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Donnerstag, Juli 25, 2024
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    Wirtschaftskrise: Explodiert die Schuldenbombe?

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    Der Preis für US-Staatsanleihen ist deutlich gefallen und hat am Dienstag eine symbolische Marke gerissen. Finanzexpert:innen sprechen schon von „Zerstörungsprozessen“ und einer drohenden „Zeitenwende“ für die Weltwirtschaft. Die globalen Staatsschulden haben nach mehreren Krisen und der Corona-Pandemie ein Allzeithoch erreicht. Was bedeutet das Ereignis und was sind die möglichen Folgen? – Ein Kommentar von Thomas Stark.

    Dies könnte die gefährlichste Zeit sein, die die Welt seit Jahrzehnten gesehen hat.“, sagte Jamie Dimon, Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase, kürzlich bei der Präsentation seiner Quartalszahlen. Dimon bezog sich dabei auf die „anhaltend angespannte Lage auf den Arbeitsmärkten sowie die extrem hohe Staatsverschuldung mit dem größten Haushaltsdefizit aller Zeiten in Friedenszeiten“. Diese Faktoren würden das Risiko erhöhen, dass die Inflation hoch bleibe und die Zinssätze weiter steigen. Hinzu kämen die noch nicht absehbaren Langzeitfolgen der derzeitigen Zinswende und die wirtschaftlichen Auswirkungen der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, etwa auf die Energie- und Lebensmittelmärkte, den Welthandel und die geopolitischen Beziehungen.

    Ein Schockmoment für die Finanzmärkte in der vergangenen Woche könnte Dimons düstere Prognose bestätigen: Die Rendite für US-amerikanische Staatsanleihen mit 10-jähriger Laufzeit stieg am Dienstag kurz über die symbolische Marke von 5 Prozent.

    Wirtschaftskrise: Geschenke an Unternehmen, die Arbeiter:innen sollen zahlen

    Was bedeutet das und warum sollte man sich dafür interessieren?

    Was technisch und langweilig klingt und angesichts der Flut bedrückender Nachrichten in dieser Woche vermutlich von kaum jemandem zur Kenntnis genommen wurde, hat es tatsächlich in sich: Amerikanische Staatsanleihen werden in einem aktuellen Handelsblatt-Leitartikel als das „Herz-Kreislauf-System“ der Weltfinanzmärkte beschrieben, also als der Markt, an dem sich viele andere Märkte orientieren.

    Warum ist das so? Staatsanleihen — also Schuldscheine von Staaten — spielen in der Finanzwelt die Rolle der sichersten Wertpapiere, zumindest sofern es um Staaten mit hoher Kreditwürdigkeit geht. Sie sind das, was Banken, Unternehmen, Staaten und Privatleute kaufen, wenn sie risikoreichere Papiere wie Aktien, Unternehmensanleihen, Derivate und ähnliches loswerden oder ihr Geldkapital sichern wollen. Die Sicherheit basiert auf der Annahme, dass man die Anleihen jederzeit schnell wieder verkaufen kann, also stets eine:n Käufer:in findet, und dass die Kurse der Anleihen stabil bleiben.

    US-Anleihen, und vor allem die mit zehnjähriger Laufzeit, sind unter den Staatsanleihen so etwas wie die Königsklasse. Der Markt für zehnjährige US-Staatsanleihen ist der größte Wertpapiermarkt der Welt. Hier findet man seit Jahrzehnten immer Käufer:innen, und die gesamte moderne Finanzwelt basiert mehr oder weniger auf der Annahme, dass das immer so bleiben wird — zumindest bis jetzt.

    Die gestiegene Rendite, also der gestiegene Ertrag der US-Anleihen bedeutet, dass ihr Preis auf den Finanzmärkten gefallen ist. Da die Zinsen auf den Anleihen fest sind — sie werden vom Staat vorgegeben — hängt der tatsächliche Ertrag vom Kaufpreis ab: Bei festem Zins erziele ich einen höheren Ertrag, wenn ich die Anleihe, die einen bestimmten Nennwert hat, zu einem geringeren Preis gekauft habe.

    Dass die Rendite für das wichtigste Wertpapier der Welt in kurzer Zeit gestiegen, also sein Preis in kurzer Zeit gefallen ist, bedeutet, dass das Angebot plötzlich höher ist als die Nachfrage — ein Zustand, der für diese Art von Wertpapieren nach der bisherigen Logik der Finanzmärkte eigentlich nicht vorkommen sollte. Die Preise für US-Anleihen sollen sich gerade nicht stark bewegen. Jetzt ist die Rendite von 3,4% im Mai auf 5% im Oktober gestiegen: „Dazwischen liegen für die sonst so trägen Anleihemärkte Welten“, schreibt das Handelsblatt. Etwas ähnliches ist zuletzt im Frühjahr 2020, nämlich während der heißen Phase der Corona-Pandemie, passiert.

