Eins im Westen, eins im Osten, eins im Norden, eins im Süden: der Jugendhilfeausschuss der Stadt Leipzig dreht vier Kinder- und Jugendtreffs den Geldhahn ab. Durch die ausbleibenden Förderungen sehen sich die betroffenen Einrichtungen zur Schließung gezwungen. Wir haben mit dem Personal sowie jungen – und älteren – Besucher:innen gesprochen.

Seit dem Jahr 2000 ist der offene Freizeittreff „UFO“ für viele Kinder und Jugendliche aus Leipzig-Gohlis Anlaufstelle Nummer eins in Sachen Freizeitgestaltung. Seinen extraterrestrischen Spitznamen erhielt das Gebäude durch seie ungewöhnliche Bauform – statt klar abgetrennter Dächer und Wände schmiegt sich eine runde Holzschindel-Decke um den kreisförmigen Baukörper. In der Mitte des Schneckenhauses steht ein großer Baum, die Räume innerhalb umranden ihn gewissermaßen. Die klassische Jugendtreff-Ästhetik mit Tischkicker und verschnörkeltem Graffti an den Wänden findet sich zwar auch hier, im Gegensatz zu anderen Freizeiteinrichtungen in Leipzig wirkt das „UFO“ aber doch eher außerirdisch.

Umso ärgerlicher also, dass ausgerechnet dieser Ort nun schließen muss. Bereits Ende März wurde bekannt, dass wohl einige Angebote künftig keine Zuschüsse des städtischen Kinder- und Jugendetats mehr bekommen würden. Neben dem Treff in Gohlis gehören dazu auch Einrichtungen in Connewitz, Böhlitz-Ehrenberg und Reudnitz.

Mehr Geld für die Kinder- und Jugendhilfe – aber weniger Freizeittreffs?

Anfang des Jahres einigte sich eine Mehrheit des Jugendhilfeausschusses auf eine Erhöhung des Etats für die Kinder- und Jugendhilfe. Dieses Jahr werden Vereine und Verbände von der Kommune mit 18,92 Millionen Euro unterstützt, 2024 sollen es sogar 19,89 Millionen Euro sein. Nichtsdestotrotz gab es bereits Ende letzten Jahres und im Januar diesen Jahres Protest seitens Sozialarbeiter:innen und Jugendlichen. Ihrer Meinung nach fällt das vorgesehene Budget im entsprechenden Haushaltsentwurf weiterhin zu gering aus.

Bei steigenden Ausgaben werden also mehrere Projekte gekündigt, doch warum? Derzeit erreichen die finanziellen Mittel etwa 170 Initiativen, Vereine und Verbände. Für den neuen Förderungszeitraum gingen jedoch 15 neue Anträge ein, die laut Stadt das Budget sprengen und eine Priorisierung notwendig machen würden. Konkret bedeutet das also „das Aus für Angebote, die weniger frequentiert sind oder wo Träger nicht so arbeiten wie fachlich gewünscht“.

Teils über 900 Gäste pro Monat im „UFO“

Das Personal vor Ort kann mit dieser Argumentation jedoch recht wenig anfangen. So erfreut sich das „UFO“ seit über 20 Jahren einer durchweg hohen Besuchszahl, teils im hohen dreistelligen Bereich pro Monat. In den Hochzeiten der Corona-Pandemie gab es digitale Angebote. Und dass nicht gearbeitet werden würde, wie fachlich gewünscht, dürfte der Realität auch eher widersprechen. Zuletzt gab es im „UFO“ drei Vollzeitangestellte, von Montag bis Freitag hatte der Treff bis in die Abendstunden geöffnet. So liegt doch eher die Erklärung nahe, dass Gohlis einfach nicht mehr in das klassische Bild des „förderungswerten Schwerpunktgebiets“ passt – von genau solchen, also Stadtteilen mit hohen Geburtenraten und vielen finanziell schlechter situierten Menschen, ist es jedoch umringt.

