Seit Monaten protestieren die Arbeiter:innen des  Dienstleistungsunternehmens „WISAG“ am Frankfurter Flughafen gegen Entlassungen und Outsourcing. Im Interview berichten Ertulug Kurnaz und Habip Bektas von den seit Monaten laufenden Protesten der Arbeiter:innen am Frankfurter Flughafen.

Nach einem Jahr Kurzarbeit hat die WISAG Ende 2020 zu Weihnachten 230 Bodenarbeiter:innen entlassen und durch Leiharbeiter:innen ersetzt. Zudem wurde 30 Busfahrer:innen, die sich der Versetzung in eine neue Tochter-GmbH verweigert hatten, sechs Monate lang der Lohn vorenthalten. Wie sieht die Situation aktuell aus?

Ertulug: Die Lage momentan sieht so aus, dass immer noch keine Gelder ausgezahlt wurden und die Gerichtsverhandlungen ausstehen. Die Arbeiter:innen warten momentan auf ihre Prozesse, die im Juli 2021 dann stattfinden sollen.

Habip: Es handelt sich jedoch faktisch nicht um eine Tochter-GmbH, sondern um Outsourcing, also eine andere Firma. Es ist also keine Tochter-GmbH der WISAG und zudem auch nicht tarifgebunden. Das heißt: ich muss zu schlechteren Konditionen bei einer anderen Firma arbeiten. Und da müsste man eigentlich das Recht haben, widersprechen zu können. Das haben die Busfahrer auch getan, jedoch ist die Konzernspitze der Boss und sie können mit ihren Löhnen spielen, wie sie wollen. Sie zerstören Existenzen. Ohne Geld kann ich meine Miete nicht zahlen und meinen Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren.

In den vergangenen Monaten habt ihr mit einer ganzen Reihe von Aktionsformen gegen die Entlassungen protestiert. Kannst du kurz von euren Protesten berichten und sagen wie die WISAG darauf reagiert hat?

Habip: Zu unseren Protesten können wir sagen, dass wir bis heute weiter kämpfen und es weiterhin tun werden. Bisher haben wir von der Konzernspitze auch noch nichts gehört. Wir haben sie auch eingeladen zu einem Gespräch. Wir wurden weder gehört noch ernst genommen. Daher haben wir keine anderen Möglichkeiten, als unsere Proteste zu verstärken und noch lauter zu werden. Jeden Donnerstag von 11 bis 13 Uhr werden wir diese auch am Frankfurter Flughafen weiterhin durchführen.

Zu einer eurer Aktionsformen gehörte auch das Ablegen eines Trauerkranzes vor der ver.di-Zentrale in Frankfurt. Was wolltet ihr damit ausdrücken und welche Rolle spielt die Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL) hier?

Habip: Die ver.di-Spitze wurde von unserer Seite mehrmals eingeladen, sich an den Protesten zu beteiligen. Sie sind zu keiner Demo oder Kundgebung erschienen. Auch die Vorschläge, einen Dialog aufzubauen, wurde von ihrer Seite abgelehnt. Letztendlich hat kein Dialog zwischen uns und der ver.di-Spitze stattgefunden. Als ich bei dem Vertreter damals angerufen habe und mich erkundigte, ob sie überhaupt von den Entlassungen Bescheid wüssten, kam die Gegenfrage: Welche Kündigungen? Ich musste ihnen anschließend erklären, dass 230 WISAG-Mitarbeiter:innen gekündigt wurden.

Die „IGL“ sind wir. Die Gewerkschaft lässt uns den Freiraum, selbst zu entscheiden und unterstützt die Proteste. Sie klären uns über die Dinge auf und informieren uns. Die IGL hat uns zur IGL gemacht. Das heißt wir, die Arbeiter:innen, sind die IGL. Wir sind es, die die Demos und Kundgebungen organisieren, die IGL organisiert die Demonstrationen nicht für uns. Es liegt in unserer Hand und Kraft, den Kontakt zu anderen Firmen aufzubauen und sich zu vernetzen. Wir verstecken uns nicht hinter der IGL.

Wie wird euer Widerstand gegen die Entlassungen und Ausgliederungen in den nächsten Wochen weitergehen? Wie kann man euch dabei unterstützen?

Habip: Als Außenstehende wäre das Sinnvollste uns zu unterstützen mit Menschen, weiteren Arbeiter:innen ganz besonders. Je mehr Arbeiter:innen sich vernetzen können, desto stärker und lauter können wir sprechen.

Ertulug: Unser Anliegen ist auch nicht heute erst entstanden und endet heute nicht. Es fand ein langjähriger Prozess statt, wo diese Sachen geplant und durchgeführt wurden. In dem Sinne müssen sich die Arbeiter:innen wieder zusammenschließen. Sie müssen sich bewusst werden, dass sie auch Rechte besitzen. Das muss ihnen bewusst gemacht werden. Dementsprechend müssen wir handeln und zusammenkommen, um uns endlich Gehör zu verschaffen. Letztendlich gilt das nicht nur für heute, morgen oder übermorgen, sondern für die kommende Generation. Wir stecken unsere Kraft heute hier rein, um die Zukunft der kommenden Generationen zu sichern. Ganz besonders ist da die Masse gefragt. Je mehr Menschen wir für diese Proteste gewinnen, je mehr Arbeiter:innen sich uns anschließen, desto stärker können wir insgesamt werden.


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