Die Lage von migrantischen Arbeiter:innen ist weltweit katastrophal. In Deutschland müssen während der Spargelsaison die Arbeiter:innen auf engstem Raum leben. In Katar sterben die migrantischen Arbeiter:innen aufgrund des fehlenden Arbeitsschutzes. In Italien müssen sie in Baracken wohnen. Vor kurzem wurde sogar auf sie geschossen.

Südlich der Alpen arbeiten häufig Menschen aus Bulgarien, Rümanien, Indien und verschiedenen afrikanischen Ländern in der Landarbeit. Sie nennen sich selbst „Invisibli“ (dt. „Die Unsichtbaren“). Die Lebensbedingungen sind menschenunwürdig. In vermüllten Lagern müssen die Menschen ihren Alltag bewältigen. Baracken oder Zelte müssen sie ihr Zuhause nennen. Häufig gibt es kein geregelte Stromversorgung, er wird durch Stromaggregate generiert. Das wiederum bedeutet, dass Benzin organisiert werden muss – ein teures Gut. Diese menschenunwürdigen Bedingungen werden häufig als „moderne Sklaverei“ bezeichnet und sind nicht nur im Süden von Italien zu finden. Vor ein paar Monaten flog ein italienischer Großgrundbesitzer auf, als er zehn Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen beschäftigte.

Ähnlich wie zur deutschen Spargelernte werden „die Unsichtbaren“ nicht das ganze Jahr über beschäftigt. Um die 50 Tage im Jahr werden circa 300.000 Menschen zur Erntezeit angestellt. Sie erhalten nach einer zwölf- bis fünfzehnstündigen Arbeit zwischen 20 bis 30 Euro Tageslohn. Frauen erhalten 20% weniger. Mit ihrer Arbeitskraft wurden in den Jahren 2014-2020 bis zu 37,4 Milliarden Euro in den Supermärkten und auf offenen Märkten erwirtschaftet.

Die Anwerbung und Ausbeutung wird in Italien „caporalato“ genannt. Linke Parteien und Gewerkschaften versuchen dagegen vorzugehen. Allerdings helfen die vielen Gesetze den illegal und damit erpressbaren Arbeitenden nicht. Das ganze System von der Anwerbung bis zum Verkauf wird „Agro-Mafia“ genannt.

Auf den Feldern und Plantagen müssen die Arbeiter:innen bis zu 50 Kilo schwere Kisten tragen. Rückenprobleme sind bei diesen Arbeitsbedingungen die häufigste Folge. In besonders schweren Fällen müssen die Arbeitenden direkt ins Krankenhaus transportiert werden. Auch das Corona-Virus macht natürlich nicht vor den prekären Arbeiter:innen halt. Viele von ihnen haben Angst vor dem Virus. Hinzu kommt, dass sie bei einem positiven Test nicht mehr arbeiten dürfen. Das wiederum streicht ihnen das Einkommen.

Streik der Unsichtbaren

Das hochwertige Benzin aus den Stromgeneratoren ist bei alldem für Kleinkriminelle ein guter Nebenverdienst. Teilweise müssen die Arbeiter:innen diese Kleinkriminellen in die Flucht schlagen, um weiterhin Strom zu erhalten. Ebenso werden die schnell brennbaren Baracken angezündet. Vor Kurzem sind sogar Schüsse gefallen. Die Hintergründe sind weiterhin unklar. Die mafiösen Strukturen der `Ndrangheta verdienen eine Menge an dieser modernen Sklavenhaltung und haben dementsprechend ein hohes Interesse an aus ihrer Sicht möglichst „billigen“ Arbeits- und Lebensbedingungen der „Unsichtbaren“.

Doch es regt sich auch Widerstand gegen diese Zustände. Am 18. Mai soll es einen zentralen Streik geben. So berichtet Aboubakar Soumahoro von der „Arbeiterliga“ (Lega Braccanti): „Kommt ihr doch her und erntet den Spargel, die Tomaten und die Wassermelonen. Jetzt reicht es! Schluss mit diesen Überfällen, Schluss mit der Sklavenhaltung“.

In einem Video beschreibt er die Situation sehr drastisch: „Es wird ein Tag des Kampfes für diejenigen sein, die durch das Gewicht der Ausbeutung von Arbeitskräften und dem Joch der existenziellen Prekarität, was durch ein entmenschlichendes System hervorgerufen wird, das auf dem Geist der Gier basiert, niedergeschlagen wird. Es ist an der Zeit zu entscheiden, mit wem man sich auf die Seite stellt: entweder für Arbeiter und prekäre Arbeiter oder für Unteroffiziere und Ausbeuter.“


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