    Betrachtet man die vergangenen drei Jahre, ist die Rendite der 10-jährigen US-Anleihen sogar um 4% gestiegen — und damit so stark wie seit den frühen 1980er Jahren nicht mehr. Damals erhöhte der Fed-Chef Paul Volcker den Leitzinssatz der US-Notenbank in kurzer Zeit von 10,5 auf 19% : ein Vorgang, der die Kreditkosten in den USA explodieren ließ, unzählige Firmeninsolvenzen nach sich zog, die Arbeitslosigkeit nach oben trieb — und als „Volcker-Schock“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

    Die Finanzwelt reagiert heute dementsprechend verängstigt auf die Entwicklung. Von „Märkten in Alarmstimmung“ und einer „Zeitenwende“ schreibt das Handelsblatt. Der Wirtschaftswissenschaftler Mohamed El-Arian spricht davon, dass „ab sechs Prozent (…) der Zerstörungsprozess“ beginne: „Dann geht etwas kaputt.“

    Was sind die Ursachen für die Entwicklung?

    In unsicheren Zeiten von Wirtschaftskrisen und Kriegen versuchen normalerweise viele Anleger:innen, ihr Geld in Staatsanleihen zu sichern. Die Nachfrage nach US-Anleihen müsste nach dieser Logik also im Moment eigentlich steigen und die Rendite sinken.

    Es gibt jedoch entgegenwirkende Faktoren, die nach Ansicht von El-Arian gerade dominieren: Erstens war die amerikanische Notenbank Fed in den vergangenen Jahren ein wichtiger Käufer für US-Anleihen. Sie kauft jedoch im Zuge ihrer veränderten Zinspolitik nun keine mehr. Zweitens haben mit Japan und China die beiden größten Gläubiger der USA ihre Anleihenbestände in den letzten Jahren deutlich zurückgefahren. Im August etwa verkaufte China US-Staatsanleihen in Höhe von 21 Milliarden Dollar. Drittens haben auch zahlreiche US-Banken in der Krise Anleihen verkauft: Da viele Kund:innen angesichts steigender Zinsen ihre Einlagen abziehen und sie in Anleihen oder Fonds anlegen, benötigen die Banken Bargeld, um sie auszubezahlen — und verkaufen deshalb vermehrt ihre Anleihenbestände.

    Bankenkrise: Platzt als nächstes eine Immobilienblase?

    Die tiefer liegende Entwicklung, die den steigenden Anleiherenditen zugrunde liegt, ist jedoch die weltweit explodierende Staatsverschuldung. Die Verschuldung der Euro-Staaten hat sich seit der Wirtschaftskrise 2008 von 6,2 auf 12,9 Billionen Euro verdoppelt. Die Verschuldung der USA hat sich im selben Zeitraum sogar auf fast 34 Billionen Dollar verdreifacht — und entspricht jetzt etwa 120% der jährlichen amerikanischen Wirtschaftsleistung. Da die Notenbanken gleichzeitig drastisch die Zinsen angehoben haben, um die Inflation zu bekämpfen, werden diese Schuldenberge aber immer teurer. Die Zweifel an der Sicherheit von Staatskrediten dürften damit wachsen.

    Was sind die Folgen des Anleihen-Crashs?

    Zahlreiche Banken und Unternehmen haben große Mengen ihres Geldkapitals in Form von Staatsanleihen gehortet, die in den vergangenen Jahren — und jetzt ganz akut — an Wert verloren haben. Das könnte insbesondere kleinere und mittlere Banken in Bedrängnis bringen. El-Arian sieht außerdem Risiken in der Welt der Schattenbanken, also der nicht regulierten Finanzinstitutionen wie Kreditfonds oder Hedgefonds. Auch der Sektor für Gewerbeimmobilien sei gefährdet: „da müssen jede Menge Kredite refinanziert werden, zu Zinsen, die jetzt dreimal so hoch sind“. Der Anleihen-Crash fällt außerdem in eine akute Wirtschaftskrise, in der die letzten großen Bankenpleiten wie die der Silicon Valley Bank gerade erst wenige Monate zurückliegen und die Diskussion über einen neuen Immobilien-Crash wie 2007/08 immer noch anhält.

    Vor allem aber wirft das Ereignis eine langfristige Frage auf: Wie tragfähig ist das Weltfinanzsystem in seiner gegenwärtigen Form noch, wenn es auf der impliziten Annahme beruht, dass die USA sich unbegrenzt verschulden können? Denn diese Annahme steht und fällt mit der Vorherrschaft des US-Dollars als globaler Reserve- und Handelswährung — und diese wird gerade von China und zahlreichen anderen Ländern in Frage gestellt. Damit stellt sich auch immer drängender die Frage, wie lange die Ausdehnung der Kredite im Weltkapitalismus noch andauern kann. Anders gefragt: Steht die globale Kreditblase, die seit den 1970er Jahren aufgepumpt wird, vor dem Platzen?

    • Perspektive-Autor seit 2017. Schreibt vorwiegend über ökonomische und geopolitische Fragen. Lebt und arbeitet in Köln.

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