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Samstag, Juli 13, 2024
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    Interview: Flink-Filiale schließt drei Tage vor Betriebsratswahl

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    Aenne: Bei Flink ist die Belegschaft in zwei Gruppen eingeteilt – die „Picker“, die die bestellte Ware vorbereiten und die „Rider“, die die fertigen Tüten zu den Kund:innen liefern. Wir haben beide als Rider gearbeitet.

    Die Schichten beginnen mit dem Einstempeln in unserem „Hub“ – also das Lager, von dem aus wir arbeiteten. Früher hatten wir für das Einstempeln einen Zeitraum von fünf Minuten, inzwischen wurde dieser auf eine Minute gekürzt. Anschließend haben wir ein paar Minuten Zeit, um uns ein Fahrrad zu mieten und uns für die Schicht fertig zu machen.

    Die einzelnen Fahrten werden einem über eine App zugeteilt. Sowohl bei der Vorbereitung der Schicht, als auch bei der Zuteilung der Fahrten läuft in der App ein Countdown ab. Bei jeder Fahrt werden einem ein bis drei Bestellungen zugeteilt, die man anschließend ausfährt. Dabei werden die Zeiten, die man für den Weg zu den Kund:innen, die Übergabe und den Rückweg braucht, aufgezeichnet und verfolgt. Dieser Vorgang wird dann bis zum Ende der Schicht wiederholt.

    Da wir meistens kürzere Schichten bekommen und erst bei 8-Stunden-Schichten einen Pausenanspruch haben, gibt es so gut wie keine Pausen. Nur wenn wenige Bestellungen reinkommen, kann man sich zwischendurch kurz hinsetzen, das kam in den letzten Monaten allerdings sehr selten vor. Insgesamt nehmen das Wissen über die konstante Kontrolle und der Zeitdruck eine große Rolle im Arbeitsalltag ein.

    Die Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten sind oft sehr schlecht. Was wolltet ihr mit der Gründung eines Betriebsrats bewirken?

    Jim: Die Bedingungen in Flink waren nicht so schlimm, wie man sich das vorstellen könnte. Vor allem als Rider ist es an sich ein schöner Job, besonders im Sommer. Allerdings hatte man oft den Eindruck, dass unsere Managerin unter großem Druck von oben stand, ständig Höchstleistungen zu erbringen.

    Vielleicht haben sie und die Schichtleiter:innen um sie herum deshalb das geschaffen, was einige Kolleg:innen als toxische Arbeitskultur bezeichnet haben: Die Picker wurden schikaniert und aufgefordert, schneller zu arbeiten. Hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland (Wirtschaftswissenschaftler, Wissenschaftler, Ingenieure usw.), die nach Deutschland gekommen waren, um einen höheren Abschluss zu machen, und die bei Flink arbeiten mussten, um über die Runden zu kommen, fühlten sich durch das Mikromanagement wie Kinder behandelt.

    Einige hatten das Gefühl, dass Flink das deutsche Arbeitsrecht bis an seine Grenzen ausreizt oder sie sogar überschreitet und sich so viel herausnimmt, wie es nur geht. Automatisierte Entlassungen und willkürliche Schichtwechsel 24 Stunden vor Schichtbeginn wurden von der Chefin mitunter mit Gleichgültigkeit quittiert – zumindest, wenn man nicht zu ihren Lieblingen gehörte, d.h. wenn man sich nicht besonders bemühte, ihr, wie ein Kollege es ausdrückte, “Honig ums Maul zu schmieren”.

    Es gab also ein grundlegendes Machtungleichgewicht zwischen der Geschäftsleitung und den Ridern/Pickern, das die Arbeit bei Flink für einige sehr unangenehm machte. Wir wollten mit dem Betriebsrat gegen die Willkür des Managements vorgehen und die Arbeitsbedingungen demokratisch ausgestalten.

    Jim: Wir – die Haupt-Organisator:innen der Betriebsratswahl in Freiburg – hatten ein paar Gespräche mit einigen der Leute, die letztes Jahr versucht haben, einen Betriebsrat bei Flink in Berlin zu gründen. Sie sprachen darüber, wie sie Zielscheibe von Mobbing waren und wie sie durch die Geschäftsleitung von ihren Kolleg:innen isoliert wurden.

    Wir gingen also mit einigem Zögern an die Sache heran – obwohl unsere Kolleg:innen in Berlin uns ermutigten. Es vergingen Monate, bis wir uns entschlossen, den Schritt zu wagen und unsere Absicht zu erklären, den Betriebsrat zu gründen. Wir haben viele Gespräche mit Kolleg:innen geführt, die sehr daran interessiert waren, uns bei der Organisation zu helfen. Aber oft machten sie einen Rückzieher aus Angst vor Repressalien von Flink, da wir sie immer über die Vorgänge in Berlin informierten. Viele Kolleg:innen hatten Angst, dass, wenn sie bei der Organisation helfen und deswegen entlassen werden, dies nicht nur ihre unmittelbare Fähigkeit, die Miete zu zahlen, beeinträchtigen würde, sondern auch ihren Visa-Status und/oder ihre zukünftigen Beschäftigungsmöglichkeiten in Deutschland.

    Aber nachdem wir uns entschieden hatten, weiterzumachen, versuchten wir, so viele unserer Kolleg:innen wie möglich über die Vorteile eines Betriebsrats zu informieren. Wir wollten nicht, dass die Abstimmung scheitert oder dass Flink uns isoliert. Wir waren der Meinung, dass wir damit nur uns selbst in Gefahr bringen würden, da zwei von uns die eindeutigen Initiator:innen waren. Wir dachten, wenn wir alles genau nach Vorschrift machten, hätte Flink keine Chance, uns wegen irgendeines kleinen Fehlers im Prozess zu verklagen. Aenne hatte sich frühzeitig mit einer Anwältin in Verbindung gesetzt, und wir standen in ständigem Kontakt mit ihr.

