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Donnerstag, Juli 25, 2024
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    Jugendclub “Linse”: Proteste gegen die Schließung eines weiteren öffentlichen Raums

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    In Berlin-Lichtenberg soll ein traditionsreicher Jugendclub geschlossen werden. Der Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die dauerhafte Unterfinanzierung von sozialen Angeboten in der Hauptstadt. Doch auch Widerstand regt sich. – Ein Kommentar von Ali Najjar

    Die Kürzungen im sozialen Bereich zeigen ihre praktischen Folgen von der Bundes- bis zur Bezirksebene: In Lichtenberg soll der bekannte Jugendclub „Linse“ geschlossen werden. Der omnipräsente „Geldmangel“ in Kommunen ist die eine Seite des Problems. Entscheidender ist, dass keiner der verantwortlichen Entscheidungsträger:innen den ernsten politischen Willen aufbringt, unabhängige Freiräume zu erhalten.

    Der Jugendclub Linse im Berliner Stadtteil Lichtenberg ist ein wenig in Vergessenheit geraten, aber immer noch vielen Anwohner:innen ein Begriff. Nun soll die Linse zum Jahresende endgültig dicht gemacht werden. Seit etwa einem Monat regt sich dagegen vermehrter Protest.

    Fakt ist, dass es keinen Mangel an Jugendlichen auf der Suche nach unabhängigen Freizeitprogrammen im Stadtteil gibt. Aus vielen Gesprächen in unserer politischen Arbeit wissen wir, dass Schulen unterfinanziert sind und viele junge Menschen ohne Perspektive verbleiben, während Inflation und Krisenpolitik auch die materiellen Nöte vermehren.

    Die Profitlogik steht über der sozialen Arbeit

    Grund für die Schließung ist vielmehr, dass die Arbeit im sozialen Bereich in dem System, in dem wir leben, einer Profitlogik folgen muss. Egal ob in sozialen Einrichtungen für Jugendliche oder Geflüchtete, in Kitas und Schulen, bei der Betreuung für Menschen mit Behinderung, der Heilerziehung oder der Einzelfallhilfe: In allen Bereichen führt sie zu immer schlechteren Arbeits- und Betreuungsbedingungen – und auch zu vermehrten Schließungen.

    Die Bedrohung der Linse ist also kein neues Problem, sondern ein systemisches. Tatsächlich wird der Jugendclub systematisch heruntergewirtschaftet und als Minusgeschäft gewertet. Deswegen gibt es auch keinen offenen Betrieb in der Linse und nur einen hauptamtlichen Sozialarbeiter.

    Der Protest rund um die Linse wird maßgeblich von der sozialistischen Stadtteilorganisation “Solidaritätsnetzwerk” mitgetragen. Auf ihrer Website schreibt die Organisation:

    „Da läuft etwas ganz gewaltig schief. Dass die ‘Linse’ schließt, ist aber kein tragischer Zufall oder ein Fehler im System. Nein, die Schließung der ‘Linse’ ist Teil der massiven Kürzungen im sozialen Bereich, in der Bildung und in der Gesundheit, während parallel dazu Polizei und Militär hochgerüstet werden. 100 Milliarden für das Militär, aber keine Kohle für die Jugend? Ja, so läuft das in Deutschland. Jugendclubs schließen, Jugendliche sollen schießen. Dieser Widerspruch gehört zum Kapitalismus dazu.“

    Die Aktivist:innen vom Solinetz nutzen die Räume der Linse für Veranstaltungen und Treffen. Bis zum Jahresende wollen sie Nachbar:innen und mit dem Anliegen solidarische Menschen zur Rettung der Linse mobilisieren. Dazu findet bereits jeden Mittwoch eine Kundgebung vor dem Lichtenberger Rathaus statt. Es bleibt abzuwarten, welche Wendungen der Kampf um die Linse noch bereithält. Schon jetzt ist aber klar: Wenn Nutzer:innen der Linse nicht selbst aufstehen und lautstark ihre Interessen vertreten, werden sie von Politik und Verwaltung einfach übergangen.

    • Muslimischer Sozialist aus Berlin und Perspektive-Autor seit 2023. Fördert gern revolutionären Optimismus und Desillusionierung über den bürgerlichen Staat. Student der Sprachwissenschaften und Palästinenser.

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