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Samstag, Juli 13, 2024
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    Sachsen: Asylsuchender stürzt sich bei Abschiebung in den Tod

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    Am Montagmorgen starb in Hainichen ein 33-Jähriger bei einer versuchten Abschiebung. Trotz der unhaltbaren Lebensverhältnisse in seinem Heimatland Nigeria hatte er kaum eine Perspektive auf Asyl. Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall.

    In Hainichen bei Chemnitz ist am frühen Montagmorgen ein 33-Jähriger nach einem Polizeibesuch von seinem Balkon im fünften Stock gesprungen. Der junge Migrant sollte an die Niederlande überstellt werden, wo ihm eine etwaige Abschiebung nach Nigeria drohte. Den Angaben der Polizei zufolge war er kurz vor dem Sturz dabei, seine persönlichen Sachen zu packen. Der Asylsuchende erlag jedoch trotz schneller medizinischer Versorgung noch am Unfallort seinen Verletzungen.

    Bereits im Februar flüchtete er nach Deutschland, nachdem in den Niederlanden sein erstes Asylverfahren drohte, abgelehnt zu werden. Auf der Grundlage des Dublin-III-Abkommens, das vorsieht, dass ein Asylantrag im Erstaufnahmeland der geflüchteten Person gestellt werden muss, sollte der 33- Jährige zurück in die Niederlande gebracht werden.

    Dort zerbricht die Regierung derzeit jedoch vollends an der Asylfrage. Bereits seit einiger Zeit wurden vermehrt Stimmen laut, die eine restriktivere Migrationspolitik forderten. Der einst vergleichsweise liberale Kurs des Landes in der Asylpolitik ist somit passé. Besonders Dublin III-Verfahren werden davon betroffen sein, wie ein verabschiedeter Notfallplan der niederländischen Regierung kürzlich offenbarte. Die Aussicht auf einen sicheren Ort wäre für den jungen Migranten mit großer Sicherheit erfolglos geblieben.

    Suizide und Suizidversuche bei Abschiebungen

    Der Vorfall vom vergangenen Montag in Hainichen ist nicht der einzige Suizid oder Suizidversuch, der sich im Zusammenhang mit Abschiebungen in den letzten Jahren in der BRD ereignet hat. Im September letzten Jahres sollte zum Beispiel der damals 26-jährige Mohammad K. aus Leipzig in den Jemen abgeschoben werden. Daraufhin verletzte sich der Palästinenser selbst so schwer, dass er in die Leipziger Uniklinik gebracht werden musste. Erst dort konnte sein gesundheitlicher Zustand wieder stabilisiert werden.

    Laut der Antirassistischen Initiative (ARI) haben die Fälle von Suiziden und Suizidversuchen im Zusammenhang mit Abschiebungen zugenommen. In den Jahren 1993 bis einschließlich 2022 töteten sich insgesamt 443 Geflüchtete angesichts ihrer drohenden Abschiebung, davon 88 Menschen in Abschiebehaft. „Die regelmäßigen Abschiebungen […] sorgen in der Öffentlichkeit kaum noch für Aufmerksamkeit. Für die Geflüchteten sind sie jedoch eine Quelle der Angst“, so die Initiatorin des ARI- Projekts, Elke Schmidt.

    Prekäre Lebensverhältnisse in Nigeria

    Grund dafür sei unter anderem die aussichtslose Lage in den Herkunftsländern der Geflüchteten. So zum Beispiel im Fall des jetzt Verstorbenen, denn in Nigeria herrschen bereits seit vielen Jahren unmenschliche Lebensbedingungen. Vor allem im Norden des Landes geht von der Terrororganisation „Boko Haram“ eine immense Bedrohung aus. Besonders im Zusammenhang mit Menschenhandel machte die Gruppierung in der jüngeren Vergangenheit auf sich aufmerksam. Erst vor kurzem kidnappten Mitglieder der Boko Haram über 276 Schülerinnen aus dem Ort Chibok. Darüberhinaus haben Schutzsuchende in Nigeria wenig Perspektiven – es gibt kaum Behörden oder Organisationen, die ihnen Sicherheit gewähren können.

    Doch nicht nur von paramilitärischen Kräften geht Gewalt gegenüber der Bevölkerung aus. Nahezu wöchentlich berichten Betroffene von gewaltsamen Übergriffen des nigerianischen Militärs. Unschuldige, teils minderjährige Personen, wurden von den Soldaten bereits verschleppt, gefoltert und missbraucht. „Anstatt die Bevölkerung in Nordnigeria vor den abscheulichen Taten von Boko Haram zu schützen, hat das nigerianische Militär das Leid von Kindern und Familien noch vergrößert“, so kürzlich eine Pressemitteilung der Nichtregierungsorganisation Amnesty International.

    Auch die Presse- und Meinungsfreiheit wird in Nigeria seit Jahren sukzessiv eingeschränkt. Medienschaffende, die über die prekäre Lage im Land aufklären wollen, werden systematisch eingeschüchtert, teilweise sogar inhaftiert und gefoltert. Proteste und Demonstrationen werden vermehrt gewaltsam niedergeschlagen. Erst im Oktober 2022 feuerte die Polizei Tränengas auf Athlet:innen mit Behinderungen, die gegen ihren Ausschluss vom Nationalen Sportfest protestierten.

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