    Alles ist viel besser gelaufen, als wir erwartet hatten. Die Unterstützung für die Betriebsratsinitiative durch unsere Kolleg:innen war absolut überwältigend. Auf der Betriebsversammlung gab es zwar Momente der Spannung und Meinungsverschiedenheiten – wie es sich für einen demokratischen Prozess gehört – aber es herrschte eine Aufbruchstimmung, ein Gefühl der Hoffnung und der Ermächtigung. Es herrschte der Glaube daran, dass wir gemeinsam tatsächlich etwas verändern können. Dass wir nicht die wegwerfbaren, gefügigen Körper sein müssen, die Flink in uns sehen will. Ich hatte das Gefühl, dass dies eine der wichtigsten, wenn nicht sogar die wichtigste Sache war, die ich je in meinem Leben getan hatte.

    Es schien soweit alles glatt zu laufen. Was ist dann passiert?

    Jim: Nachdem die Wahl bei der Versammlung mit 24 von 36 Stimmen erfolgreich und der Weg für die Betriebsratswahl frei war, freuten wir uns auf die Wahl, die am Montag, den 16. Oktober, stattfinden sollte. Wir diskutierten im Hub täglich darüber, was der Betriebsrat tun würde. Es herrschte eine Gemeinschaft im Hub, die es vorher aufgrund des von Aenne erwähnten Zeitstress’ nicht so stark gab.

    Am Freitagmorgen schauten wir dann in unsere Briefkästen und alles war vorbei. Wir hatten die Mitteilung bekommen, dass der Hub in Freiburg schließt und über 50 Arbeiter:innen mit sofortiger Wirkung unwiderruflich freigestellt sind.

    Wie reagierte die Filialleitung?

    Aenne: Die gesamte Kommunikation während der Betriebsratsgründung lief über den Regionalmanager, wir hatten dementsprechend wenig Kontakt zu unserer Hub-Managerin. Von anderen Kolleg:innen haben wir allerdings erfahren, dass die Hub-Managerin in der Woche vor der Betriebsversammlung, in der über die Gründung eines Betriebsrats abgestimmt wurde, mit vielen Leuten geredet und diese über die Auswirkungen eines Betriebsrats informiert hat. Leider „vergaß“ sie hierbei die positiven Auswirkungen zu erwähnen.

    Jim: Nach der Betriebsversammlung erfuhren wir durch einen Kollegen (ein Schichtleiter, der der Managerin nahe stand), dass die Hub-Managerin sehr wütend auf uns persönlich war. Sie empfand unseren Vorstoß zur Gründung des Betriebsrats als persönlichen Affront. Sie dachte, so sagte uns unser Kollege am Donnerstag, dass die Betriebsratsgründung ein Spiel sei, das wir gewonnen hätten.

    Als ich sie am Freitag, den 13. Oktober, nach der Information über die Schließung des Hubs sah, schien ihr ganzer Zorn verflogen zu sein. Sie schien in einem Zustand großen Schocks zu sein. Ich fragte sowohl sie als auch den Regionalmanager, wann sie zum ersten Mal von der Schließung des Hub erfahren hätten. Während der Regionalmanager die offiziellen Zeilen wiederholte, sagte sie untypisch leise: “Glaubst du wirklich, dass ich davon wusste?” Am Ende haben wir uns versöhnt. Denn wir alle bei Flink Freiburg – unsere Managerin eingeschlossen – waren für das Unternehmen wie Einweg-Kaffeebecher, die man benutzt und dann wegwirft.

    Kannst du die Begründung des Regionalmanagements zur Schließung der Freiburger Filiale nachvollziehen?

    Aenne: Nein. Das Management begründet die Schließung damit, dass das Hub in Freiburg wirtschaftlich nicht mehr tragbar war. In den vergangenen Monaten wurde uns allerdings von mehreren Seiten immer wieder mitgeteilt, dass das Hub in Freiburg regelmäßig eins der besten deutschlandweit und als eins von wenigen Hubs profitabel sei.

    Uns hat außerdem überrascht, wie plötzlich die Schließung kam. Noch ein paar Wochen zuvor wurde das Hub aufwändig umgebaut, neue Leute wurden eingestellt und ein Kollege hat am 12. Oktober, also einen Tag vor der Schließung, einen Änderungsvertrag, der ab dem 01. November wirksam werden sollte, unterschrieben. Auch ein Schichtplan für die folgende Woche wurde Mittwochabend veröffentlicht. Diese Tatsachen passen für uns nicht mit der Begründung des Managements zusammen.

    Was ist eure Reaktion auf die Kündigungen und wie wollt ihr weiter vorgehen?

    Jim: Wir sind schockiert, traurig, wütend und enttäuscht. Es ist erschreckend, von einem Zustand der Ermächtigung – in dem man das Gefühl hat, dass man kollektiv Dinge verändert – zu einem Zustand zu gelangen, in dem man erkennt, dass man eigentlich fast völlig machtlos ist. Wir werden deshalb Klage erheben.

    Niemand wird überrascht sein, von einem weiteren Beispiel von „Union Busting“ zu hören. Auch wenn wir jetzt schockiert sind, werden wir, genau wie alle anderen, irgendwann weitermachen. Kapitalistische und ausbeuterische Firmen wie Flink gewinnen nicht immer, aber meistens schon. Und daran sind wir erinnert worden.

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