Das Solidaritätsnetzwerk Cottbus veranstaltete eine Podiumsdiskussion zur Kita-Krise unter dem Titel „Was sind uns unsere Kinder wert?“ – Eine Reportage über verärgerte Eltern, überlastete Erzieher und quietschfidele Kinder von Emilia Zucker

Seit Jahren wird von einer kommenden Kita-Krise in Deutschland gesprochen. Und da ist sie! 293.000 Kita-Plätze fehlen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft bundesweit. Trotz des geltenden Rechtsanspruchs im Sozialgesetzbuch VIII ist es für Eltern immer schwieriger, einen Kita- oder Krippenplatz zu finden, ohne immense Wartezeiten auf Listen verbringen zu müssen. Die Anforderungen an die ErzieherInnen steigen: Inklusion, Migration, der gesetzlich vorgeschriebene Bildungsauftrag, die pädagogische Konzeption und vor allem der eigene Anspruch. Aber wie sollen die ErzieherInnen diesem Anspruch noch gerecht werden, bei diesen Bedingungen? Bildungsforscher sprechen zudem von circa 300.000 fehlenden ErzieherInnen bis 2025.

Für ErzieherInnen ist der Druck jedoch jetzt schon stark zu spüren. Die Betreuungsschlüssel werden bereits jetzt kaum eingehalten, immer mehr Kinder kommen hinzu. Die Lautstärkebelastung steigt stetig. Ebenso die tägliche Herausforderung, auf jedes Kind individuell einzugehen, trotz der gesellschaftlichen Entwicklung, die auch für Kinder zunehmend geprägt ist von psychischer Belastung und Verhaltensauffälligkeiten. Aber auch den Erwartungen und Wünschen der Eltern gerecht zu werden und vieles mehr. All diese Faktoren sind auf Dauer psychisch und physisch nur schwer auszuhalten. Umso mehr sind die steigenden Zahlen von psychischen Erkrankungen und Burnout im Beruf des/r ErzieherIn nachvollziehbar.

Doch besonders in Brandenburg sind die Zahlen alarmierend. In Cottbus werden die gesetzlich vorgeschriebenen Personalschlüssel oft nicht eingehalten. Eher liegen sie bei zwei oder mehr Kindern pro ErzieherIn im Schnitt. Diesen Entwicklungen hat sich nun das „Solidaritätsnetzwerk Cottbus“ gewidmet mit der Veranstaltung „Was sind uns unsere Kinder wert?“. Es selbst hat unter sich viele ErzieherInnen und Eltern: „Der Druck, der bereits durch ErzieherInnen vor dem Landtag in Potsdam erzeugt wurde, muss aufrecht erhalten werden. Wir müssen uns zusammenschließen! Besonders die ErzieherInnen sind in einer günstigen Schlüsselposition, die sie nutzen sollten. Ohne sie läuft nämlich gar nichts!“, so ein Mitglied des Cottbuser Solidaritätsnetzwerks.

Auf der Veranstaltung wurde über die aktuelle Situation in Kitas aus mehreren Perspektiven gesprochen. Auf dem Podium wurde z.B. dargestellt, dass das Jugendamt für Eltern einen Anspruch auf Betreuungszeiten von bis zu 10 Stunden ermittelt. Das bedeutet, dass auch die Kita-Verträge für diesen Zeitraum abgeschlossen werden. Jedoch werden die Träger von Kommune, Land und Bund nur für 7,5h bezahlt. Mit dem vorhandenen, für 7,5h finanzierten Personal, müssen nun also 10 Stunden abgedeckt werden. Dies bedeutet für die meist in Teilzeit angestellten ArbeitnehmerInnen massive Überstunden – Überstunden, die nicht nur für die unmittelbare pädagogische Arbeit am Kind benötigt werden, sondern auch für Tätigkeiten „hinter den Kulissen“: Aufgaben wie z.B. die Beobachtungen um die Entwicklungsstände der Kinder anzustellen oder die wunderschönen, bunt ausgemalten und qualitativ hochwertigen Portfolios über die Entwicklung der Kinder zu dokumentieren, die Vorbereitungen der tagtäglichen Aktivitäten mit den Kindern, Elterngespräche, Teamsitzungen, …
Alles in erstklassiger Qualität versteht sich. Jedoch sind diese Tätigkeiten, die sogenannte „Fachkraft-Kind-Relation“, gar nicht in den aktuellen Betreuungsschlüsseln berücksichtigt worden. Auch dies führt zunehmend zu starken Überlastungen des Personals.

Auf Grund der Nichteinhaltung des gesetzlich vorgeschriebenen Betreuungsschlüssels und dieser stetigen Belastung hat sich nun vor einigen Monaten der soziale Träger „Fröbel“ beim Ministerium für Bildung selbst angezeigt und für mediales Aufsehen gesorgt. ArbeitnehmerInnenvertretungen, Betriebsräte, ErzieherInnen und Eltern organisierten sich und zeigten Protest vor dem Brandenburger Landtag in Potsdam. Auch die Auswirkungen dieser Proteste wurde ein Thema der folgenden Diskussion.

Denn neben der Podiumsdiskussion fand eine offene Diskussionsrunde statt. Im Publikum saßen nicht nur ErzieherInnen und Eltern, auch BetriebsrätInnen und Kita-LeiterInnen traten alle gemeinsam mit dem Solidaritätsnetzwerk Cottbus in Austausch. Der Leiter einer Cottbuser Kindertagesstätte berichtet beispielsweise davon, wie schwer es sei, Eltern zu überzeugen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Eine andere Rednerin klagt, sie sehe qualitative Unterschiede zwischen den jüngeren und den erfahreneren KollegInnen. Worauf eine junge Frau, auch Mitglied des Cottbuser Solidaritätsnetzwerks, vom Podium aus ihrer Perspektive antwortet: „ Natürlich gibt es auf Grund der fehlenden Erfahrungen bei jüngeren ErzieherInnen Unterschiede im pädagogischen Alltag, jedoch muss man auch berücksichtigen, dass die Ausbildung, die sie genossen haben, vielleicht qualitativ nicht die Beste ist. Dies liegt doch aber nicht an den KollegInnen selbst! Doch egal, worin die Ursache besteht, wichtig ist auch hier: ErzieherInnen dürfen sich durch den anspruchsvollen und anstrengenden Berufsalltag nicht spalten lassen, sondern müssen zusammenhalten und voneinander lernen. Nur so kann es funktionieren.“

Die Diskussion ist sehr ausgewogen, viele TeilnehmerInnen leisten Redebeiträge, zeigen Interesse und tauschen sich aus.

„Das Geld ist vorhanden. Aber wo fließt es hin, ist die Frage? Wir müssen uns diese Gelder einfordern. Eben durch unsere gemeinsame Stärke. Solidarität! Dies steht den Kindern zu. Also müssen wir gemeinsam kämpfen, mit Eltern, Kindern und ErzieherInnen, und den Druck erhöhen“, überzeugt ein junger, zweifacher Vater vom Podium, der selbst jahrelang als Erzieher gearbeitet hat und nun ein Studium aufgenommen hat, da auch er den Bedingungen im Erzieher-Alltag so nicht mehr Stand halten konnte.

Klar ist es wohl allen TeilnehmerInnen nach dieser Veranstaltung, doch fasst die Podiumssprecherin es in Worte: „Kinder sind unsere Zukunft! Wir müssen gemeinsam etwas tun! So geht es nicht weiter.“ Ob sie Recht behalten wird, und in welcher Form sich Proteste entwickeln werden, bleibt offen – klar ist aber, dies war nur der Anfang!