Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat in diesem Herbst mehr als tausend junge Menschen im Alter von 14 bis 21 Jahren über deren Zukunftsaussichten befragt. Die Antworten zeigen eine große Frustration mit dem Bildungs- und Gesellschaftssystem. – Ein Kommentar von Ahmad Al-Balah.

Bereits seit 2015 beobachtet Forsa im Auftrag der Initiative „Tag der Bildung“ das Meinungsbild junger Menschen zur Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem. Es zeichnet sich im Laufe der Jahre ein deutlicher Negativtrend ab: Junge Frauen und Männer bewerten die Bildungschancen in Deutschland von Jahr zu Jahr schlechter. In diesem Jahr erreicht dieser Wert einen neuen Tiefpunkt, wie die Mitte November veröffentlichte Studie von Forsa zeigt. Eine deutliche Mehrheit der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen findet, dass die Chancen auf gute Bildung in Deutschland von der sozialen Klasse abhängen.

Tatsächlich belegen auch andere Studien immer wieder, dass der Schulerfolg stark davon beeinflusst ist, aus welcher sozialen Klasse die Eltern stammen, denn in diese werden dann eben auch die Kinder sozusagen hineingeboren.

Wie die staatliche Institution Schule uns spaltet

Neben der sozialen Klasse hängen Bildung und Zukunftsperspektive natürlich auch davon ab, wie der Staat das Schulsystem gestaltet. In Deutschland haben wir ein besonders spalterisches Schulsystem, in dem Schüler:innen bereits nach der 4. oder der 6. Klasse entweder auf das Gymnasium oder eine Real-, -Haupt oder Sonderschule aufgeteilt werden.

Im kapitalistischen Wirtschaftssystem Deutschlands dient dies dazu, uns und unseren Lebenslauf bereits in jungen Jahren nach den wirtschaftlichen Interessen der Kapitalist:innenklasse auszurichten. Wir werden als bloße Arbeitskräfte betrachtet – und da benötigt es eben zum einen Fachkräfte und Spezialist:innen, zum anderen aber auch Hilfsarbeiter:innen, welche die “schlechten” Jobs für wenig Geld machen. Dementsprechend sehen auch die Schulen von heute aus.

“Eigene Motivation”?

Fast alle Befragten sind sich laut der neuen Studie zudem einig darüber, dass eine gute Bildung stark abhängt von der Qualität der jeweiligen Schule und der Lehrkräfte, der Unterstützung durch die Eltern – und „der eigenen Motivation eines Kindes“.

Hier darf aber nicht der Fehler gemacht werden, diese „eigene Motivation“ auf das Individuum, die einzelne Schülerin oder den Schüler abzuwälzen. Natürlich gibt es grundlegende Unterschiede zwischen den Schüler:innen, wie aktiv diese sich am Unterricht beteiligen, Hausaufgaben machen oder für Klausuren lernen. Ein gerechtes Bildungssystem würde jedoch daran arbeiten, dies davon unabhängig zu machen, wo Kinder “zu Hause” Unterstützung durch Eltern oder Nachhilfe erhalten, sondern organisieren, dass der:die Einzelne eben nicht allein gelassen wird – wie es das System derzeit tut.

Dementsprechend sieht die große Mehrheit richtigerweise einen starken Einfluss im jeweiligen sozialen Umfeld. Fast 80% glauben, dass sich ihr Freundeskreis stark auf ihre jeweiligen Bildungschancen auswirkt oder ausgewirkt hat. Diese Einschätzung ist im Laufe der Jahre gestiegen, wie die Forsa-Analysten mitteilen.

Unzufriedenheit mit dem Schulsystem wird immer deutlicher

Gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der jungen Menschen sieht zudem die Schule als Einrichtung, in der ihnen nützliches Wissen vermittelt wird, was sie auch außerhalb der Schule anwenden können. Dabei haben nicht zuletzt die Proteste der Schüler:inneninitiative „Fridays For Future“ gezeigt, dass sich die junge Generation über gesellschaftliche Probleme durchaus bewusst ist.

Viele Schüler:innen, deren Eltern als Arbeiter:innen in Deutschland ausgebeutet werden – von denen manche sogar aus anderen Ländern flüchten mussten – würden in der Schule gern die Gründe für diese gesellschaftlichen Missstände erfahren. Inwiefern die deutsche Regierung und Unternehmen an Krieg, Krisen und Umweltzerstörung schuld ist, steht jedoch natürlich nicht im Stundenplan.

Mehr als zwei Drittel der Befragten sagen zudem, dass sie mit der Schule vor allem Stress und Leistungsdruck verbinden. Bildungsforscher:innen sind sich einig, dass die Corona-Pandemie psychische Probleme weiter verschärft hat. Ein lähmender Gemütszustand, Antriebslosigkeit, Abgeschiedenheit – all das sind Symptome, die dieser Generation besonders zusetzen.

Der Jugend stärkste Waffe ist die Hoffnung

Auch wenn die Mehrheit der jungen Menschen viele Schwächen im Bildungssystem sieht, trübt das offenbar nicht ihren Optimismus für ihre berufliche Zukunft. Mehr als 80 Prozent sehen ihrer Zukunft positiv entgegen. Zudem bleibt für die meisten Befragten die Schule ein wichtiger sozialer, gemeinschaftlicher Ort, an dem sich ausgetauscht wird und Freundschaften gebildet werden.

Wie junge Menschen allgemein die gesellschaftliche Zukunft bewerten, wurde bei Forsa jedoch nicht erfragt. Hier hatte aber im April eine Umfrage unter 14-24 Jährigen ergeben, dass nur 8 Prozent davon ausgehen, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden als sie selbst, 58 Prozent sehen eher eine Verschlechterung, und 28 Prozent sagen “weder besser noch schlechter”.

Dass diese Einschätzungen auch immer wieder in Proteste umschlagen können, haben die jüngsten FridaysforFuture-Aktionen oder auch verschiedene Wellen von Schul- und Bildungsstreik-Bewegungen gezeigt.

  • Ahmad Al-Balah ist Perspektive-Autor seit 2022. Er lebt und schreibt von Berlin aus. Dort arbeitet Ahmad bei einer NGO, hier schreibt er zu Antifaschismus, den Hintergründen von Imperialismus und dem Klassenkampf in Deutschland. Ahmad ist in seiner Stadt als ewiges Fußballtalent bekannt.


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