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Samstag, Juli 13, 2024
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    Reuters stellt zunehmende “Nachrichtenmüdigkeit” fest – Desinteresse oder Frustration?

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    Bei immer mehr Menschen in Deutschland sinkt das Vertrauen in und das Interesse an Nachrichten. Gleichzeitig wandelt sich die Form, wie sich Menschen informieren. Besonders junge Menschen setzen dabei immer mehr auf TikTok und Instagram. – Ein Kommentar von Luca Schuster

    Diese Einschätzung geht aus dem “Digital News Report 2023″ hervor, der seit 2012 vom Reuters “Institute for the Study of Journalism” herausgegeben wird. Die Studie befragte repräsentativ und weltweit 93.895 Menschen in 46 Länder. In Deutschland hat das “Leibniz-Insitut für Medienforschung” die Untersuchungen per Online-Umfrage durchgeführt.

    Dabei gaben 52% der erwachsenen Internetnutzenden an, dass sie äußerst oder sehr an Nachrichten interessiert sind. 2022 waren es noch 57%. Das Interesse nimmt in dem Maße ab, je jünger die Menschen sind. Während bei den 55-Jährigen noch 71% ein großes Interesse angaben, waren es bei den 18-24-Jährigen nur 28%. Auch geht aus dem Bericht hervor, dass das zunehmende Desinteresse mit einem zunehmenden Vertrauensverlust einhergeht.

    Die Bedeutung sozialer Medien als Hauptnachrichtenquelle nimmt zu

    Gleichzeitig gewinnen soziale Netzwerke wie Facebook, Whatsapp, Instagram und Tiktok vor allem für 18 – 24-Jährige immer mehr an Bedeutung. Dabei nimmt Facebook als Nachrichtenquelle leicht ab, während Video-lastige Netzwerke wie Youtube oder TikTok zunehmen. Letztere Plattform erreichte beispielsweise weltweit 44% der 18–24-Jährigen und diente einem Fünftel als Nachrichtenlieferantin. In Deutschland sind es etwa 9%.

    Dabei verschiebt sich auch die Wahrnehmung, was als wichtig empfunden wird: Sind es bei Facebook oder Twitter noch vor allem Nachrichtenmedien, sind es bei TikTok oder Instagram vor allem Promis und Influencer:innen. Nachdenklich stimmt außerdem, dass online-Plattformen Nachrichten durch Algorithmen personalisieren können. Schlussendlich könnten so am Ende andere wichtige Informationen verpasst werden. Die Aufnahme von Nachrichten wird somit immer stärker durch die Algorithmen großer Internetkonzerne bestimmt.

    Wie kommt es zu dem Rückgang?

    Das sind alles nur einige Kernergebnisse der Studie – doch woher rührt dieser generelle Rückgang? Woher kommt das Desinteresse gegenüber Nachrichten, das in der Folge auch einhergeht mit einem zunehmenden Desinteresse gegenüber Politik? Das wird in der Studie nicht behandelt.

    Ist es die nüchterne Erkenntnis, dass wir uns immer mehr Krisen wie Kriegen, Wirtschaftskrisen oder dem Klimawandel hilflos ausgesetzt sehen und uns erdrückt fühlen? Oder daran, dass unser Wirtschaftssystem nicht an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist, sondern Profite sichern will? Oder vielleicht daran, dass wir lediglich alle vier Jahre wählen können und sich am Ende doch nichts ändert? Schauen wir möglicherweise deshalb auch immer lieber Urlaubsfotos von Influencer:innen an von Orten, an die  wir uns gar nicht leisten können, hinzufahren? Ziehen wir  uns einfach zurück, um die schlechten Nachrichten einfach nicht mehr hören zu müssen? Ist es vielleicht gar keine Nachrichten-Müdigkeit, sondern Überforderung? … Wenn ich mit Freunden und meiner Familie spreche, beobachte oder höre ich solche Begründungen immer wieder.

    Aber ich spüre und sehe zugleich auch immer wieder den Wunsch nach Mitbestimmung in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben. Nach Diskussion und Austausch. Nach einem “nein, mein Denken und Lesen soll nicht nach Algorithmen bestimmt werden”, sondern von unabhängigen Nachrichten. Nach einem solidarischen Miteinander, in dem wir gemeinsam diskutieren und uns austauschen können darüber, wie wir in Zukunft leben wollen – in unserem Stadtteil, auf der Arbeit und der Welt.

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