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Samstag, Juli 13, 2024
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    Auto-Streiks: Spitze der UAW-Gewerkschaft einigt sich mit Ford auf einen Deal mit 25% Lohnerhöhung

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    Die US-Gewerkschaft „UAW“ hat einen Tarifvertrag mit einer 25-prozentigen Lohnerhöhung über 4,5 Jahre mit dem Autohersteller Ford ausgehandelt. Zudem wurde zusätzlich ein automatischer Inflationsausgleich erstritten. Arbeiter:innen bei Ford wurden aufgefordert, zurück zur Arbeit zu gehen, noch bevor sie das Ergebnis gesehen oder darüber abgestimmt hatten. Nun soll der Deal auch bei General Motors (GM) und Stellantis durchgesetzt werden, der Streik-Druck wird aufrecht erhalten.

    Die US-Autoindustrie ist die größte industrielle Branche in den USA und umfasst 150.000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter:innen. Streik- und Tarifkämpfe dort haben also auch massive Signalwirkungen auf viele andere Branchen.

    In einem Video sprechen die Spitzen der “United Automobile, Aerospace and Agricultural Implement Workers of America” (UAW) nun von einem „Historischen Deal“ mit dem Autobauer Ford: “Unsere Gewerkschaft hat sich in einer Weise zusammengeschlossen, wie wir es seit Jahren nicht mehr erlebt haben. Von den Großen Seen bis zum Golf von Mexiko kam unsere Gewerkschaft zusammen, um den Großen Drei [den Autokonzerne Ford, GM und Stelantis] mit einer Stimme zu sagen, dass Rekordgewinne einen Rekordvertrag bedeuten.“, so Chuck Browning, Vize-Präsident der UAW.

    Bei den Verhandlungen zwischen der UAW-Spitze und dem Ford-Management sei ein Tarifvertrag mit einer 25-prozentigen Lohnerhöhung ausgehandelt worden. Mit Ratifizierung durch die Mitglieder sollen die Löhne sofort um 11% angehoben werden. Ursprünglich waren die UAW mit der Forderung nach einer 40-prozentigen Lohnerhöhung in die Verhandlungen gestartet. Dies war der Umfang, in dem die Gehälter des oberen Managements in den letzten vier Jahren gestiegen waren. Nun haben sie sich auf eine 25-Prozent- Erhöhung eingelassen.

    Hinzu kommt, dass auch ein „Cost-of-Living Adjustment“ COLA durchgesetzt worden sein soll. COLA steht für eine automatische Anpassung der Löhne an die Inflation – zusätzlich zu den Lohnerhöhungen. Es wurde erstmalig 1947 durch die UAW durchgesetzt und in Streikkämpfen immer wieder neu verhandelt. Zugleich ist bisher nicht deutlich, wie genau COLA berechnet werden soll und für wen oder wann es genau greifen soll.

    Massive Lohnverluste teilweise ausgleichen

    Der vergleichsweise hohe Abschlussvorschlag folgt massiven historischen Reallohneinbußen. In den 60ern und 70ern konnte die UAW noch starke gewerkschaftliche Erfolge einfahren und die US-Unternehmen machten zeitgleich große Profite. Im Zuge der imperialistischen Globalisierung kam es jedoch zu stärkerer Konkurrenz aus Asien, etwa durch den Autobauer Toyota.

    Im Jahr 2007 befanden sich die US-Automarken in der Krise. Die UAW-Führung machte damals große Zugeständnisse, etwa, dass die Unternehmen neue Arbeiter:innen für weit unter dem sonstigen Gehalt anwerben können. Zudem übernahmen die Unternehmen nicht mehr die Krankenversicherungen. In der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 stand GM und auch Chrysler kurz vor der Pleite. Die Auto-Unternehmen wurden mit massiven Staatsgeldern gestützt, restrukturieren sich und wurden wieder profitabler.

    Zugleich fand seit den historischen Zugeständnissen von 2007 ein massiver Reallohnverlust statt. Zwischen 2001 und 2022 wurden die Löhne um gerade mal um 23% erhöht – während zugleich die Inflation diese Raten weit überstieg. Diese Senkung des Lebensstandards der letzten Jahre wird auch durch die jetzigen verhältnismäßig große Lohnerhöhung nicht vollständig ausgeglichen.

    Wechsel an der Spitze

    Hintergrund der derzeitigen recht kämpferischeren Streiks ist auch ein Wechsel an der Spitze der UAW. Dort hatte es eine Reihe an Korruptionsskandalen gegeben, woraufhin es zum ersten Mal zu einer Direktwahl des Vorsitzes kam. Damals übernahm der 54-jährige Shawn Fain den Vorsitz.

    Er gibt sich klassenkämpferisch. So erklärte er in einem Interview mit der deutlich sozialpartnerschaftlicheren IG Metall: „Seit mehr als vierzig Jahren führen die Arbeitgeber einen Krieg gegen die Arbeiterklasse. Sie haben die Regeln des Welthandels manipuliert. Sie haben Land gegen Land, Arbeiter gegen Arbeiter in einem langen Wettlauf nach unten ausgespielt. Niemand gewinnt dieses Rennen, außer der Klasse der Milliardäre. Wir sagen der Milliardärsklasse, dass dieses Rennen nun vorbei ist.“

    Dies wollte Fain im derzeitigen Streik beweisen, in dem zum ersten Mal in der UAW-Geschichte gegen die drei großen US-Autobauer gestreikt wurde. Der Streik war als „Stand Up Strike“ konzipiert. Das bedeutet, dass der Streik mit wenigen Produktionsstädten am 15. September begann und sich nach und nach immer mehr auf das Land ausbreiten sollte, um den Druck stetig zu erhöhen. Diese Methode stand jedoch auch in der Kritik, da sie nicht die gesamte Kampfkraft der Belegschaft sofort entfalte.

    Am Mittwoch kam es nun nach fast 6 Wochen Streiks zu einem Deal mit einem der drei Autobauer: mit Ford. Die beiden Gewerkschaftsführer riefen in der Folge die Ford-Arbeiter:innen auf, die Arbeit wieder aufzunehmen – obgleich sie den Deal noch gar nicht kannten und der Abstimmungsprozess durch die Mitglieder jetzt erst beginnt.

    So solle Druck bei Stallantis und GM aufgebaut werden, um dort auch einen Durchbruch zu erzielen. Denn diese würden in der Konkurrenz mit Ford kaum zurückfallen wollen. Zugleich kann dies jedoch auch zur Spaltung der Kampffront führen, wenn ein Teil der Arbeiter bereits den Streik beendet, während die anderen weiterstreiken.

    US-Präsident Joe Biden lobte Ford und die UAW bereits dafür, dass sie sich zusammengetan und einen Vertrag ausgearbeitet haben, der “den Unternehmen zum Erfolg verhilft”.

    Nun wird der National-Ford Council der UAW am 29. Oktober zusammentreten und bestimmen, ob der Deal an die Mitglieder zur Abstimmung weitergeleitet wird. Ob die Mitglieder zustimmen werden, bleibt abzuwarten.

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