Diese Entscheidung, wie auch immer sie begründet sein mag, fällt vor allem den Jugendlichen zur Last. Und das beklagen sie auch selbst. So haben die Sozialarbeiter:innen natürlich auch ein offenes Ohr bei Problemen in der Familie oder im Freundeskreis. In erster Linie suchen sie jedoch einfach einen Rückzugsort, an dem man immer auf bekannte und neue Gesichter trifft. So beschreiben die Schüler:innen aus Gohlis es als eine Art „Leere“, die mit der Schließung des Jugendtreffs jetzt zurückbleibt. Das Ende wollen sie nicht einfach so hinnehmen, haben sie in ihren letzten Monaten und Jahren hier doch so viel gelernt und erlebt.

Die Schließung belastet die Besucher:innen – jung und alt

Wirklichen Spielraum für eine Rücknahme der Entscheidung gibt es nicht mehr, mit dem Beschluss wurden Personal und die Gäste quasi überrumpelt. Genauso erging es Franz Schneider, der mit 34 Jahren den Treff seit mittlerweile zwei Jahrzehnten kennt und schätzt. Als 16-Jähriger nahm er hier an ersten LAN-Parties teil, eine Veranstaltung, die mitsamt Retro-Videospielen mittlerweile zur Tradition geworden ist und seitdem jährlich stattgefunden hat. Vergangenes Wochenende initiierte er jetzt das letzte Treffen dieser Art in Gohlis – gleichzeitig auch die letzte Veranstaltung des Freizeittreffs generell – im Juli wird hier ja schließlich dicht gemacht.

Im Gespräch erinnert er dabei nicht nur an die langjährige Beziehung zu den Menschen im „UFO“, sondern betont auch immer wieder die Interessen der Jugendlichen. Deren Ansprüche beschränken sich nicht nur auf einfache Unterhaltung, ganz im Gegenteil, Förderschwerpunkte wie Ökologie und Gender haben laut ihm auch ihre Berechtigung. Trotzdem brauchen sie halt vor allem eines: so eine Art Rückzugsort. Durch die Schließung des „UFO“ bleibt damit erst einmal ein Loch im Gohliser Zentrum zurück, das wohl so schnell auch nicht wieder gefüllt werden wird.

Chaos und Durcheinander in der Kommunikation – auch in Connewitz

Die Kinder- und Jugendwerkstatt („KiJuWe“) in Leipzig-Connewitz ist ebenso von den Schließungen betroffen. Über die Monate hinweg gab es mehrere Treffen mit der Verwaltung und der Politik, privat und offiziell. Zeitweise wurde dem Personal sogar zugesichert, dass kein Treff schließen werden müsse, man solle mal „die Kirche im Dorf lassen“. Über inoffizielle Wege wurde das Geflüster über eine mutmaßliche Kürzung der Zuschüsse aber doch lauter – der Projektleiter ist heute sehr frustriert durch die Art und Weise, wie der Beschluss an ihn und sein Team herangetragen wurde.

In der „KiJuWe“ ist das Klientel ein Stück älter als im „UFO“, was sich auch in der Einrichtung widerspiegelt. Besonders während der Corona-Pandemie hat sich laut Projektleiter die ‘Stammkundschaft’ verändert. Vormals junge Schüler:innen haben sich während des Lockdowns wahrscheinlich anderweitig orientiert, mittlerweile schätzen hingegen viele Musikinteressierte den kostengünstigen Band-Raum mitsamt Aufnahmegeräten im Keller des Jugendtreffs. Die Vernetzung mit umliegenden Initiativen und Schulen wurde außerdem gestärkt: so probt hier beispielsweise die Schulband des nahegelegenen Louise-Otto-Peters-Gymnasiums.

Besonders belastend ist in diesem Zusammenhang, dass die „KiJuWe“ erst kürzlich die Räume saniert und vergrößert hat und eine neue Küche einbauen ließ. Doch egal, ob in Gohlis oder Connewitz: Alle Jugendlichen und Sozialarbeiter:innen hoffen, dass es irgendwie irgendwo weitergeht. Grundsätzlich hatte man ja freundlichen und guten Kontakt mit dem Jugendhilfeausschuss und anderen Behörden. Aus Sicht der offenen Freizeittreffs scheint das Interesse, mit derartigen Verwaltungseinrichtungen zusammenzuarbeiten, mittlerweile aber doch eher gering zu sein. So stellt auch der Projektleiter in Connewitz resigniert fest: Ohne strukturelle Veränderungen werden in den nächsten Jahren auch weitere Einrichtungen betroffen sein.


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