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Samstag, Juli 13, 2024
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    Bangladesch: Textilarbeiter:innen kämpfen für höhere Löhne

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    Seit Tagen gehen in Bangladesch tausende Textilarbeiter:innen auf die Straße und kämpfen für einen höheren Mindestlohn. Dieser wurde trotz einer stark ansteigenden Inflation seit Jahren nicht erhöht. Reformbestrebungen von Bündnissen aus Regierungen, Unternehmen und NGOs änderten bisher nichts. Bei den Protesten kam es nun zu Polizeigewalt.

    In Bangladesch arbeitet ein großer Teil der Bevölkerung, davon überwiegend Frauen, in der Textilbranche. Sie gehört zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Schon seit Jahren kommt es immer wieder zu Skandalen wegen der Sicherheit und Arbeitsbedingungen in den Fabriken, beispielsweise als 2013 die Rana-Plaza- Fabrik einstürzte und 1.135 Menschen starben.

    Löhne reichen kaum zum Überleben

    Bangladesch gehört zu den größten Textilexporteuren der Welt. Umgerechnet werden im Jahr ca. 43 Milliarden Dollar durch den Export von Kleidung erwirtschaftet. Von diesem Geld bekommen die Angestellten jedoch so gut wie nichts ab. Momentan liegt der Mindestlohn bei ca. 63 Euro im Monat. Die Arbeiter:innen arbeiten oft lange Schichten unter gesundheitsschädlichen Bedingungen und zu einem Lohn, der oft nicht zum Leben reicht.

    Die letzte Lohnerhöhung gab es vor 5 Jahren, doch seitdem sind durch die Inflation die Preise für einfache Lebensgrundlagen enorm gestiegen. Überstunden zu machen, gehörte schon vor dem großen Inflationsanstieg zum Alltag, um wenigstens ein einfaches Überleben zu sichern. Nach einem Preisanstieg, wie es ihn nun in den letzten Jahren gab, ist es für viele kaum möglich, für sich und ihre Familie zu sorgen. Viele haben Angst vor der Zukunft, weil sie nicht wissen, wie es weiter gehen soll.

    Die anhaltende Diskussion über die schlechten Zustände und niedrigen Löhne in den Fabriken – z.B. durch das „Bündnis für nachhaltige Textilien“, bestehend aus Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften – führte bisher zu keinen Verbesserungen. Nun gehen die Arbeiter:innen der Textilbranche selber auf die Straße, um für höhere Löhne zu kämpfen.

    Streiks und Proteste stoßen auf Polizeigewalt

    Aufgrund der schlechten Lage haben sich seit Mitte Oktober viele Betroffene zusammengeschlossen und fordern eine Lohnerhöhung von umgerechnet 195 Euro pro Monat, um ihre Lebenskosten decken zu können. Diese Forderungen wurden von den Arbeiter:innen mit Streiks und Protesten unterstützt. In den Industriestädten Grazipur, Ashulia und Hemay sowie in der Hauptstadt Dhaka gingen zehntausende Menschen auf die Straße.

    Neben den Streiks kam es in den Tagen zuvor angesichts der anstehenden Wahlen im Januar bereits zu großen Demonstrationen der Oppositionsparteien “Bangladesh National Party” (BNP) und “Dschamaat-i-Islami”. Die BNP erklärte, dass seit dem 28. Oktober mindestens 9 ihrer Mitglieder getötet, 5.760 weitere verletzt und 7.700 verhaftet wurden, darunter auch der De-facto-Führer der BNP, Mirza Fakhrul Islam Alamgir.

    Auch während der Streiks kam es zu großer Polizeigewalt, vielen Festnahmen und auch Toten. Trotzdem demonstrieren die Menschen weiter und bestehen auf ihrer Lohnerhöhung. Der Kapitalverband lässt sich bis jetzt nur auf eine Anhebung um 25% – also mit ca. umgerechneten 50 Euro etwa einem Viertel der Forderungen – ein. Für die Demonstrierenden ist das jedoch einfach nicht genug, um der existenziell bedrohlichen Situation zu entkommen.

    Im Verlauf der Demonstration kam es auch zu Feuern in und um die Fabriken, wodurch hunderte Betriebe schließen mussten. Die Fabrikbesitzer:innen verurteilen die Proteste und den wirtschaftlichen Verlust, den sie dadurch erleiden – auf die Forderungen eingehen wollen sie aber dennoch nicht. Die Arbeiter:innen kündigten im Gegenzug an, nicht aufzuhören, bevor ihre Forderungen bewilligt seien.

    Reformbündnisse vertreten Unternehmensinteressen

    Außerhalb von Bangladesch sprechen sich viele Politiker:innen und Verbände für eine schnelle Klärung des Konflikts aus. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Bangladesch wirtschaftlich eine wichtige Bedeutung hat: Als zweitgrößtes Export-Land für Textilien hängt auch ein großer Teil der ausländischen Wirtschaft von der Textilbranche in Bangladesch ab. Viele große Labels wie Hugo Boss und Calvin Klein, aber auch H&M produzieren dort.

    Einige von ihnen sind bereits Teil des „Bündnisses für nachhaltige Textilien“, das sich schon seit der Katastrohe 2013 für eine Reformierung der Arbeitsbedingungen einsetzt – bis jetzt ohne große Erfolge. Das liegt vor allem daran, dass die Forderungen des Bündnisses im Konflikt zu dem Profit-Interesse der Konzerne stehen – ein höherer Lohn und kürzere Arbeitszeiten bedeuten für sie schlicht weniger Gewinn.

    So gehen die Unternehmen weiterhin als Gewinner aus dieser Situation hervor, während die Arbeiter:innen bislang als Verlierer:innen dastehen. Das haben auch viele Arbeiter:innen in Bangladesch erkannt und verlassen sich nicht mehr darauf, dass die Konzerne von sich aus etwas ändern werden. Stattdessen gehen sie nun selbst auf die Straße und kämpfen vereint für die Umsetzung ihrer Forderungen.

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