Gehlen-Dokumente zeigen systematische Beeinflussung der Medien durch Auslandsgeheimdienst.

Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND führte in den fünfziger und sechziger Jahren wenigstens vier Quellen und Agenten innerhalb des Nachrichtenmagazins „DER SPIEGEL“. Das haben die Untersuchungen des Privatarchivs von Reinhardt Gehlen durch die Süddeutsche Zeitung ergeben.

Aus den Analysen der Akten lasse sich erkennen, „wie dieser sich in den Redaktionen deutscher und wohl auch ausländischer Medien ein Netzwerk willfähriger Schreiberlinge, Informanten und Denunzianten aufbaut und immer wieder zum Einsatz bringt, um Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Der SPIEGEL sei dabei „die wichtigste Verbindung“ gewesen, so die Autoren Uwe Ritzer und Willi Winkler: „Immer wieder rühmt sich Gehlens Dienst in seinen Berichten, wie viele Spiegel-Geschichten man gefüttert, umgeschrieben oder ganz verhindert habe.“

In den Dokumenten werden mindestens vier Verbindungen zum SPIEGEL behauptet – alle überzeugte Nazis. Dabei ist unter anderem von folgenden Personen auszugehen:

  • Hans Detlev Becker: SPIEGEL-Mitbegründer, wichtigster Redakteur und später Verlagsdirektor. Er war zeitweise als BND-Vize im Gespräch. 1954 schrieb er über Gehlen die Titelgeschichte „Des Kanzlers lieber General“. Becker war glühender Antikommunist, so rühmte er sich damit, dass es ihm als Funkaufklärer im Dritten Reich gelungen sei, die Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ zu enttarnen, deren wichtigste Mitglieder 1942 in Plötzensee hingerichtet wurden.
  • Hans Schmelz: Ehemaliger Wehrmachtsoffizier, zeitweilig in der BND-Vorgängerorganisation aktiv. 1962 war er zusammen mit Conny Ahlers einer der Autoren des Artikels „Bedingt abwehrbereit“, der zur „SPIEGEL-Affäre“ führte. Im Anschluss an den Artikel wurde das Nachrichtenmagazin wegen angeblichen Landesverrats von der Polizei durchsucht und tagelang besetzt. Dies führte zu massenhaften Protesten. Agierte er als Provokateur oder ging es darum, die Quelle zur Geschichte herauszufiltern?
  • Horst Mahnke: ehemaliger SS-Hauptsturmführer. Beim SPIEGEL zwischen 1951 und 1959. Mahnke wechselte 1960 zum Springer-Verlag. Dort spionierte er unter dem Decknamen „Klostermann“ für den BND.

Der SPIEGEL klagt seit Jahren auf die Herausgabe der Namen von BND-Quellen in seiner Zeitschrift. Doch der BND beruft sich auf „Quellen-Schutz“ – ein Anzeichen dafür, dass er weiterhin AgentInnen innerhalb des Blattes führt.

Gehlens Dokumente

Die Dokumente, die der Süddeutschen vorliegen, umfassen 100.000 bisher versteckt gehaltene Dokumente aus dem Privatarchiv des Nazis Reinhard Gehlen, der den deutschen Geheimdienstapparat nach dem zweiten Weltkrieg aufbaute.

Reinhard Gehlen hatte unter Hitler den faschistischen Auslandsgeheimdienst gegen die Sowjetunion („Fremde Heere Ost“) angeführt. Nach dem Krieg wurde er im Auftrag der CIA zum Chef des ersten deutschen Geheimdienstes (benannt nach ihm als „Organisation Gehlen“). Dieser wurde 1956 in „Bundesnachrichtendienst“ (BND) umgetauft, dessen Leiter er bis 1968 blieb.

Perspektive Online wird in den nächsten Tagen noch über weitere Enthüllungen aus Gehlens Archiven berichten.

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