Cem hat dieses Jahr mit uns seine Ausbildung als Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik begonnen. Seit über drei Jahren lebte er in Deutschland. Nicht unbeschwert. Die Ausbildung sollte seinen Aufenthalt garantieren. Gestattet wurde ihm der Besuch der Berufsschule in Gelnhausen (Hessen) vom staatlichen Schulamt erst Anfang Oktober. – Nun melden wir Mitschüler:innen uns mit diesem Artikel zu Wort und fordern seine Rückkehr nach Deutschland.

Alles schien geklärt zu sein. Selbst für Cem, der darüber sprach, als ob das Ganze sein schlimmster Alptraum gewesen war, der nun vorbei ist. – Nun ist er weg, zurück in der Türkei. Seine Lebensgeschichte hat viele von uns Mitschüler:innen berührt.
Als wir am Montag morgen in die Klasse kamen, vielleicht ein wenig verschlafen, fiel uns auf, dass noch nicht alle anwesend waren. Der erste Gedanke in so einem Moment ist vielleicht, dass einige nur zu spät kommen oder sich krank gemeldet haben. Aber dass einer unserer Mitschüler abgeschoben wurde, daran hat niemand gedacht.
Cem kam am ersten Berufsschultag pünktlich wie alle anderen in den Raum. Keine:r kannte irgendwen, jede:r war angespannt, doch Cem versuchte sofort, die Situation aufzulockern. Bevor der Unterricht begann, stellte sich der junge Mann, mit Sakko bekleidet, aufrecht vor uns Schüler:innen hin und stellte sich vor. Wer er sei, woher er komme und wie sehr er sich freue, mit uns in die Ausbildungszeit starten zu dürfen. Seine Ausstrahlung und seine Zielstrebigkeit beeindruckten viele Klassenkamerad:innen sofort, und wir alle wurden schnell Freund:innen.
Täglich grüßte Cem jeden von uns mit einem freundlichen und individuellen „Guten Morgen“, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, ohne dass es einen wirklichen Grund dafür gab. Seine stets gute Laune begründete er damit, dass er einfach glücklich sei hier zu sein, einen Ausbildungsplatz zu haben, neue Freund:innen während der Pandemie gefunden zu haben. Generell, dass er sich nicht mehr fürchten müsse.
Mit einem der Mitschüler wollte Cem an einem der wenigen Berufsschultage Schach spielen, hatte sich mit anderen sogar zum Wandern verabredet, trank mit dem ein oder anderen einen Kaffee und war eine sehr aufgeschlossene Person. Ein Mensch, dem man trotz Sprachbarrieren gerne zuhörte. Der Deutschkurs, den er an einer Universität begonnen hatte, wurde ihm nach zwei Monaten pandemiebedingt gestrichen. Während dem Unterricht, in der Berufsschule, schrieb er fleißig Vokabeln auf, die er nicht verstanden hatte, übersetzte sie und übte sie zuhause.
Cem sagte uns, dass wir immer weiter machen sollten, auch wenn in unserem Leben noch viele Türen vor uns zufallen. Er sagte, es würde sich immer eine neue öffnen, durch die wir gehen müssen. So, wie es bis heute bei ihm stets der Fall war.
In der Türkei hatte er begonnen Geophysik zu studieren. Als Kurde hatte er dort sein Türkisch erst mit dem Beginn der Universität anwenden und verbessern müssen. Er erzählte, dass er das Leben in der Türkei sehr schwer fand und aufgrund der politischen Situation dort das Studium abbrechen und nach Deutschland kommen musste. Nun wurde Cem quasi über Nacht wieder in die Türkei angeschoben.
Wir fordern einen sofortigen Abschiebungsstopp und die Rückkehr unseres Mitschülers! Wir verurteilen die stille und willkürliche Abschiebung der Abschiebebehörden und der Polizei, welche die Zukunft von unzähligen Migrant:innen zerstören und die Menschen ganz offen in die Arme der Tyrannei schicken, vor der sie geflohen sind. Cem muss sofort wieder nach Deutschland zurück gebracht werden und seine Ausbildung mit uns fortsetzen können!

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