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Montag, Mai 20, 2024
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    Vor 50 Jahren: Wilder Streik bei Ford Köln

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    Im August 1973 brach im Kölner Fordwerk ein wilder Streik gegen die Entlassung hunderter Gastarbeiter aus. Der Streik wurde zwar gemeinsam von Betriebsrat, Polizei und Nazi-Schlägern niedergeschlagen. Er trug aber zur dauerhaften Veränderung der Lebenslage von migrantischen Arbeiter:innen bei. Auch heute können wir weiter viel aus diesem Streik lernen. – Ein Kommentar von Thomas Stark

    Im Spätsommer 1973 verschärfte sich die Stimmung im Kölner Ford-Werk. Die Wirtschaft in der BRD zeigte erste Krisenerscheinungen: Die große Ölkrise sollte im Herbst das westdeutsche „Wirtschaftswunder“ beenden. Für die Arbeiter:innen hatten sich schon jetzt die Preise massiv erhöht. Zusätzlich wurde der Arbeitsdruck im Werk angezogen.

    Bei Ford waren viele ausländische Kollegen noch nicht wieder aus dem Urlaub zurück. Tausende Gastarbeiter aus der Türkei, Jugoslawien, Italien und anderen Ländern arbeiteten für den Autohersteller, die türkischen Kollegen etwa an den Endmontagebändern. Ihr Lohn war 20 Prozent niedriger als bei den Arbeitern im restlichen Werk. Sie wohnten überwiegend in Wohnkasernen auf dem Betriebsgelände. IG Metall und Betriebsrat interessierten sich nicht für sie. Um im Sommer für einige Wochen mit dem Auto in ihre Heimat fahren zu können, war es bislang üblich und geduldet, dass sie die Sommerferien mit einigen Wochen unbezahltem Urlaub überzogen.

    Diesen Sommer 1973 kam es jedoch anders. Die Betriebsleitung nahm das Fernbleiben der türkischen Kollegen zum Anlass, um 500 von ihnen auf die Straße zu setzen. Dafür sollten die übrigen Arbeiter schneller produzieren. Die Empörung unter den Kollegen war groß. In dem Werk arbeiteten auch zahlreiche kommunistische Aktivisten in Betriebsgruppen wie den „Kölner Fordarbeitern“, die die Stimmung in Flugblättern aufgriffen und Forderungen wie die Rücknahme der Entlassungen und „1 DM mehr für alle“ aufstellten.

    Am 24. August — einem Freitag — begann dann der Streik, ausgehend von den türkischen Arbeitern aus der Endmontage-Halle. Sie demonstrierten über das Werksgelände und forderten ihre Kollegen auf, ebenfalls zu streiken. Ein Großteil der Spätschicht folgte dem Aufruf. Der wilde Streik bei Ford begann — und sollte bis zum folgenden Donnerstag andauern. Die Arbeiter wählten eine Streikleitung und ließen sich von Geschäftsleitung und Betriebsrat weder beschwichtigen noch aus dem Werk locken. Erst nach einigen Tagen gelang es der IG Metall, die deutschen Arbeiter zum Teil gegen ihre migrantischen Kollegen aufzuwiegeln.

    Am 30. August inszenierte der Betriebsrat schließlich eine „Gegendemo“, bei der faschistische Schläger und Zivilpolizisten mitliefen und die Streikenden angingen. Daraufhin griff die Polizei ein, verhaftete den Streikführer Baha Targün und andere Streikende und drohte den Gastarbeitern mit Abschiebung, sollten sie nicht sofort das Werksgelände verlassen. Die Bild-Zeitung, die zuvor gegen den „Türken-Terror“ gehetzt hatte, schrieb nach der Niederschlagung: „Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei.“

    Der Ford-Streik war kein alleiniges Ereignis, sondern reihte sich ein in eine Welle von über 300 wilden Streiks im Jahr 1973, mit hunderttausenden Beteiligten. Trotz seiner Niederschlagung führte der Kampf langfristig zum Ende der Werkskasernen und der Verbesserung der sozialen Lage migrantischer Arbeiter:innen in Westdeutschland.

    Auch für heute lassen sich zahlreiche Lehren aus dem Streik ziehen: Das ist vor allem die Notwendigkeit eigener klassenkämpferischer Strukturen in den Betrieben, denn die DGB-Gewerkschaften agierten damals wie heute als Agentur der Unternehmen. Zudem müssen wir in unseren Kämpfen die engen Spielregeln des kaum vorhandenen Streikrechts und der Tarifrituale sprengen. Dazu braucht es die internationale Solidarität unter allen Kolleg:innen, egal wo sie herkommen und welchen Arbeitsvertrag sie haben!

    • Perspektive-Autor seit 2017. Schreibt vorwiegend über ökonomische und geopolitische Fragen. Lebt und arbeitet in Köln.

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