabt. Auch wenn sich das Verteidigungsministerium bislang weigerte, die konkrete Verbindung zur Burschenschaft zu bestätigen: Die Hamburger Germania ist kein Einzelfall und die Verstrickung von Burschenschaftlern in Politik und Sicherheitsbehörden erstreckt sich bundesweit.

    Linke Bewegungen versuchen seit Jahrzehnten, mit großer Entschlossenheit und Konsequenz auf diese rassistischen Kontinuitäten aufmerksam zu machen und die politischen wie auch gesellschaftlichen Unterwanderungsversuche rassistischer Burschenschaften zu bekämpfen und eine breite linke Front aufzubauen. In diesem Sinne gilt es, die kämpferische Losung der gestrigen Demonstration aufzugreifen: „Lasst uns gemeinsam kämpfen gegen das Patriarchat, gegen Nazis, gegen Männerbünde und für eine offene Gesellschaft und einen klassenbewussten und antikapitalistischen Antifaschismus!“

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