Unter dem Titel „Kevin Kühnert und die SPD“ ist momentan eine Langzeitdokumentation des NDR in der ARD-Mediathek zu sehen. Die Doku verspricht einen Blick hinter die Kulissen des Politikbetriebs und ist doch selbst nur eine weitere Inszenierung. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Über drei Jahre hinweg wurde Kevin Kühnert an 80 Drehtagen von zwei Filmemacher:innen des NDR, Katharina Schiele und Lucas Stratmann, begleitet. Die Doku will ungefiltert den politischen Alltag Kühnerts und seine Entwicklung vom Juso-Vorsitzenden zum stellvertretenden Parteivorsitzenden des Wahlsiegers 2021 zeigen. So zumindest das Konzept.

Stratmann erklärte im Interview die Spielregeln der Doku: Kühnert entschied, wann gedreht wurde und wann nicht. Ansonsten griffen er und sein Team nach Angaben des Journalisten nicht in den Schnitt ein und bestanden nicht darauf, das Material vor der Ausstrahlung zu sehen.

In sechs Episoden werden also verschiedene Wendepunkte in der Entwicklung Kühnerts und seiner Partei bis zur Bundestagswahl 2021 nachgezeichnet: Wie die ehemalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles abgesägt wird, der nicht ganz so erfolgreiche Europawahlkampf 2019, wie die Jusos dem amtierende Vorsitzenden-Duo Borjans/Esken mit zur Macht verhelfen, Formelkompromisse auf dem SPD-Parteitag zur Abschaffung von Hartz IV und schließlich der Bundestagswahlkampf.

In Summe ist ziemlich deutlich, welches Bild wohl bei den meisten Zuschauer:innen von Kühnert und seiner Rolle in der SPD hängen bleibt: Kühnert ist auch schon mit 30 ein extrem machtbewusster und strategisch denkender Politiker, der sein gerüttelt Maß dazu beigetragen hat, die SPD aus den Untiefen des Umfragekellers im Jahr 2019 zur wahrscheinlichen Kanzlerpartei im Herbst 2021 zu machen.

Ein Zufall? Wohl kaum. Der Eindruck drängt sich schon allein deshalb auf, weil eben Kühnert der unbestrittene Protagonist der Doku ist, nur wird er halt begleitet: was wir sehen, sehen wir durch seine Brille, der einzige Kommentar der Geschehnisse stammt aus seinem Mund.

Überdies aber wird tatsächlich mehr als augenfällig, dass Kühnert kein naiver Vorsitzender der Jusos ist, sondern ein Profi-Politiker. Und als solcher weiß er, auch dieses ungewöhnliche Format zu nutzen, um sich zu inszenieren. Das verhindert auch der erklärte Anspruch der Doku, einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen zu bieten, nicht.

Interessant jedoch ist, dass es sich um eine Art Anti-Inszenierung handelt. Kühnert legt – natürlich wohldosiert und gezielt – offensiv offen, was andere Politiker:innen zu verbergen versuchen: Politik besteht aus Machtkämpfen, Lästereien, großen und kleinen Verschwörungen, Hinterzimmerdeals und vor allem Schauspielerei.

Es sind dies genau die Dinge, die Profi-Politiker:innen sonst in Pressestatements und Talkshow-Auftritten zu verbergen versuchen. In diesem Sinne ist die Doku ein interessantes Gegenstück zu Laschets Lachen im Katastrophengebiet.

Kühnert und Laschet sind beides Profi-Politiker. Die Maske, die beide vor Kameras aufsetzen, hat der eine unabsichtlich fallen lassen, der andere geht offensiv damit um, dass er sie trägt und versucht zu punkten, indem er sich als der Professionellste der Profis zu inszenieren versucht.

Überhaupt zeigt die Doku eindrücklich, wie eng heutzutage die Anforderungen an eine:n bürgerlichen Politiker:in und eine:n Schauspieler:in aneinander gerückt sind. Wo Kühnerts politischer Alltag begleitet wird, treten ständig Momente auf, in denen das deutlich wird:

Das unangenehm künstlich wirkende Lächeln beim Selfie- Machen, der nette Plausch mit Andrea Nahles, bevor und nachdem sich die beiden vor dem Juso-Kongress gegenseitig in die Pfanne hauen, oder der freundschaftliche Austausch und die Neckereien mit CDU-Jungpolitiker Philipp Amthor, die nur davon unterbrochen werden, dass sich beide in einem Fernsehformat zwischendurch gegenseitig ins Wort fallen und scheinbar hochemotional über Sinn und Unsinn von Kapitalismuskritik streiten müssen.

Auch wenn der Politikbetrieb in glaubwürdiger Weise einen überwältigend großen Anteil des Lebens dieser Menschen einnimmt, können sie „Politisches“ und „Privates“ überraschend gut trennen. Hinter den Kulissen begegnen sie sich eher als Kolleg:innen, zu deren Alltag es nun mal gehört, dass sie alle paar Jahre die Machtpositionen an die nächste Generation oder an eine konkurrierende Partei abgeben, auch wenn das –  damit die Illusion der Volksherrschaft erhalten bleiben kann – wahlweise als Schicksalswahl oder Kampf der Ideologien inszeniert wird.

 


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