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Samstag, April 13, 2024
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    Apsilon: „Ich kenn’ das auch, Baba“ – Wohin mit unserer Trauer und Wut?

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    Mit seinem Track „Baba“ gibt Apsilon einen Einblick in die angespannten Herzen der migrantischen Kinder dieser Welt, deren Vorfahren nach Deutschland flüchteten, um zu überleben. Warum Väter (auf Türkisch oder Arabisch „Baba“), die nach Deutschland kamen und hier eine Familie gründeten, so viel Wut über die Jahrzehnte mit sich rumtragen, und wie wir diese in eine Waffe verwandeln können. – Ein Kommentar von Ahmad Al-Balah.

    Apsilon, mit bürgerlichem Namen Arda, kennen viele wegen seines Tracks Köfte, in dem er mit dem deutschen Imperialismus und dem Rassismus ihm und seiner ganzen Familie gegenüber abrechnet. Darin heißt es etwa: „Tag für Tag am Ackern für das Kapital in Taschen vom gleichen Pack, das dreißig Jahre vorher ohne Wimpernzucken Menschen in die Gaskammern verfrachtet hatte.“

    Im November 2023 brachte Arda, der schon vorher mit anti-kapitalistischem, migrantischem Rap viel Aufmerksamkeit gewonnen hatte, dann „Baba“ (zu Deutsch „Vater“) raus.

    „Mein Baba hat ein’ starken Rücken“, heißt es in der erste Zeile. Das dachte auch ich viele Jahre lang von meinem Baba. Bis ich merkte, dass sein Rücken aus demselben Material ist, wie die aller anderen auch. Und dass der deutsche Imperialismus schuld daran ist, dass er ihn aus dem Gazastreifen hier nach Deutschland buckeln musste; dass er ihn krümmen musste unter deutsche Autos, um sich durchzuboxen hier in „Alemania“.

    Mein Baba war der Beste seiner Schule in Gaza. Wenn er gut gelaunt ist, erklärt er mir heute noch das Universum und die Physik hinter der Geschwindigkeit von Usain Bolt. Doch gut gelaunt ist er selten gewesen, besonders nicht dieser Tage.

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    Die Last migrantischer Väter – und Mütter?

    „Mein Baba hat ein’ starken Rücken, der trägt viel mit sich rum bei Nacht“, heißt es weiter. Denn die meisten migrantischen Väter müssen in schlecht bezahlen Jobs arbeiten, bis tief in die Nacht, jeden Tag. Noch dazu tragen sie das Leid ihrer Heimat mit sich rum. Die Last auf ihren Schultern, es in Deutschland zu Reichtum zu bringen und ihre Familien in den deutschen Neokolonien dieser Welt so mit über die Runden zu bringen.

    Doch der deutsche Kapitalismus ist unmenschlich, genauso unmenschlich wie jeder andere Kapitalismus. Die herrschende Klasse hier bricht einen Rassismus vom Zaun, der Migrant:innen gefügig macht für den unmenschlichen Arbeitsmarkt. Wie Ardas Großeltern, die als sogenannte Gastarbeiter:innen in Baracken gepackt wurden, nur um den ganzen Tag für die deutsche Kapitalist:innenklasse zu schuften.

    Man könnte dem Rapper vorwerfen, es sei patriarchal, nur auf die Beziehung zu seinem Vater einzugehen, denn wo bleibt die Hymne auf seine Mutter. Darauf, dass migrantische Frauen und Mütter einer noch weitreichenderen Unterdrückung und Ausbeutung ausgesetzt sind, wird in diesem Track nicht weiter eingegangen. Doch der Schwerpunkt liegt in diesem Lied nun mal auf dem Verhalten seines Vaters und den Lasten, die er trägt. Dabei wird besonders das patriarchale Verhalten seines Vaters wie emotionale Unerreichbarkeit und Verschlossenheit thematisiert.

    Die autoritäre Vater-Kind-Beziehung öffnen für Emotionen

    Arda rappt, er wünscht sich, sein Vater „wär ein bisschen schwächer“, dann hätt’s ihn „nicht kaputtgemacht“ – über die Wut und Frustration hier in Deutschland. Diese typische Erziehung von Männern, Stärke zeigen zu müssen, auch wenn es ihnen schlecht geht, unterscheidet sich kaum in den Gesellschaften weltweit. Dass sich die unterdrückte Wut dann in Form verbaler oder physischer Gewalt entlädt, oft gegenüber den Frauen und Kindern, ist die logische Konsequenz.

    Je mehr Aggressionen gerade Männer auf sich laden und herunterschlucken, desto stärker äußert sie sich an einem anderen Punkt. Die scheinbare Ohnmacht gegenüber der Ausbeutung als Arbeiter:innen und der speziellen rassistischen Unterdrückung als Migrant:innen hier im Herzen des deutschen Imperialismus – gepaart mit den Verbrechen der deutschen Imperialist:innen in ihren Herkunftsländern – wären Grund genug dafür, „dass man als Baba weint, in echt“.

    Unsere Generation, unsere Klasse, unsere Antwort: Widerstand.

    Bei einem Fernsehauftritt holt Arda ein Dutzend seiner migrantischen Freunde auf die Bühne. Alle singen gemeinsam „Ich hab das auch, Baba, ich kenn das auch, Baba“. Was hier mitschwingt ist das geteilte Leid migrantischer Söhne und Töchter (wobei hier nur Söhne auftreten). Und genau darin liegt die Stärke.

    Nicht nur ist geteiltes Leid halbes Leid. Vielmehr sind gestörte Vater-Sohn-Beziehungen inzwischen Alltag. Und obgleich sich die deutsche Kultur von der türkischen oder arabischen unterscheidet, so liegen die Wurzeln der gestörten sozialen Beziehungen doch im Patriarchat und im Kapitalismus begründet. Die Religion, Gesetze und Kultur sind nur Ausdruck dessen.

    Arda hat mit „Baba“ nicht nur das Tabu durchbrochen, über die emotionalen Schwächen unserer migrantischen Väter zu sprechen und diese zu verstehen. Der Track kann uns als junge migrantische Generation als Teil der Arbeiter:innenklasse hier in Deutschland dabei helfen, auch uns emotional zu öffnen, statt Gefühle wie Wut und Trauer zu unterdrücken. Richten wir unsere ganze Frustration über Ausbeutung, Patriarchat und Rassismus nicht gegen die hilflosen Unschuldigen, sondern auf die mächtigen Schuldigen: die deutsche und weltweite Kapitalist:innenklasse!

    • Ahmad Al-Balah ist Perspektive-Autor seit 2022. Er lebt und schreibt von Berlin aus. Dort arbeitet Ahmad bei einer NGO, hier schreibt er zu Antifaschismus, den Hintergründen von Imperialismus und dem Klassenkampf in Deutschland. Ahmad gilt in Berlin als Fußballtalent - über die Kreisliga ging’s jedoch nie hinaus.

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